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Ein großartiges Geschenk

Andreas Bachmann aus Oderwitz bleibt nicht mehr viel Zeit. Mit unglaublichem Optimismus trotzt der 46-Jährige seiner schweren Krankheit jeden Tag Leben ab.

Erster Ausflug nach mehr als zwei Jahren: Im Oktober kann Andreas Bachmann zum ersten Mal wieder an den Olbersdorfer See - ein großartiges Geschenk macht's möglich.
Erster Ausflug nach mehr als zwei Jahren: Im Oktober kann Andreas Bachmann zum ersten Mal wieder an den Olbersdorfer See - ein großartiges Geschenk macht's möglich. © privat

Die Krankheit ist schon wieder ein bisschen fortgeschritten. Andreas Bachmann merkt das an den Armen, die jetzt noch schlaffer an ihm hängen als vor ein paar Monaten. Der 46-Jährige sitzt im Rollstuhl und holt tief Luft. Dabei hilft ihm sein "Schnuffel", dieses Ding, das er immer auf seiner Nase tragen muss. Andreas Bachmann hat sich daran gewöhnt. "Passt doch zu mir", sagt er und grinst. Dieser Galgenhumor hilft ihm, seine Krankheit irgendwie zu ertragen.

Die Krankheit, die den Niederoderwitzer vor vier Jahren aus heiterem Himmel heimgesucht hat, heißt ALS, eine ziemlich seltene Erkrankung des zentralen Nervensystems, die seine Muskeln lähmt - und unaufhaltsam fortschreitet. Sie fesselt ihn seit zwei Jahren an den Rollstuhl, lässt ihn nicht mehr alleine atmen, nicht mehr laufen und seine Arme nicht mehr heben.

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Andreas Bachmann hat mitten im Leben gestanden, hat auf dem Bau gearbeitet und Fußball gespielt, war bei der Feuerwehr und ist mit seinen Kindern über die Wiesen getobt - bis er plötzlich keine Kraft mehr in den Armen verspürt. "Ich hab aufgehört zu grübeln, warum es gerade mich getroffen hat", sagt er heute. "Woher diese Krankheit kommt, was die Ursache ist, das ist ja noch gar nicht erforscht."

Statt zu grübeln kämpft der Niederoderwitzer inzwischen um jeden Tag Leben, den er dieser Krankheit abtrotzen kann. Am Anfang hatten ihm die Ärzte noch zweieinhalb Jahre gegeben. Andres Bachmann ist in ein tiefes Loch gefallen nach dieser Diagnose. Aber mit der großen Hilfe seiner Frau, seiner Eltern und seiner Kinder hat er sich wieder aufgerappelt - und die tiefe Verzweiflung mit unglaublichem Optimismus in Trotz verwandelt: So schnell soll die Krankheit ihn nicht haben!

Der erste Ausflug an den Olbersdorfer See

In diesem Sommer hat Bachmanns Optimismus einen riesengroßen Schub bekommen. Der steht seit Oktober in Form eines kaffeebraunen VW Caddy Maxi auf dem Hof vorm Haus in Niederoderwitz. In dem behindertengerecht umgebauten Auto, das sich Bachmanns nie hätten leisten können, kann Andreas jetzt im Rollstuhl mitfahren. Sein Bruder Silvio hatte dafür eine Spendenaktion über die Plattform Betterplace im Internet gestartet und an die Sächsische Zeitung geschrieben. Der Artikel in der SZ löste eine großartige Welle der Hilfsbereitschaft aus. Auch die Stiftung Lichtblick gab einen größtmöglichen Teil dazu.

An einem sonnigen Oktober-Sonntag kann die ganze Familie den ersten gemeinsamen Ausflug nach mehr als zwei Jahren starten. Es geht an den Olbersdorfer See. "Es war so unglaublich, ich kann das gar nicht beschreiben", schwärmt Andreas Bachmann. "Ich bin seit über zwei Jahren das erste Mal wieder in Zittau gewesen." Auf seiner Facebook-Seite postet er Fotos, die strahlen vor Glück.

Andreas Bachmann auf dem Friedhof am Grab seiner Oma, das er zwei Jahre lang nicht besuchen konnte.
Andreas Bachmann auf dem Friedhof am Grab seiner Oma, das er zwei Jahre lang nicht besuchen konnte. © Bachmann/privat

"Das war so eine tolle Spenden-Aktion. Das hat mir so viel Kraft gegeben", sagt Bachmann. "Jedes bisschen mehr Freiheit und Selbstständigkeit ist für mich ein riesengroßes Geschenk." Vor Kurzem war er Schuhe kaufen. "Mit dem Rollstuhl durch den Schuhladen - ein Traum!" Was für viele so normal und selbstverständlich ist, ist für Andreas Bachmann etwas sehr Besonderes geworden. Auch, dass er nach über zwei Jahren wieder das Grab seiner Oma auf dem Friedhof besuchen kann. Und selber einen Weihnachtsbaum aussuchen, der sogar noch mit ins Auto gepasst hat. Andreas Bachmann wird gar nicht fertig mit dem Aufzählen.

Das große Ziel: Ein Urlaub an der Ostsee

Nicht nur Andreas Bachmann, auch Maurice, der 14-jährige, und Vin-Luca, der achtjährige Sohn, sind glücklich. Der Kleine ist sein "persönlicher Lademeister", erzählt der Vater stolz. "Da ist er richtig stolz drauf, wenn er mich im Auto festgurten kann. Da lässt er keinen anderen ran."

Die Jungs wissen ja auch, dass die Familie mit dem neuen Auto ihrem großen Traum ein großes Stück näher gekommen ist. "So Gott will", sagt Andreas Bachmann, soll es in den Sommerferien für die ganze Familie endlich ans Meer gehen. Das wünschen sich alle schon sehr lange.

Auch zu Hause ist das Leben für ihn und seine Familie leichter geworden. Damit Bachmanns weiter in ihrer Wohnung im ersten Stock bleiben können, hat er jetzt einen Rollstuhl-Lift, auf dem er die steile Treppe bequem überwinden kann. Auch dafür hat das Spendengeld noch gereicht.

Und am 4. Januar kommt der neue Rollstuhl. "Ein richtiges High-Tech-Modell", schwärmt Bachmann. "Der Rollstuhl ist automatisch höhenverstellbar, damit kann ich dann oben auch wieder aus dem Fenster gucken und mich auch mal aufrichten." Um den Rollstuhl hat er mit der Pflegekasse lange gekämpft. Überhaupt, sagt er, sei es für ALS-Patienten sehr schwierig, mit ihrer Krankheit überhaupt wahrgenommen zu werden.

"Wir sind nur 8.000 Betroffene in Deutschland und haben kaum eine Lobby", erklärt er. "Wenn man um jedes Hilfsmittel kämpfen muss und die Genehmigungen ewig dauern, dann kann es passieren, dass man das Gerät, wenn man es endlich bekommt, gar nicht mehr nutzen kann, weil die Krankheit inzwischen schon weiter fortgeschritten ist."

"Jeden Tag dieses Lebens nutzen, so gut es geht", ist deswegen Bachmanns Devise, die er sich mit unglaublichem Optimismus und Galgenhumor erkämpft. Und mit Dankbarkeit für dieses große Geschenk.

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