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"Der Wolf ist nicht unser Hauptproblem"

Das ist die afrikanische Schweinepest. Und dabei wurden Fehler gemacht, sagt Mathias Kappler aus Hainewalde. Der neue Chef des Kreisjagdverbandes will einiges ändern.

Mathias Kappler ist der neue Vorsitzende des Kreisjagdverbandes Oberlausitz. SZ sprach mit ihm über Wolf, Rehwild und Schweinepest.
Mathias Kappler ist der neue Vorsitzende des Kreisjagdverbandes Oberlausitz. SZ sprach mit ihm über Wolf, Rehwild und Schweinepest. © Matthias Weber/photoweber.de

Mathias Kappler ist Jäger mit Leib und Seele. Schon als Vierjähriger hat ihn sein Vater mit zur Jagd genommen. Mit Waidmannsheil und Waidmannsdank könnte sich inzwischen die gesamte Familie des 53-jährigen Hainewalders grüßen. Denn neben seiner Frau Katrin widmen sich auch seine Kinder Robert (31) sowie die Jungjägerinnen Laura (18) und Maxi (17) der Hege und Pflege der Tiere des Waldes. Mathias Kappler will etwas bewegen im Kreisjagdverband Oberlausitz, dessen neuer Vorsitzender er jetzt ist.

Herr Kappler, im Wald sind Wölfe, die Wildschweine haben Pest und Rehe gibt’s angeblich auch zu viele – es gab schon einmal bessere Zeiten für einen Jäger. Warum tut man sich das an und wird neuer Jagdverbandschef?

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Als jahrelanger Stellvertreter ist mir von vielen Seiten angetragen worden, dass ich mich zur Wahl stellen sollte. Im Verband haben sie gemerkt, dass ich einiges verändern würde. Sie haben gesehen, Jagd geht auch anders. Ich stehe für die alten Traditionen und kann aber auch diese mit dem neuen, was auf die Jagd zukommt, verbinden.

Beispielsweise beim Thema Wolf?

Zum Wolf habe ich eine ganz klare Meinung. Er sollte nicht unser Hauptthema sein. Das ist vielmehr die ASP - die afrikanische Schweinepest. Beim Wolf wird viel aufgebauscht. Unser Gebiet durchstreifen vor allem zwei Rudel. Das Großhennersdorfer und das Rumburker. Wenn man bedenkt, dass der Wolf in einer Nacht einen Aktionsradius von 100 Kilometern haben kann, ist es naheliegend, dass ein und dasselbe Tier in verschiedenen Orten gesehen wird.

Ich bin für Aufklärung aber auch für einen Abschuss, wo es nötig wird, damit der Bestand nicht überhandnimmt. Das merkt man am Wildverhalten. Es tritt nun oft viel später nach der Dämmerung heraus, als früher. Und in manchen Gebieten drückt der Wolf das Rehwild immer mehr in die Dörfer rein. Ich weiß von einem Beispiel, da steht eine große Gruppe von Damwild an einem Zaun einer Schafweide, weil dort der Schäfer Tag und Nacht Hirtenhunde mit auf der Weide lässt und deshalb die Wölfe nicht herankommen. Und leider stimmen eben auch die Zahlen, über die Wolfsdichte vom Wolfs-Monitoring nicht. Da wird beispielsweise eine Fähe mit drei Jungen geführt, obwohl wir anhand von Fotofallen eindeutig sehen, dass sie sechs hat. Und das ist kein Einzelbeispiel. Man kann die Zahlen quasi verdoppeln.

Es gibt Stimmen, die behaupten die Elektrozäune bewirken gegen das Einwandern der Wildscheine von Polen gar nichts?

Das Geld für die Zäune und die Arbeit hätte man sich schenken können. Der Zaun wird die Seuche nicht aufhalten. Er verschafft nur Zeit. Eine Seuche bei Wildtieren lässt sich nicht so leicht händeln, wie bei Haustieren. Im Landkreis Görlitz wurden etwa 200 Kilometer Zaun wegen der Wildschweine gezogen. Davon sind 90 Kilometer Elektrozaun und 110 feste Zäune. Das betrifft eine Fläche von 135 Quadratkilometern. 80 Quadratkilometer davon sind Bundesforstgebiet und für 55 ist der Landkreis zuständig.

Oft stehen auch die Elektro-Zäune nicht unter Strom. Im hohen Gras leiten sie sich den Strom selber ab. Zudem gibt es mutwillige Zerstörungen. Die Seuche ist im Oktober 2020 auch zu uns gekommen. Im November und Dezember wurde uns Jägern aber eine Jagd-Ruhe verordnet. Das war aus heutiger Sicht ein Fehler. Auch hätte man gleich Sauenfallen aufstellen sollen.

Es wäre besser gewesen, die Wildscheine wären im Kerngebiet der ASP in Brandenburg und im nördlichen Teil des Landkreises in Ruhe gelassen und dafür dort stark bejagt worden. Alle im Kerngebiet geschossenen Wildschweine werden entsorgt. Da sie nicht gleich untersucht werden, können auch die gesunden Tiere nicht vermarktet werden.

Wie sieht es mit dem Rehwild aus? Haben wir zu viel davon oder ist der Bestand durch den Wolf stark reduziert worden? Wie sieht es generell aus mit Wild in unseren Wäldern?

Unser Wildbestand ist gut. Und speziell der Rehbestand ist im Allgemeinen super. Natürlich hat der Wolf in einigen Gegenden das Reh etwas verdrängt oder reduziert. Mal abgesehen vom Wolf hat das Reh- und Rotwild jetzt bessere Bedingungen im Wald als noch vor ein paar Jahren. Die Wälder haben sich aufgelichtet. Früher haben wir überlegt, wo sie Äsungsflächen im Wald haben. Jetzt gibt es durch die Folgen des Borkenkäferbefalls und der Trockenheit reichlich davon, weil Baumbestände auf großen Flächen gefällt werden mussten. Nach den Wiederaufforstungen setzen der Sachsenforst und die Waldbesitzer natürlich darauf, dass wir mehr Rehe schießen.

Wie stehen sie zu den Treibjagden im ehemaligen Ostritzer Klosterwald, wo im Privatwald schon wiederholt die Hinterlassenschaften einer Jagd einfach liegengelassen wurden?

Das kann ich nicht gutheißen. Man könnte sagen, andere Jäger aus anderen Gebieten, andere Sitten. Aber schön und gut ist so etwas nicht.

Wie sieht es mit Jägernachwuchs aus. Seit Jahrzehnten heißt es, die Jägerschaft ist überaltert?

Das ändert sich jetzt. Wir haben mittlerweile mehr Jungjäger als freie Reviere. Hier muss langsam ein Umdenken und auch Loslassen stattfinden. Altersbedingt gehen bei einigen von uns die Abschusszahlen stark zurück. Die Altjäger müssen und sollen die Jungen anlernen. Aber irgendwann auch die Verantwortung für ein Revier abtreten. Sie bleiben ja trotzdem Jäger und gehen auf die Jagd.

Was haben sie sich noch vorgenommen, zu verändern?

Ein Teil ist ja schon angesprochen worden. Ich will die Öffentlichkeitsarbeit verbessern. Jäger zu sein, heißt nicht in erster Linie auf die Jagd zu gehen, sondern Hege und Pflege des Wildes. Wir haben uns im Verband für 4.000 Euro eine Drohne für die Kitz-Rettung angeschafft. Damit können wir bei einer Grasmahd über die Fläche fliegen, um zu sehen, ob sich ein Rehkitz darin versteckt. So etwas müssen wir künftig besser kommunizieren. Und ich will Anreize schaffen, dass es sich lohnt, im Jagdverband organisiert zu sein.

Warum sind so viele Jäger nicht drin?

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Dafür gibt es unterschiedliche Gründe, manchmal vielleicht auch private Befindlichkeiten. Die 90 Euro Jahresbeitrag können es eigentlich nicht sein. Wir haben im Jagdverband Oberlausitz etwa 450 Jäger. Nur 209 sind Mitglied im Verband. Wir werden künftig auch nur ihnen Schulungen anbieten und sie sollen Vergünstigungen und Rabatte bekommen.

Jagd ist ein Hobby, doch mittlerweile übernehmen die Jäger amtliche Verpflichtungen - und das immer mehr. Wir sind nicht die Bösen.

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