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Unglaublich: Ein Stoff aus Pferdehaaren

Zehn Jahre und alle ihre Erfahrung brauchen ein paar hartnäckige Enthusiasten aus Großschönau, bis ihnen ein abenteuerliches Experiment glückt.

Textilfachmann Wolfgang Winkler erzählt die abenteuerliche Geschichte eines ganz besonders edlen Stoffs.
Textilfachmann Wolfgang Winkler erzählt die abenteuerliche Geschichte eines ganz besonders edlen Stoffs. © Matthias Weber

Ein wunderschöner Stoff! Das sieht man auf den ersten Blick. Sehr edel. Richtig luxuriös sogar! Aber für diese anthrazitgrau glänzende Biedermeier-Sitzgarnitur extra ein Museum bauen? Wolfgang Winkler schmunzelt verschmitzt. Die Frage hat der Textilfachmann aus Großschönau erwartet. Und er holt weit aus, um sie zu beantworten.

Dieser Stoff nämlich, mit dem die beiden Lehnstühle und das Kanapee bezogen sind, die jetzt im extra eingerichteten Schaufenstermuseum am Großschönauer Gemeindeamt stehen, ist ein ganz besonderer - und das Ergebnis eines abenteuerlichen Experiments. 

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"Zehn Jahre hat es gedauert, bis es endgültig geglückt ist", erzählt Wolfgang Winkler. Der 70-Jährige mit dem verschmitzten Lächeln ist der Vorsitzende des Fördervereins vom Deutschen Damast- und Frottiermuseum. Großschönauer Textikfachleute wie er hatten den Verein nach der Wende gegründet, um mitzuhelfen, das europaweit so besondere Erbe der Großschönauer Damastweberei zu bewahren.

So sieht er aus, der Rosshaar-Jacquard - neu gewebt auf einem historischen Webstuhl.
So sieht er aus, der Rosshaar-Jacquard - neu gewebt auf einem historischen Webstuhl. © Matthias Weber
Zehn Jahre hat es gedauert, bis die vollkommen verschlissenen Sitzmöbel aus dem Großschönauer Museumsbestand nun wieder in edlem Glanz strahlen. Zu bestaunen sind der Stoff samt Webstuhl im neuen Schaufenstermuseum im Gemeindeamt.
Zehn Jahre hat es gedauert, bis die vollkommen verschlissenen Sitzmöbel aus dem Großschönauer Museumsbestand nun wieder in edlem Glanz strahlen. Zu bestaunen sind der Stoff samt Webstuhl im neuen Schaufenstermuseum im Gemeindeamt. © Matthias Weber
Es ist wirklich echtes Rosshaar, aus dem dieser edle Möbelbezugsstoff gewebt ist.
Es ist wirklich echtes Rosshaar, aus dem dieser edle Möbelbezugsstoff gewebt ist. © Matthias Weber
Wolfgang Winkler ist der Vorsitzende des Fördervereins des Deutschen Damast- und Frottiermuseums in Großschönau. Über das Museum oder die Touristinformation können Führungen ins Schaufenstermuseum vereinbart werden.
Wolfgang Winkler ist der Vorsitzende des Fördervereins des Deutschen Damast- und Frottiermuseums in Großschönau. Über das Museum oder die Touristinformation können Führungen ins Schaufenstermuseum vereinbart werden. © Matthias Weber
Einer der beiden Tüftler und Neu-Erfinder der alten Rosshaar-Jacquard-Webtechnik: Gottfried Pilz, Diplom-Ingenieur für Textiltechnik aus Großschönau. 
Einer der beiden Tüftler und Neu-Erfinder der alten Rosshaar-Jacquard-Webtechnik: Gottfried Pilz, Diplom-Ingenieur für Textiltechnik aus Großschönau.  © Matthias Weber
Helmut Kahlert war Webmeister in Großschönau. Gemeinsam mit dem Textilfachmann Gottfried Pilz hat er maßgeblichen Anteil am Erfolg des Rosshaar-Jacquard-Experiments.
Helmut Kahlert war Webmeister in Großschönau. Gemeinsam mit dem Textilfachmann Gottfried Pilz hat er maßgeblichen Anteil am Erfolg des Rosshaar-Jacquard-Experiments. © Matthias Weber

Die Sitzgruppe stand lange im Wäntig-Zimmer im Museum. Man hatte sie dem berühmten Textikfabrikanten Christian David Wäntig zugeschrieben. Alte Fotos zeigten aber später, dass in der Fabrikantenvilla eine ganz andere Sitzmöbelgruppe gestanden hat. Die, die sich damit als falsch erwies, kam ins Depot.

"Aber es war ja immer noch eine ganz besondere", erklärt Wolfgang Winkler. Denn wo findet man schon noch ein Sitzmöbel, das mit einem Gewebe aus Rosshaar bezogen ist? Wie bitte? Pferdehaare? Wolfgang Winkler nickt andächtig und zeigt auf den alten Webstuhl, der neben der Sitzgruppe im den kleinen Schaufenster-Raum steht.

Auf dem Webstuhl spannt ein Stück Stoff. Die Schussfäden, die links und rechts aus dem Jacquard-Gewebe lugen, sind tatsächlich die Haare aus einem Pferdeschweif - verwebt von geschickten Händen der Vereinsmitglieder. "Das erscheint mir immer noch unglaublich, wie die das hinbekommen haben", sagt Wolfgang Winkler und meint vor allem seine beiden Vereinsfreunde Helmut Kahlert und Gottfried Pilz, denen das abenteuerliche Experiment "Rosshaar" maßgeblich gelungen ist.

Mit Rosshaar aus der Mongolei ging es nicht

Die Sitzgarnitur sei total verschlissen gewesen, sagt Wolfgang Winkler. Und die Textil-Experten aus Großschönau hätten beschlossen: Das versuchen wir. Aber das war leichter gesagt als getan. Und am Ende hat es zehn Jahre gedauert.

"Zuerst musste ja ein Webstuhl her", erzählt Winkler. Den in einer alten Scheune zu finden, sei ein großer und glücklicher Zufall gewesen - ihn wieder herzurichten danach allerdings eine langwierige und aufwendige Arbeit. 

Die Weberei mit Rosshaar ist sehr alt und sehr selten. "Heute ist darüber kaum noch Material zu finden", sagt Winkler. In Hainewalde wurde ganz früher mal das feine Netzgewebe für Siebe aus Rosshaar gewebt, aber auch darüber ist heute kaum noch Wissen vorhanden. "Also mussten wir uns selber helfen", sagt der Rentner.

Als der Webstuhl wieder funktionstüchtig war, standen die Vereinsmitglieder aber schon vor der nächsten schwierigen Frage: Wo bekommen sie nun das Rosshaar her? "Das sollte ja auch noch mindestens 50 bis 80 Zentimeter lang sein, damit der Stoff auch entsprechend breit gewebt werden kann", erklärt Winkler.

Mit rohen Pferdeschweifen, die Vereinsmitglieder zuerst aus der Mongolei besorgt hatten, ging es jedenfalls nicht. Die hätten sich schnell als ungeeignet erwiesen, erzählt der Vereinsvorsitzende. Später erinnerte sich jemand daran, dass doch auch die Bespannung von Geigenbögen aus Rosshaar ist. Über diesen Weg kamen Pferdeschweife schließlich auch nach Großschönau.

Doch auch die ließen sich nicht so einfach verweben: Sie waren viel zu steif. Die Männer seien dann auf die Idee gekommen, sie in verdünntes Essigwasser einzulegen, nachdem zuvor schon Versuche mit Regenwasser gescheitert waren. 

Auch das Weben selbst stellte die Protagonisten vor eine schwierige Aufgabe. "Normalerweise ist der Schussfaden ja endlos auf einer Spule, das Schiffchen fährt damit immer hin und her. Ein Pferdehaar aber ist immer nur ein einzelnes Haar." Durch Röhrchen, anfangs aus Holunderzweigen, später aus Metall, musste jedes Haar einzeln eingefädelt werden.

Das Abenteuer ist geglückt

Das Abenteuer ist geglückt: Rosshaar-Jacquard made in Großschönau. "Eine großartige Leistung", so fanden auch Bürgermeister Frank Peuker (parteilos) und die Großschönauer Gemeinderäte. Sie entschieden, der Sitzgarnitur und dem Webstuhl einen besonderen Platz zu geben. 

Ein ungenutzter Raum in der schönen Galerie an der Park-Seite des Gemeindeamts, der gerade die passende Größe hatte, wurde saniert und zum Schaufenstermuseum hergerichtet. Künftig kann die Sitzgarnitur dort ständig durchs Schaufenster besichtigt werden. Und wer den Stoff ganz nah betrachten und seine Geschichte hören will, der kann eine Führung buchen in das vielleicht kleinste Museum der Welt.   

Führungen können über das Damastmuseum oder die Touristinformation gebucht werden.

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