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Physik-Rätsel im Ringraser-Prozess

Das Landgericht Görlitz verhandelt in Berufung gegen drei Zittauer - und erwägt eine ungewöhnliche Beweisaufnahme.

Ringraser sind ein Verkehrssicherheits-Problem in Zittau.
Ringraser sind ein Verkehrssicherheits-Problem in Zittau. © Symbolfoto: Sebastian Gollnow/dpa

Es ist ein deutschlandweites - und mitunter tödliches - Problem: Junge Männer, die ihre Kraft über die PS-Zahl ihrer Autos definieren und sich innerorts gefährliche Rennen liefern. Zittau hat seine "Ringraser" - denn der Stadtring ist eine beliebte Piste für PS-Protze. Drei davon stehen nun vor dem Landgericht Görlitz wegen eines "verbotenen Kraftfahrzeugrennens". Das Amtsgericht Görlitz hatte zwei von ihnen im September 2020 zu einer Bewährungshaftstrafe verurteilt, den Dritten als Beifahrer freigesprochen. Zwei der jungen Männer waren wegen ihrer Verurteilung in Berufung gegangen, für den Dritten wollte die Staatsanwaltschaft den Freispruch nicht akzeptieren.

Ortskundige in Zittau wissen es mittlerweile: Wenn auf dem Stadtring ein oder mehrere PS-Boliden mit der Buchstaben-Kombination "GT" im Kennzeichen auftauchen, empfiehlt es sich, in Deckung zu gehen. Denn unter dem saloppen Namen "GT-Bande" sind in der hiesigen Justiz mittlerweile mehrere junge Männer bekannt, die sich mit ihren hochmotorisierten Autos mitunter auch als "Ringraser" hervortun.

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So war es nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft auch am Abend des 18. Januar 2020. An jenem Sonnabend sollen zwei Männer in ihren Audi A8 an der Ampel am Ottokarplatz in Zittau ein Rennen gestartet haben - auf dem Beifahrersitz eines der Fahrzeuge saß der nun mitangeklagte Besitzer eines der beiden A8. Mit bis zu 120 Stundenkilometern sollen die Fahrer dabei über den Ring gerast sein - stets verfolgt von einer Polizeistreife.

Wie verhält sich ein A8?

Da es kein Messergebnis über die tatsächlich gefahrene Geschwindigkeit der beiden A8 gibt, stützt sich die Anklage beinahe allein auf die Angaben der beiden Streifenpolizisten, die den Start des "Rennens" beobachteten und sofort die Verfolgung aufnahmen. Und da kommt es auf jedes Detail der Aussage an. Als Beweis für ein nach dem Strafgesetzbuch "verbotenes Kraftfahrzeugrennen" führt die Anklage nicht nur die Beobachtungen der Beamten zur gefahrenen Geschwindigkeit heran - sondern auch solche zu einem angeblichen Verhalten der Fahrer vor Beginn des "Rennens".

Hierzu schildert einer der als Zeuge geladenen Polizisten ein Detail der Fahr-Physik. Beide A8 hätten an jenem Abend nebeneinander an der Ampel am Ottokarplatz gestanden. Bei dem von ihm seitlich sichtbaren A8 habe er beobachtet, wie sich das Fahrzeug zur Vorbereitung eines "Rennstarts" gewissermaßen mit aufheulendem Motor aufgebäumt habe - wobei sich das Heck gehoben und die Front gesenkt habe. Zu diesem Phänomen käme es genau dann, wenn der Fahrer die Bremse tritt und gleichzeitig stark Gas gibt. Sobald die Bremse dann gelöst wird, schießt das Auto los - was dann auch geschehen sei.

Gericht erwägt besonderen Beweis

Doch genau diese Schilderung zieht der Verteidiger eines der beiden Fahrer physikalisch in Zweifel. "Und was ist, wenn ich Ihnen sage, dass der A8 das bei dem von Ihnen vermuteten Vorgehen nicht tut?", fragt er den Zeugen. In Wahrheit sei es nämlich so, dass sich das allradgetriebene Fahrzeug bei jenem Vorgehen genau umgekehrt verhalte. "Dabei senkt sich das Fahrzeug hinten und geht vorne hoch", erklärt er. Er bietet dem Gericht auch an, das sofort zu überprüfen. "Draußen stehen zwei solche Fahrzeuge, wir können das sofort zeigen", sagt er - und meinte damit zwei am Görlitzer Postplatz gegenüber dem Gericht geparkte A8, mit denen die Angeklagten zum Prozess gekommen waren, eines davon übrigens mit "GT"-Kennzeichen.

Der Vorsitzende Richter erklärte dem Anwalt, dass das Gericht einem solchen Beweisantrag stattgeben werde, falls er denn gestellt würde. Diese Überprüfung der Aussage-Plausibilität des Beamten ist aber erst beim nächsten Verhandlungstermin zu erwarten. Der Prozess wird am 18. März fortgesetzt.

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