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Hat ein junger Zittauer eine Zwölfjährige missbraucht?

Die Anklage wirft dem Mann Sex mit dem Mädchen vor. Die Beweislage ist unsicher - und der Richter findet eine salomonische Lösung.

Von Markus van Appeldorn
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Symbolbild
Symbolbild © Peter Steffen/dpa

Der Vorwurf gegen einen 21-jährigen Zittauer wiegt schwer. Er steht vor dem Zittauer Amtsgericht wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes. Die Anklage wirft ihm vor, im November 2018 - gerade volljährig geworden - zweimal Geschlechtsverkehr mit einer damals Zwölfjährigen gehabt zu haben. Einvernehmlich zwar, aber das Gesetz beurteilt jeden Sexualakt eines Erwachsenen mit einer unter 14-Jährigen als schweren Fall, wenn dieser Akt mit dem Eindringen in den Körper verbunden ist - Mindeststrafe zwei Jahre.

Das Mädchen war damals aus einem Kinderheim in Görlitz ausgebüxt. Und der Zittauer soll sie mehrere Tage in seiner Wohnung beherbergt haben, wobei es eben nach gemeinsamem Alkoholkonsum erstmals zum Sex gekommen sei. Außerdem soll er bei diesem Aufenthalt mit dem Mädchen und einem Freund gemeinsam einen Joint geraucht haben - auch das ein verbotener Vorgang, nach dem es ein zweites Mal Sex gegeben haben soll.

Schwache Beweisführung der Staatsanwaltschaft

Der Angeklagte stritt sämtliche Vorwürfe rundweg ab. Ja, das Mädchen habe sich tatsächlich mehrere Tage in seiner Wohnung aufgehalten. Aber weder habe er dabei Sex mit dem Mädchen gehabt, noch habe er sich überhaupt sonderlich oft in seiner Wohnung aufgehalten. "Die hat ein Freund von mir mitgebracht. Der hatte mich gefragt, ob er ein paar Tage meine Wohnung nutzen kann, weil es in seiner einen Rohrbruch gegeben habe", erzählt er. Weil er in dieser Zeit ohnehin überwiegend bei seiner Freundin gewohnt habe, habe er seinem Freund die Wohnung überlassen. "Ich habe sie ihm überlassen und er hat sie einfach dort übernachten lassen", erzählt er. Er habe dem Mädchen gegenüber sogar darauf gedrungen, sie solle zurück nach Hause fahren, weil sie noch so jung sei.

Tatsächlich habe er das Mädchen über diesen damaligen Freund flüchtig gekannt - und sie habe sich auch an ihn herangemacht. "Sie hat mir mitgeteilt, dass sie was von mir möchte", erzählte er und: "Ich habe ihr erklärt, dass sie noch ein Kind sei, viel zu jung und ich ja außerdem auch eine Freundin hätte." Doch die Staatsanwältin wollte den Vorwurf gegen ihn untermauern. Er soll dem Mädchen unter dem Nutzer-Namen "Mr. Nobody" auf der sozialen Internetplattform Instagram Avancen gemacht und auch Sex mit ihr gewünscht haben.

Der Angeklagte bestritt, jemals bei Instagram diesen Nutzer-Namen gehabt zu haben. Und die Staatsanwältin konnte die Nachrichten auch gar nicht klar dem Angeklagten zuordnen. Denn sie verfügte nicht über die Verbindungsdaten, sondern nur über Fotos vom Handybildschirm des Mädchens mit diesen Nachrichten. Auf Nachfrage eines Schöffenrichters gab die Staatsanwältin auch zu, dass Polizei und Staatsanwältin nie ermittelt hätten, wer in Wahrheit hinter "Mr. Nobody" stecke.

Das Mädchen sorgte schon für mehrere Prozesse

Das als Zeugin geladene Mädchen blieb bei der Darstellung, mit dem Angeklagten Sex gehabt zu haben. Er ist der bereits dritte Mann, der wegen des Mädchens vor dem Strafrichter landet. Im April hatte das Gericht jenen Freund des Angeklagten zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, der unzweifelhaft Sex mit ihr hatte. Und dieser Mann scheint aus der Verurteilung nichts gelernt zu haben. "Der sitzt gerade in Berlin in U-Haft, weil er auf dem Alexanderplatz wieder ein Mädchen angefasst haben soll und damit gegen die Bewährungsauflagen verstoßen hat", informierte der Richter. Schon vorher war ein Löbauer wegen Kindesentziehung verurteilt worden, weil er das Mädchen ebenfalls im November 2018 bei sich beherbergt hatte.

Es blieben erhebliche Zweifel, ob es so gewesen war, wie das Mädchen behauptete. Der Richter schlug daher am Ende eine prozessökonomische Lösung vor. Er führte aus, dass es bei Anwendung des Jugendrechts bei einer Verurteilung auf einen Jugendarrest von einem Monat hinausliefe. Gegen ein solches Urteil würde der Angeklagte dann aber zwangsläufig in Berufung gehen, weswegen die Sache dann vors Landgericht käme und sich noch länger ziehen würde. Dieser Jugendarrest allerdings würde im Falle einer Verurteilung ohnehin nicht vollstreckt.

Weil der Angeklagte - mittlerweile nach Sachsen-Anhalt verzogen - zu einem ersten Gerichtstermin im August nicht erschienen war, erließ der Richter damals einen Haftbefehl gegen ihn, der zwischen dem 1. September und dem 1. Oktober 2021 auch vollstreckt wurde. Diese einmonatige Haft würde auf einen Jugendarrest angerechnet. Der Richter schlug also vor, das Verfahren einzustellen unter Einbeziehung dieser Haft, die schon genügend erzieherische Wirkung auf den Angeklagten ausgeübt habe. Alle Prozessteilnehmer waren mit dieser Lösung einverstanden, womit die Sache endgültig vom Tisch war.