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104-Jähriger baut Unfall

Wie lange sollten ältere Menschen am Steuer eines Autos sitzen dürfen? Nach mehreren Unfällen in Löbau/Zittau ist diese Frage gerade sehr relevant. Mit Umfrage.

Eine rote Markierung am Fahrbahnrand und ein paar kleine Fahrzeugteile erinnern an den tragischen Unfall in Neueibau, bei dem am 5. September ein Motorradfahrer starb.
Eine rote Markierung am Fahrbahnrand und ein paar kleine Fahrzeugteile erinnern an den tragischen Unfall in Neueibau, bei dem am 5. September ein Motorradfahrer starb. © Matthias Weber/photoweber.de

Der Motorradfahrer hat keine Chance. Er stirbt noch an der Unfallstelle. Der 55-Jährige ist an diesem Sonnabendvormittag gerade nach Hause zu seiner Frau unterwegs, als eine entgegenkommende Autofahrerin in einer leichten Kurve die Kontrolle über ihren Kleinwagen verliert, auf die Gegenfahrbahn gerät und mit voller Wucht in das Motorrad kracht. 

Die Frau, die den tragischen Unfall in Neueibau verursacht, ist 78 Jahre alt. Was ihr genau passiert ist in jenem Moment, in dem sie ihr Auto auf die Gegenfahrbahn lenkt - auf diese Frage haben die Unfallermittler der Polizei noch keine Antwort. Aber es stellt sich in diesem Fall auch unweigerlich jene Frage: War die Reaktionsfähigkeit der Seniorin in diesem verhängnisvollen Augenblick womöglich eingeschränkt? Womöglich aufgrund ihres Alters?

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Immer wieder steht das im Raum, wenn Unfallverursacher bereits in einem höheren Rentenalter sind. Gerade nach mehreren Unfällen in jüngster Zeit ist sie wieder sehr relevant geworden. Am 4. September beispielsweise, nur einen Tag vor dem tragischen Unfall in Neueibau kommt eine 80-jährige Autofahrerin im Löbauer Ortsteil Oelsa aus ungeklärter Ursache von der Straße ab, landet mit ihrem Auto auf dem Feld und erleidet schwerste Verletzungen.  

Am 11. August kracht in Bertsdorf ein Audi Q3 in eine Hauswand. Der Fahrer, 78 Jahre alt, wollte das Auto nur aus der Garage fahren und hat wahrscheinlich Bremse und Gaspedal verwechselt. Nur drei Fälle von vielen: Senioren jenseits der 70 haben im vergangenen Jahr auf den Straßen der Kreise Bautzen und Görlitz insgesamt 1.844 Unfälle verursacht, 709 Unfallverursacher unter ihnen waren zum Unfallzeitpunkt schon über 80.

Mit 104 Jahren noch hinterm Steuer

Der Älteste, der im Kreis Görlitz 2019 noch hinterm Steuer gesessen hat, ist kurz nach dem Beginn des 1. Weltkrieges geboren und war 104 (!) Jahre alt, als er auf einer Landstraße in der Nähe von Niesky von der Fahrbahn abkam und gegen ein Verkehrsschild stieß. Auch diesen nahezu unglaublichen Fall verzeichnet die Statistik der Görlitzer Polizeidirektion vom letzten Jahr.

Senioren sind heute entsprechend ihrem Anteil an der Bevölkerung auch am Unfallgeschehen beteiligt, weiß Polizei-Sprecherin Katharina Korch. "Dieser Anteil war früher aber bedeutend geringer", sagt sie. "Denn die aktuelle Seniorengeneration ist heute weitaus mobiler." 

Aber mit steigendem Alter, auch das ist ein Fakt, macht das Autofahren zunehmend Probleme, so die Sprecherin. Wahrnehmungsfähigkeiten wie Sehen und Hören nehmen genauso ab wie Kraft, Schnelligkeit und Beweglichkeit. "Ein Schulterblick oder ein plötzliches Ausweich- oder Bremsmanöver fällt schwerer, die Notwendigkeit dazu wird oft erst spät erkannt." In vielen Fällen werde das aber auch durch größere Erfahrung oder Gelassenheit kompensiert, fügt Katharina Korch hinzu.

Vor allem nachlassendes Sehvermögen und eine verlangsamte Reaktionsfähigkeit machen es älteren Menschen zunehmend schwieriger, Verkehrssituationen, wie beispielsweise Entfernungen oder Ampelfarben, richtig einzuschätzen. Auch Kreuzungen und Einmündungen mit hoher Verkehrsdichte  stellen für Senioren ein hohes Konfliktpotenzial dar.

Diese Einschätzung bestätigt auch Sally Forke. Die Diplom-Psychologin leitet die Begutachtungsstelle für Fahreignung bei der Dekra in Bautzen. Hier können auch Senioren ihre Mobilität und Fahreignung im Straßenverkehr überprüfen lassen. Doch nur die Allerwenigsten tun das freiwillig.

Fahrtests sind für Senioren keine Pflicht

Denn solche Tests für ältere Verkehrsteilnehmer sind nicht verpflichtend - so wie sie es beispielsweise für Bus- und Lkw-Fahrer sind. Die müssen sich schon ab einem Alter von 55 Jahren regelmäßig aller fünf Jahre einer Tauglichkeitsprüfung unterziehen, um ihre Fahrerlaubnis zu behalten.

Wenn es nach dem Bautzener Dekra-Chef Uwe Großer geht, sollten solche Tests für alle Autofahrer ab 70 vorgeschrieben werden. Doch von dieser immer mal wieder erhobenen Forderung will Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) nichts wissen.

Und auch Sally Forke ist da skeptisch. "Es beginnt ja schon mit der Frage, ab welchem Alter jemand ein 'Senior' ist", erklärt die Psychologin. "Ab 70? Wenn man bis 67 arbeiten soll?" Das Lebensalter sage auch nichts über das tatsächliche physische und psychische Alter eines Menschen aus, weiß sie. Und das sei in keiner Lebensphase so unterschiedlich wie im Seniorenalter. 

Und Sally Forke erzählt, dass sie erst vorige Woche nacheinander zwei 81 und 83 Jahre alte Männer zum Eignungstest hatte. Der eine sei fit wie ein Turnschuh gewesen, dem anderen habe sie dringend empfehlen müssen, sich nie mehr ans Steuer zu setzen.

"Es ist immer eine schwierige Gratwanderung", sagt die Psychologin. Mobilitätstests könnten aber in jedem Fall Sicherheit geben und bei der schweren Entscheidung helfen, den Autoschlüssel vielleicht doch lieber abzugeben. "Das Ergebnis eines freiwilligen Tests ist nur für die Testperson bestimmt", betont die 44-Jährige. "Wir unterliegen der Schweigepflicht."

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Es müsse also niemand befürchten, dass er bei einem negativen Ergebnis den Führerschein abgeben muss. Das muss derjenige am Ende selbst entscheiden. Solche Fahreignungstests sind allerdings kostenpflichtig und werden nicht von den Krankenkassen übernommen. Je nach Bedarf kosten sie zwischen 100 und 400 Euro. Trotzdem hält sie Sally Forke für sinnvoll. Das Sehvermögen, fügt sie hinzu, sollten nicht nur Senioren, sondern Autofahrer jeden Alters regelmäßig überprüfen lassen.

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