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Ein stinkender Exot wächst im Zittauer Gebirge

Die einheimische Pilzwelt verändert sich. Es gibt sogar Einwanderer aus Australien. Dagegen wird so mancher beliebte Speisepilz bald schwerer zu finden sein.

Pilzberaterin Heike Milde mit einem Safran-Schirmpilz und einem giftigen Rosa Rettig-Helmling.
Pilzberaterin Heike Milde mit einem Safran-Schirmpilz und einem giftigen Rosa Rettig-Helmling. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Katrin und Rainer Wendler drehen täglich mit ihrem Hund Gassi-Runden im Zittauer Gebirge. Was sie jetzt aber an der alten Landstraße von Großschönau aus kommend in Richtung Waltersdorf/Herrenwalde gesehen haben, machte sie stutzig. "Zuerst dachten wir, dass es ein Tier ist, was sich da regungslos auf der Wiese befand. Aber dann sahen wir, dass es eine Pflanze oder ein Pilz sein muss", schildern die Eheleute.

Sie machten ein Foto davon und Katrin Wendler stellte es bei sich als Status-Bild bei WhatsApp rein. Wenig später wussten Wendlers, was sie da im Gras gesehen haben. Es ist ein Tintenfischpilz. Inzwischen sind sie froh, dass sie ihn nicht angefasst haben.

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Diesen aus Australien stammenden Tintenfischpilz hat Familie Wendler am Wegrand bei Waltersdorf entdeckt.
Diesen aus Australien stammenden Tintenfischpilz hat Familie Wendler am Wegrand bei Waltersdorf entdeckt. © Wendler

"Das kann man schon machen. Es kommt halt auf den Ekelfaktor an, den man hat", schildert Pilzberaterin Heike Milde. Denn kommt man mit dem seltsam anmutenden Pilz in Berührung, merkt man schnell wie penetrant er stinken kann.

Seinen Namen hat der Tintenfischpilz wahrscheinlich seiner Ähnlichkeit mit einem Tintenfisch zu verdanken. Der Pilz gilt als ungenießbar. Er stammt eigentlich aus Australien, Neuseeland und Tasmanien. Und so wie er es mit Warentransporten auf die Malaysischen Inseln, nach China, Süd- und Ostafrika und auf den amerikanischen Kontinent geschafft hat, ist auch Europa für ihn kein Hindernis gewesen.

Der stinkende Exot wächst zuerst zu einem drei bis fünf Zentimeter breiten "Hexenei", heran. Das Gebilde mit elastischer Hülle reißt später auf und innerhalb weniger Stunden breiten sich zwischen vier und sechs Tentakel über dem Boden aus. Der Pilz ist mit einer klebrigen Schleimschicht überzogen. Bei Berührung strömt vom Tintenfischpilz ein intensiver Aasgeruch aus. Fliegen und Käfer werden so angelockt, nehmen die Pilzsporen auf und verbreiten sie.

Unsere Pilzwelt verändert sich. Das bestätigt auch die Hainewalder Pilzberaterin. Der Tintenfischpilz ist kein Einzelfall. "Mittlerweile gibt es bei uns beispielsweise auch den Gitterling, der eigentlich im Mittelmeerraum vorkommt und einst ebenso unter anderem in Asien beheimatet war", schildert Heike Milde. Der ist allerdings noch seltener zu finden und ebenfalls ungenießbar.

"Wer weiß, vielleicht gibt es in unseren Wäldern in ein paar Jahren sogar französische Perigord-Trüffel. Die müsste man allerdings ausgraben und das ist bei uns verboten", sagt sie.

Der Gitterling ist mittlerweile ebenso im Landkreis Görlitz zu finden.
Der Gitterling ist mittlerweile ebenso im Landkreis Görlitz zu finden. © Repro aus Enzyklopädie der Pilze

Aber auch bei den heimischen Pilzarten werden Veränderungen beobachtet. Eine Folge der sich ändernden Klima-, Wetter- und anderer Umwelteinflüsse. "Mein Vater hat sich wie Bolle gefreut, wenn er mal einen Steinpilz gefunden hatte. Jetzt kommt er im Gebirge und anderswo nicht gerade selten vor", berichtet die 60-Jährige.

Andererseits ist die Gefahr einer Verwechslung von Arten immer größer und riskanter geworden. "Wir raten inzwischen auch, von den Stockschwämmchen die Finger zu lassen. Der kann sehr leicht mit dem tödlichen giftigen Gift-Häubling verwechselt werden", erzählt Heike Milde. Und solche Beispiele gibt es mehrere. Leider ist auch der giftige Pantherpilz immer häufiger zu finden, der mit dem Perlpilz verwechselt werden kann. Heike Milde rät auch zur Vorsicht bei Schirmlingen, die zu Hause im Garten oder auf dem Kompost wachsen, weil ebenso bei denen die Verwechslungsgefahr sehr groß ist. "Man muss nicht alles essen. Wir essen ja auch nicht alles, was es im Supermarkt gibt", sagt sie.

2021 ist nicht gerade ein Pilzjahr, obwohl es wettermäßig eigentlich eines sein müsste. "Vielleicht reagieren die Pilze darauf, dass es dem Wald nicht gut geht", vermutet die Sachverständige. Schließlich ist jede Pflanze, jeder Baum - wenn auch nicht sichtbar - im Erdreich mit einem Pilzgeflecht verbunden.

Das Fichtensterben durch die Borkenkäfer und das Aufforsten zu Mischwäldern wird sich in naher Zukunft auf die heimischen Pilzarten auswirken, schildert sie. Manche werden - wie der Fichten-Steinpilz - seltener zu finden sein, andere kommen vermehrt vor.

Immer häufiger sind jetzt schon die Pilzsammler bei einigen Arten unsicher, ob es sich tatsächlich um die vermutete essbare Gattung handelt. In einem normalen Pilzjahr kommen während der Pilzzeit manchmal täglich drei bis vier Leute zu Heike Milde, weil sie sich unsicher sind, was sie da gesammelt haben. Die 60-Jährige berät sie gern. Und sie hat schon so manchen vor einer bösen Überraschung bewahrt.

Die Hainewalderin ist nicht die einzige Pilzberaterin im Landkreis Görlitz. Neun weitere Pilzberater gibt es noch in Jonsdorf, Seifhennersdorf, Großschweidnitz, Löbau (2), Markersdorf (2), Hähnichen und Görlitz. Früher waren es deutlich mehr. Aber viele sind altersbedingt ausgeschieden und junge Leute als Pilzberater schwer zu finden.

Mit einem Schild an ihrem Umgebindehaus weist Pilzberaterin Heike Milde in der Kleinen Seite 11 in Hainewalde auf ihr Angebot einer kostenlosen Pilzberatung hin.
Mit einem Schild an ihrem Umgebindehaus weist Pilzberaterin Heike Milde in der Kleinen Seite 11 in Hainewalde auf ihr Angebot einer kostenlosen Pilzberatung hin. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Heike Milde ist deshalb froh, dass sich ein elfjähriges Mädchen in Jonsdorf dafür richtig begeistert und von ihrem Vater dabei unterstützt wird. "Sie kommt sogar zu unseren regelmäßigen Pilzberatertreffen", schildert sie. Eine Pilzberaterin kann sie aber erst werden, wenn sie 18 Jahre alt ist. Denn erst dann kann man dafür die Prüfung ablegen. Heike Milde hofft, dass das Mädchen so lange durchhält.

Und sie gibt auch einen Rat für diejenigen, die in Pilzbüchern nachschlagen. "Die Beschreibungen darin sind besser und aussagefähiger als die Fotos. Noch genauer sind Zeichnungen, weil bei denen die besonderen Merkmale hervorgehoben werden, auf die man achten soll", erklärt sie. Auf jeden Fall kein Risiko eingehen und nicht ärgern, wenn sich später herausstellt, dass man einen weggeworfenen Pilz hätte doch essen können, fügt sie hinzu.

Umfangreiche Pilzausstellung

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