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Sie hat das Baby unterm Tannenbaum geholt

Manuela Otto aus Oderwitz ist die einzige Hebamme weit und breit, die Hausgeburten begleiten darf. Die Nachfrage steigt, aber mehr als vier im Monat schafft sie nicht.

Hebamme Manuela Otto im Kursraum ihrer Praxis in Zittau. Sie ist die einzige Hebamme weit und breit, die Hausgeburten begleiten darf.
Hebamme Manuela Otto im Kursraum ihrer Praxis in Zittau. Sie ist die einzige Hebamme weit und breit, die Hausgeburten begleiten darf. © Matthias Weber

Manuela Otto ist ständig in Bereitschaft. Wenn das Handy der 45-jährigen Oderwitzerin klingelt, muss sie los. Auch nachts, Weihnachten oder Silvester. Trotzdem sagt sie: "Ich habe den schönsten Beruf der Welt." Manuela Otto wollte nie etwas anderes werden als Hebamme. Sie ist die einzige weit und breit, die Hausgeburten begleitet. Erst in Niesky und Dresden gibt es wieder Hebammen, die das dürfen.

Drei Babys wird Manuela Otto noch im Januar in Zittau, Friedersdorf und Eibau bei ihrer Geburt begleiten. Sie weiß das deswegen schon, weil sie jeden Monat vier Babys auf die Welt holt. Vorausgesetzt, sie halten sich an den errechneten Termin. Ihr erstes Neugeborenes in diesem Jahr kam auch früher, als gedacht. Es war das Neujahrsbaby von Diana Holdorf und Sebastian Moll, das am 1. Januar in der Stube unterm Tannenbaum in Zittau zur Welt kam.

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"Wir sind erst um 3 Uhr ins Bett gegangen", erzählt sie. Die Hebamme hatte absolut nicht damit gerechnet, dass Diana Holdorfs Baby so früh kommt. Schließlich sind die zwei Geschwister von dem kleinen Hans-Egard viel später gekommen. Dennoch ist Manuela Otto immer darauf gefasst. Alkohol trinkt sie auch Silvester nicht. Höchstens mal im Urlaub, wenn die Hebamme in Niesky sie vertritt.

Diana Holdorf mit ihrem Baby Hans-Egard, dessen Geburt Hebamme Manuela Otto am 1. Januar 2021 in Zittau als Hausgeburt in der Stube unterm Tannenbaum begleitet hat.
Diana Holdorf mit ihrem Baby Hans-Egard, dessen Geburt Hebamme Manuela Otto am 1. Januar 2021 in Zittau als Hausgeburt in der Stube unterm Tannenbaum begleitet hat. ©  Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Aber diesmal kam der Anruf am Neujahrsmorgen um 6 Uhr. Für Manuela Otto heißt das, ihre fünf Taschen schnappen und los. Eine Tasche ist für die Sachen, die sie als Hebamme bei der Geburtshilfe braucht, in einer ist ein Geburtshocker und die anderen drei Taschen sind das Notfall-Set, falls es zu Komplikationen kommt und die werdende Mutti in die Klinik muss. Aber das kommt ganz selten vor.

Nicht nur wegen Corona wollen immer mehr Schwangere eine Hausgeburt. Die Nachfrage stieg schon vorher an. "Aber mehr als vier Frauen kann ich im Monat nicht betreuen", sagt sie. Meist melden sich die Frauen bei ihr, sobald sie einen positiven Schwangerschaftstest haben. Das ist ihr auch am Liebsten. Denn Manuela Otto betreut die Frauen während der gesamten Schwangerschaft in deren Wohnung. Das sorgt für eine enge Bindung und schafft Vertrauen. "Ich werde richtig in die Familien aufgenommen", sagt sie. Für die ist sie fortan nur die Manu.

Manuela Otto würde sich freuen, wenn sich noch eine Hebamme findet, die ebenfalls Hausgeburten anbieten möchte - am besten im Altkreis Löbau-Zittau. "Dann könnten wir hier zusammen oder einzeln acht Kinder als Hausgeburt begleiten", sagt sie. Denn Manuela Otto will schnell da sein, wenn die Frauen bei ihr anrufen. Deshalb nimmt sie nur Geburtsbegleitung im Umkreis von 40 Kilometern an. Wehrsdorf war bisher das Weiteste.

Es liegt nicht an der Geburtshilfe, warum sich keine Hebammen dafür finden. Es liegt am Geld. Denn wer die Berechtigung dafür haben möchte, zahlt jährlich über 9.000 Euro für eine Haftpflichtversicherung. 75 Prozent davon bekommt man zwar zurückerstattet, aber man muss das Geld vorschießen. Und über die Rückzahlung ist noch nicht das letzte Wort gesprochen. Denn es wird angestrebt, dass das die Krankenkassen übernehmen. Würde die teilweise Rückzahlung wegfallen, gäbe es keine Hausgeburten mehr, schildert sie.

Meist kommen die Kinder in der Stube zur Welt

"Dabei sind Hausgeburten richtig schön für die werdenden Eltern. Denn auch die Väter erleben es ganz anders", sagt sie. Die Väter knieen neben ihrer Frau, halten ihr die Hand und reichen der Hebamme auch mal ganz selbstverständlich etwas. Meist kommen die Kinder in der Stube zur Welt. Immer aber auf dem Fußboden. Denn bei Manu bekommen die Frauen ihre Babys nicht im Liegen.

Bei ihr bekommen die Mütter ihre Babys in einer Hocke-, Vierfüßler- oder anderen Stellung, auf dem Geburtshocker oder als Wassergeburt in der Badewanne. "Das ist natürlicher, für die Frauen leichter und die Wehen sind nicht so schmerzhaft", erklärt sie. Und die Frauen haben ihre gewohnte Umgebung.

Diana Holdorf hatte ihr schon Wochen vor der Geburt gezeigt, wo sie ihr Baby bekommen wird. Direkt neben dem Tannenbaum, der große Esstisch ist dann weg und der Fußboden mit Matratzen und Decken ausgelegt. Genau so war es auch.

Manuela Otto schneidet nur in Ausnahmefällen die Nabelschnur selber durch. "Das lasse ich die Eltern machen." Sie räumt danach auf und macht alles sauber. "Das gehört mit dazu", erzählt sie. Die Hebamme lässt die jungen Eltern in der Zeit zusammen ihr Glück auf der Couch genießen. Bis zum ersten Geburtstag ist sie danach für Mutter und Kind da.

Seit 1994 ist Manuela Otto Hebamme und seit 1997 selbstständig. Zusammen mit Barbara Freyer und Konstanze Ludwig hatte sie das Geburtshaus in Löbau gegründet und 2010 an andere Hebammen abgegeben. Danach eröffnete sie ihre Hebammenpraxis in der Rathenaustraße 18a in Zittau. Drei Hebammen arbeiten noch mit in ihrer Praxis. Sie begleiten Schwangere und geben Kurse für sie - bis hin zur Rückbildungsgymnastik. Geburtshilfe darf seit 2017 aber nur Manuela Otto anbieten.

"Ich mache es auch erst seit drei Jahren, weil dann meine Kinder nicht mehr so klein waren", berichtet sie. Zwei ihrer 19, 15, zwölf und sechs Jahre alten Kinder sind als Hausgeburten zur Welt gekommen. Ihr Job geht auch nur, wenn die ganze Familie mitzieht. Immerhin kam 2020 ein Baby direkt am Heiligabend zur Welt.

Bis Ende September ist sie schon mit jeweils vier Babys im Monat ausgebucht. "Hausgeburten sind gar nicht mehr so selten", sagt die Hebamme. 2018 begleitete Manuela Otto 17 Hausgeburten, 2019 waren es 20 und 2020 schon 27. Durch liebe Briefe und persönlichen Dank erfährt sie immer wieder, wie dankbar die Familien sind, eine solche Geburt zu erleben.

Andere Hebammen schreckt die hohe Versicherung ab

Die hohe Haftpflichtversicherung für Hausgeburten nennt auch die Vorsitzende des sächsischen Hebammenverbandes, Stephanie Hahn-Schaffarczyk als Hauptgrund, warum kaum eine Hebamme Geburtsbegleitung anbieten will. Es gibt in Deutschland nicht zu wenige Hebammen, sondern zu wenige Hebammenbegleitungen, berichtet sie. In Sachsen wird in etwa zehn Jahren eine große Lücke entstehen, da dann viele in Ruhestand gehen.

Manuela Otto hatte 2017 die Geburtshilfe nur für drei Monate beantragt. Eine Freundin hatte sie damals gebeten, ob sie nicht eine Hausgeburt bei ihr machen könnte. Danach ist sie davon nicht mehr losgekommen. Und will es auch nicht mehr missen.

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