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PLUS Familienkompass 2020 Zittau

Ärztemangel? Nicht auf dem Papier!

Stundenlang im Wartezimmer und den Facharzttermin erst nach Wochen: Dabei ist die Region Löbau/Zittau laut Statistik mit Medizinern überversorgt. Wie passt das?

Laut Kassenärztlicher Vereinigung gibt es im Raum Löbau-Zittau ausreichend Kinderärzte. Eltern sehen das anders.
Laut Kassenärztlicher Vereinigung gibt es im Raum Löbau-Zittau ausreichend Kinderärzte. Eltern sehen das anders. © Sven Ellger

Nur mal vier Beispiele: Auf den frühestmöglichen Termin für eine ziemlich dringende MRT-Untersuchung der Nackenwirbelsäule hat Martha Winter fünf Wochen warten müssen. Die Frau aus dem Oberland ist dafür nach Görlitz gefahren, in die dritte Praxis, die sie angerufen hatte. In den anderen beiden in Löbau und Bautzen hätte das Warten auf einen Termin noch länger gedauert. 

Die Sprechstundenhilfe der Frauenärztin konnte ihr als schnellstmöglichen Termin für die Routine-Untersuchung den Freitagvormittag nennen - in sechs Wochen. Auf den  Untersuchungstermin beim Augenarzt hat sie sieben Wochen gewartet, auf den beim Orthopäden ein Vierteljahr. 

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"An der Situation hat sich seit Jahren nichts geändert", sagt sie. Und mit diesem Gefühl ist Martha Winter nicht die einzige. Bei der aktuellen Umfrage zum SZ-Familienkompass sagen zwei von drei Teilnehmern aus dem Oberland, dass es schwer ist, einen Facharzttermin zu bekommen und beurteilen die Termin-Frage insgesamt als schlecht oder eher schlecht. Nur einer von zehn Befragten ist mit der Situation zufrieden.

Die Umfrage-Ergebnisse für Ebersbach-Neugersdorf

© SZ Grafik
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Die Frage, ob es aus ihrer Sicht überhaupt genügend Fachärzte gibt, beantworten mehr als 70 Prozent mit schlecht und eher schlecht. Mit der Situation bei den Kinderärzten sind nur 5,8 Prozent aller befragten Eltern zufrieden. Die große Mehrheit ärgert sich vor allem über lange Wartezeiten in den Sprechzimmern.

Insgesamt geben die Eltern aus Ebersbach-Neugersdorf der ärztliche Versorgung mit Haus- und Fachärzten die Note 3,8.  Auf der Zufriedenheitsskala zwischen 1 und 5 liegt das Oberland damit unter dem Durchschnitt, der im Kreis Görlitz bei 3,5 und im gesamten Land Sachsen bei 3,1 liegt.

Dabei ist auf dem Papier doch alles bestens? Denn nach den Berechnungen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Sachsen ist die Region Löbau/Zittau mit Fachärzten sogar überversorgt: Bei den Kinderärzten zum Beispiel hat die KV in der Region Löbau- Zittau eine Abdeckung zu 136,7 Prozent ausgerechnet. Ein zusätzlicher Kinderarzt würde in diesem Planungsraum also gar keine Zulassung für eine Praxis mehr bekommen.

Dabei können sich die niedergelassenen Kinderärzte im Raum Löbau-Zittau vor Arbeit kaum noch retten. Im Durchschnitt behandeln sie rund 1.100 Kinder in jedem Quartal. Als Dr. Alice Möckel Anfang des Jahres mit ihrer Kinderarzt-Praxis von Löbau nach Oppach umgezogen war, war die Freude im Oberland über mehr Kapazitäten die neue Praxis in der Nähe nur von kurzer Dauer. Denn die allermeisten ihrer Patienten aus Löbau halten Frau Dr. Möckel die Treue und nehmen jetzt eben den weiteren Weg nach Oppach auf sich. Sie kommen sogar bis aus Weißenberg und Hochkirch - auch weil ja nun in Löbau eine Kinderärztin weniger da ist.

Kassenärztlicher Notfalldienst wird kaum genutzt

In den anderen Facharztgruppen sieht es auf dem Papier nicht anders aus: Mit Augenärzten ist die Region nach den Berechnungen der KV zu 123,6 Prozent versorgt, mit Frauenärzten zu 148,1 Prozent, mit Neurologen zu 112,2 Prozent, mit Chirurgen und Orthopäden zu 152,2 Prozent. Lediglich bei den Kinder- und Jugend-Psychiatern stellt die KV eine Unterversorgung mit nur 60 Prozent fest. Drei Vollzeitstellen sind auf diesem Fachgebiet im gesamten Südkreis besetzt, zweieinhalb weitere wären für eine zusätzliche Niederlassung noch offen.

Wie aber passt das zusammen mit den langen Wartezeiten in den Wartezimmern und auf Termine? Ist der Ärztemangel tatsächlich nur ein gefühlter? Der Oderwitzer Hausarzt Dr. Gottfried Hanzl, Sprecher der niedergelassenen Ärzte im Landkreis, beantwortet diese  Frage mit einem Jein. 

Die Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung müsse auch aus seiner Sicht kritisch überprüft werden und bestätigt das Gefühl der Eltern: Die Zahl der Kinderärzte, gerade auch im Oberland, sei seiner Meinung nach tatsächlich zu knapp bemessen.

Gottfried Hanzl sagt aber auch, dass sich die Personalsituation in den Arztpraxen in den letzten Jahren spürbar verbessert habe. Auch die medizinischen Versorgungszentren, die Fachärzte einstellen, tragen dazu bei, dass sich die Bedingungen für Patienten weiter verbessern.

Und Hanzl verweist auf den Kassenärztlichen Notfalldienst, den es im Landkreis gibt - der aber von Patienten kaum in Anspruch genommen werden. "Wir haben den Dienst für jeden Mittwoch- und Freitagnachmittag und für die Wochenenden eingerichtet", erklärt er, "auch einen kinderärztlichen Notfalldienst". Die Übersicht über der Bereitschaftspraxen gibt es auf der Internetseite der KV Sachsen, im Lokalteil der SZ und unter der Rufnummer: 116117.

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