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Die dramatische Flut-Rettung von Ostritz

Das Neiße-Hochwasser überrascht eine Schafs-Herde. Ein ungeahntes Problem beim Hilferuf des Schäfers verschärft die Lage noch. Die Feuerwehr hilft.

Am Tag nach der dramatischen Rettung hat der Schäfer seine Tiere auf eine höher gelegene Wiese in Ostritz gebracht.
Am Tag nach der dramatischen Rettung hat der Schäfer seine Tiere auf eine höher gelegene Wiese in Ostritz gebracht. © Danilo Dittrich

Am Tag nach der Flut klingt das "Määäh" aus 240 Schafskehlen nicht mehr ängstlich, sondern zufrieden gesättigt vom frischen Gras. Doch am Abend zuvor drohte den Tieren der Tod in den Fluten der Neiße. Das Hochwasser hatte die Herde auf ihrer Weide am Ostritzer Neiße-Ufer überrascht. Die Feuerwehr rückte an und leistete dem verzweifelten Schäfer rettende Hirtendienste - doch die Alarmierung der Kameraden war für den Schäfer gar nicht so einfach.

Rund zwei Wochen hatte die Herde schon auf der gut 18 Hektar großen Wiese in Ostritz geweidet. "Meine Herde erledigt für Landwirte immer den dritten und vierten Grasschnitt im Herbst", sagt der Schäfer. Weil das Gras dann kaum noch wächst, ist die maschinelle Mahd für den Landwirt zu aufwendig - liefert dem Schafzüchter aber wertvolles Futter, bevor es für seine Tiere in den Winterstall geht. Eine Win-Win-Situation für Landwirt und Schäfer. "Und die Herde hätte dort auch noch für gut drei Wochen genügend Futter gehabt", sagt der Schafzüchter - aber dann kam am Mittwoch die Flut.

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Dabei hatte der Schäfer den Pegel durchaus im Auge. "Als ich gegen 15 Uhr nach der Herde geschaut habe, war die Neiße noch in ihrem Bett", sagt er. Er sei zuversichtlich gewesen, dass seine Tiere dort trocken und sicher stehen. Gegen 17 Uhr aber sei die Lage unversehens eskaliert. Zu dieser Stunde hatte der Fluss nämlich schon Teile der Wiese überflutet. Die Tiere hatten sich bereits auf die höchste Stelle des Geländes zurückgezogen. "Und die Schafe wollten nicht mehr da weg, weil Schafe nicht gerne durch Wasser laufen. Die Tiere waren bedroht - und die Dunkelheit nahte. 

Das Problem mit dem polnischen Netz

Das war die Situation, in der der Schäfer erkannte, dass er Hilfe brauchte. "Ich war ziemlich verzweifelt" sagt er. Doch allein der Hilferuf wurde zu einem Hürdenlauf. "Es ist schwer, aus dem polnischen Mobilfunknetz die deutsche Rettungsleitstelle zu erreichen", sagt er. Denn schon auf deutscher Seite wählen sich viele Mobiltelefone in Ostritz automatisch ins polnische Netz ein. "Ich bin hoch an die Straße gelaufen zum Dönerladen, der hatte deutsches Netz", erzählt der Schäfer. Zunächst rief er die Rettungsleitstelle an, um zu erfahren, ob der Pegel in der nächsten Stunde wieder fallen würde. Die Leitstelle hätte ihn für diese Auskunft aber an die Feuerwehr Görlitz verwiesen. "Dort konnte man mir auch keine Auskunft geben", sagt der Schäfer. Die Görlitzer Wehr alarmierte dann schließlich wieder über die Rettungsleitstelle die Ostritzer Kameraden.

Doch vorher musste der Schäfer noch eine Gefahr für die anrückenden Helfer wegschaffen - seine beiden Hütehunde. Die bewachen die Herde bei Tag und Nacht als Wolfsschutz. Der Rüde der Rasse Maremmen-Abruzzen-Schäferhund wiegt 65 Kilogramm. "Der muss so einem Wolf ja was entgegensetzen", sagt der Schäfer. Aber so ein wachsamer Hütehund kann auch Feuerwehrkameraden etwas entgegensetzen. "Die Hunde würden die Helfer als Gefahr für die Schafe einordnen", sagt der Schäfer - besonders, wenn die Tiere wegen des Hochwassers in Panik-Stimmung sind.

Ein Lob für die Hirtendienste der Kameraden

Die Feuerwehr rückte dann gegen 19.20 Uhr mit zwölf Kameraden an. Es war bereits stockdunkel. "Wir haben uns mit unserem Fahrzeug auf den Fahrradweg, der ja auch als Damm dient, gestellt und die Weide ausgeleuchtet", beschreibt Ostritz' Stadtwehrleiter Matthias Franke. Dieses Szenario verängstigte die Tiere zusätzlich. "Die Tiere gehen nicht gerne durch Wasser und haben dann in der angestrahlten Wasserfläche noch Spiegelungen gesehen", erklärt er. 

Und die Kameraden waren keine Sekunde zu früh gekommen. "Eine Senke war schon gut 40 Zentimeter von Wasser durchströmt", sagt der Schäfer. Unter seiner Anleitung hätten mehrere Kameraden die Schafe mit sanftem Druck vor sich hergetrieben, damit sie durch das Hindernis laufen. "Wenn eines läuft, dann laufen die anderen auch hinterher", sagt Stadtwehrleiter Franke. Aber der Schäfer ist voll des Lobes für die Arbeit der Kameraden: "Da braucht man schon Fingerspitzengefühl dafür, und das haben die Kameraden bewiesen." Und der Wehrleiter erinnert sich lachend: "Die Hunde hatte er ja wegbringen müssen. Deshalb waren wir seine Schäferhunde." Und nach rund einer Stunde waren die Schäfchen im Wortsinn ins Trockene gebracht.

Nicht der erste tierische Einsatz für Matthias Franke und seine Wehr. "Im letzten Jahr mussten wir mal ein Pferd aus der Neiße holen, das von einer Koppel ausgerissen war", erzählt er. Auch damals seien die Kenntnisse einiger Kameraden über das Verhalten von Pferden sehr nützlich gewesen. "Ich reite auch immer beim Osterreiten mit, da kann man das schon gut einschätzen", sagt Franke.

Nach der Flut schmeckt das Gras nicht mehr

Schäfer und Feuerwehr-Kameraden trieben die Schafe rund 500 Meter auf eine sichere Wiese im Ostritzer Gewerbegebiet. Dort hatte der Schäfer mit Zäunen ein provisorisches Gatter abgesteckt. Am Donnerstag lud er die Tiere schließlich auf einen Hänger und brachte sie auf eine andere höher liegende Weide in Ostritz. 

Der Pegel der Neiße war zwar am Donnerstag wieder deutlich gefallen und der Fluss in sein Bett zurückgekehrt, aber: "Nach der Überflutung schmeckt den Schafen das Gras dort nicht mehr", sagt der Schäfer. Auf ihrer jetzigen Weide hätten die Tiere auch noch genügend Gras für die nächsten zwei bis drei Wochen. Dann geht's ins trockene und warme Winterquartier.

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