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Impf-Chaos bringt Hausärzte in Dauerstress

Täglich neue Regeln, viel Bürokratie und Ärger mit den Corona-Impfstoffen: Warum Silvia und Katharina Gerlach in Olbersdorf trotzdem impfen, so viel sie können.

Dr. Katharina Gerlach, Hausärztin aus Olbersdorf, impft ihren Kollegen Dr. Petr Linka gegen Corona.
Dr. Katharina Gerlach, Hausärztin aus Olbersdorf, impft ihren Kollegen Dr. Petr Linka gegen Corona. © Matthias Weber/photoweber.de

Am Dienstagnachmittag ist endlich auch der Assistenzarzt dran: Dr. Katharina Gerlach verpasst ihrem Kollegen eine Dosis Comirnaty, den Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer. Die wäre sonst übriggeblieben an diesem Nachmittag in der Gemeinschaftspraxis von Silvia und Katharina Gerlach in Olbersdorf. Und Dr. Petr Linka, der bei den Gerlachs gerade seine Facharztausbildung zum Allgemeinmediziner macht, hatte bisher immer zurückgesteckt, um den Älteren den Vortritt zu lassen.

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Es ist die 228. Impfung gegen das Coronavirus in der Olbersdorfer Hausarztpraxis. "Es ist schon unglaublich viel, was wir geschafft haben unter diesen Bedingungen", sagt Dr. Silvia Gerlach. "Aber es hätte auch schon viel mehr sein können, wenn es ohne dieses ständige politische Hin und Her ginge, wenn es weniger Bürokratie gäbe und nicht jeden Tag neue Regeln und Entscheidungen. Das nervt und das ärgert uns."

Dass sie in ihrer Praxis überhaupt schon 228 Mal impfen konnten, sei nur möglich gewesen, weil sie, ihre Tochter und der Assistenzarzt zu dritt sind und weil das ganze Praxisteam mitzieht, sagt Dr. Gerlach. Für Kollegen in kleinen Einzelpraxen auf dem Land sei das kaum zu schaffen, befürchtet sie. Vor allem deswegen, glaubt sie, würde es auch Hausärzte geben, die sich nicht am Impfen beteiligen.

"Man hätte uns Hausärzte schon viel früher einbeziehen müssen", ist Dr. Gerlach überzeugt. "Dann wäre die Impfbereitschaft sicher deutlich höher. Zum Hausarzt haben die Patienten Vertrauen." Aber so, wie das hier in Deutschland gelaufen ist? Silvia Gerlach runzelt die Stirn.

Sehr viele können sich jetzt impfen lassen

Vom Biontech-Impstoff hat ihre Praxis diese Woche nur 30 Dosen bekommen, nächste Woche sind 48 Dosen angekündigt. Dafür hat sie von heute auf morgen aus dem Löbauer Impfzentrum eine Sonderlieferung vom weniger beliebten AstraZeneca bekommen. Das kann dort nicht mehr verimpft werden, weil das Zentrum schließt, bevor die Zweitimpfung dran wäre. Aber viele ihrer Patienten wollen kein AstraZeneca.

Das müsse ja auch niemanden wundern bei diesem Hin und Her, sagt Katharina Gerlach. Erst ist der Stoff nur für die Jüngeren, dann nur für die Älteren - und in dem Moment, in dem sie das sagt, hört sie im Radio die Stimme von Sachsens Gesundheitsministerin, die mitteilt, mit dem Vakzin von AstraZeneca können jetzt ab sofort alle geimpft werden - ohne die bisher geltenden Prioritäten.

Die Prioritäten generell aufzuheben, das wäre auch der dringende Wunsch der Gerlachs. Aber so? Mutter und Tochter sehen sich etwas ratlos an: "Das ist ja jetzt eine politische Entscheidung", sagt Silvia Gerlach. "Wir Ärzte müssen uns aber an die Empfehlung der Ständigen Impfkommission halten. Und die ist bisher bei der Empfehlung geblieben, AstraZeneca nur für Menschen ab 60 zu verwenden. Also wirklich weiter kommen wir damit jetzt nicht."

Trotzdem werben die Ärztinnen dafür, dass sich jetzt auch Jüngere so schnell wie möglich impfen lassen. "Das ist ja schon jetzt für jeden Impfstoff zulässig für alle, die priorisiert sind - und das sind inzwischen sehr viele", erklärt Silvia Gerlach. Impfen lassen können sich jetzt unter anderem beispielsweise auch alle, die in der „kritischen Infrastruktur“ arbeiten: im Handel, bei der Energie- und Wasserversorgung, bei Dienstleistern, in Beratungsstellen und Banken, im Nahverkehr, in sozialen Einrichtungen, im Bestattungswesen und vielen Bereichen mehr. Berechtigt sind auch Angehörige von Schwangeren und alle, die zu Hause Pflegebedürftige betreuen.

Impftermine zu organisieren, ist ein Kraftakt

Zwölf Olbersdorfer hat Silvia Gerlach an diesem Dienstagnachmittag zum Impfen eingeladen. Die Impftermine müssen extra organisiert werden - während der regulären Sprechzeiten funktioniert das nicht. Denn wenn eine Impfstoff-Ampulle einmal angerissen ist, müssen hintereinander sechs Patienten zum Impfen da sein. Beim AstraZeneca sogar zehn Patienten pro Ampulle.

"Das zu organisieren, ist jedes Mal ein Kraftakt", sagt die Ärztin. Alle Patienten, die sich impfen lassen wollen, hat sie in eine Liste eingetragen. Die telefoniert sie ab. Dann folgt erst einmal der bürokratische Aufwand: Die Patienten müssen einen vierseitigen Aufklärungsbogen und eine Einwilligungserklärung unterschreiben und einen zweiseitigen Anamnesebogen ausfüllen. Bei vielen Älteren müssen die Mitarbeiter in der Praxis helfen. "Dabei klären wir doch ohnehin bei jeder Impfung auf", sagt Silvia Gerlach.

Wenn sie die Impfungen später bei der Kassenärztlichen Vereinigung abrechnet, muss sie sich gut konzentrieren, um nichts falsch zu machen: Für jeden Fall gibt es unterschiedliche Zifferncodes: Erst- oder Zweitimpfung, Altersgruppe, Beruf, verwendeter Impfstoff. Was für ein Aufwand! Dabei macht das für das Honorar, das immer dasselbe ist, überhaupt keinen Unterschied.

"Wir müssen mit dem Coronavirus leben lernen"

Warum Silvia und Katharina Gerlach trotzdem impfen, so viel sie nur können? "Ganz einfach", sagt Katharina Gerlach: "Weil wir mit dem Virus leben lernen und eine Abwehr schaffen müssen - und das geht nur über das Impfen. Das ist der einzige wirksame Schutz." Die 34-Jährige ist Fachärztin für innere Medizin und vertraut den zugelassenen Impfstoffen. "Es ist doch klar, dass wir noch nicht auf alles eine Antwort haben", sagt sie. "Wir wissen auch, dass bei jeder Art von Impfung - äußerst selten - Nebenwirkungen auftreten können. Aber wiegt das den Erfolg der Impfung auf?"

Ihre Mutter sieht das genauso: Silvia Gerlach ist jetzt 62. "In meiner Altersgruppe liegen sie jetzt auf der Intensivstation", sagt sie, "derzeit auch ein guter Bekannter der Familie." 450 Patienten ihrer Praxis waren und sind noch an Corona erkrankt, einige von ihnen sehr schwer. Seit September hat sie 35 Totenscheine ausgeschrieben, auf denen sie eine Covid-Infektion vermerken musste. Ihr jüngster Patient, der gestorben ist, war 68. "Er hätte noch gut zehn, 15 Jahre leben können", sagt sie. Und deswegen impft sie auch am Mittwochnachmittag wieder.

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