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Raserei aus Angst vor Polizei-Schikane?

Ein junger Mann aus Mittelherwigsdorf entzieht sich einer Polizeikontrolle und wird als Raser angeklagt - aber es gibt Zweifel an der Darstellung der Polizei.

Von Markus van Appeldorn
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© Symbolfoto: Sebastian Gollnow/dpa

Wer sich als Autofahrer einer Polizeikontrolle entzieht, kann sich unversehens wegen einer schweren Straftat vor Gericht wiederfinden. Weil so eine Flucht regelmäßig mit überhöhter Geschwindigkeit geschieht, werten Staatsanwaltschaften so ein Verhalten mittlerweile oft als ein "Verbotenes Kraftfahrzeugrennen" nach Paragraf 315d des Strafgesetzbuches. So ergeht es derzeit auch einem 20-Jährigen aus Mittelherwigsdorf, der vor dem Zittauer Amtsgericht auch noch offen bekennt, "keinen Bock" auf eine Polizeikontrolle gehabt zu haben - klar ist der Fall dennoch nicht.

Der junge Mann war am 14. März 2021 gegen 22 Uhr mit seinem Skoda Fabia auf der Gemeindeverbindungsstraße zwischen Oderwitz und Mittelherwigsdorf unterwegs. Dort, so die Anklage, habe ihn eine Polizeistreife kontrollieren wollen. Dazu hätten sie ihren Streifenwagen sogar mittig auf die Straße gestellt. Der Skoda habe das Polizeifahrzeug umkurvt und sei mit hoher Geschwindigkeit davongerast. Bei seiner Flucht unter anderem über einen landwirtschaftlichen Plattenweg sei er mit bis zu Tempo 130 gefahren. Kurz später habe die Polizeistreife den jungen Mann dann in einer Nebenstraße in Mittelherwigsdorf in seinem Auto angetroffen. Ein Alkohol- und Drogentest verlief negativ.

Angeklagter fühlte sich schikaniert

Der Angeklagte bestreitet, dass es sich in dieser Form zugetragen habe. Er habe nicht wahrgenommen, dass die Polizei ihn habe kontrollieren wollen. Jene Ortsverbindungsstraße sei auch viel zu schmal, dort ein mittig stehendes Auto umkurven zu können. Er habe den Plattenweg durchaus zügig befahren, weil er es ein bisschen eilig gehabt habe. Der Plattenweg habe ihm aber keineswegs als Fluchtroute gedient, sondern einfach als Abkürzung, die von vielen Mittelherwigsdorfern benutzt werde. Er könne dort mit seinem tiefergelegten Fahrzeug aber gar nicht so schnell wie von der Anklage behauptet fahren, weil er sein Auto dabei beschädigen würde. "Ich habe erst auf dem Plattenweg bemerkt, dass die Polizei mich anhalten will, weil sie dort erst das Blaulicht angeschaltet hat", sagte er vor Gericht.

Und in dieser Situation dann habe er tatsächlich absichtlich nicht angehalten, weil er eben "keinen Bock" auf eine Kontrolle gehabt habe. Der Richter wunderte sich: "Aber wie der Alkohol- und Drogentest gezeigt hat, hatten sie ja nicht mal einen Grund, sich der Kontrolle zu entziehen." Der Angeklagte begründete das damit, dass er in der Zeit vor diesem Abend wiederholt in Zittau kontrolliert worden sei - der immer gleiche Beamte habe dabei immer wieder die Rechtmäßigkeit diverser Umbauten an seinem Fahrzeug in Zweifel gezogen und die Kontrollen hätten dann immer sehr lange gedauert. "Ich habe das dann als Schikane empfunden", erzählte er. Übrigens: Fahrer des Streifenwagens war derselbe Beamte, der den jungen Mann zuvor immer wieder kontrolliert hatte.

Zeugen stützen die Aussage des Angeklagten

Für die Einlassung des Mannes, die Polizei hätte erst auf dem Plattenweg das Blaulicht eingeschaltet, gibt es Zeugen. Zu der Zeit ging nämlich ein Paar aus Mittelherwigsdorf dort mit seinem Hund spazieren. Beide gaben an, dass ihnen zwei Autos im Abstand von 100 bis 150 Metern entgegengekommen seien. Beide seien sehr flott unterwegs gewesen. Das zweite Fahrzeug hätten sie aber erst als Polizei erkannt, als etwa auf ihrer Höhe das Blaulicht eingeschaltet wurde. Die Geschwindigkeit der Fahrzeuge schätzten die beiden Zeugen auf etwa 70 Kilometer pro Stunde.

Die als Zeugin geladene Polizistin, die Beifahrerin des Streifenwagens war, gab an, der Streifenwagen sei auf dem Plattenweg mit bis zu 130 Kilometern pro Stunde unterwegs gewesen. Allerdings habe sie diese Geschwindigkeit nicht selbst vom Tacho abgelesen, sondern der Kollege habe ihr das angesagt. Entscheidend für den Prozessausgang könnte nun die Aussage dieses Beamten sein, der an diesem Sitzungstag verhindert war. Der Prozess wird fortgesetzt.