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Das Trauerspiel an der Sachsenstraße

Ein Investor kauft fast den gesamten Zittauer Straßenzug und verspricht blühende Wohnlandschaften. Passiert ist nichts. Eine Mieterin kämpft tapfer.

Ingrid Lattig ist eine der letzten verbliebenen Bewohnerinnen der Sachsenstraße.
Ingrid Lattig ist eine der letzten verbliebenen Bewohnerinnen der Sachsenstraße. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Die Sachsenstraße in Zittau mutet an wie ein Bild der DDR der letzten Tage. Den Farbfilm kann man getrost vergessen. Der Straßenzug mit seinen gut 20 denkmalgeschützten Mehrfamilienhäusern bildet eine Szenerie in Sepia. Aber seit etlichen Jahren wohnt kaum noch eine Familie hinter den graubraunen Fassaden. Beinahe alle der 112 Wohnungen hier stehen leer. Aber eine Frau hält die Stellung.

Ingrid Lattig im Haus Nummer 23 ist eine der letzten Bewohnerinnen des Straßenzugs. Die 82-Jährige und ihr Mann Ehrfried (86) wollen hier gar nicht mehr wegziehen. Die beiden fühlen sich immer noch wohl - und sind gleichsam enttäuscht. Enttäuscht vom seit Jahren nicht eingelösten Versprechen eines Investors, die Sachsenstraße wieder in das Wohnparadies für Familien zu verwandeln, das es einst war

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Das Schild am Beginn der Sachsenstraße verspricht blühende Wohnlandschaften - seit fünf Jahren.
Das Schild am Beginn der Sachsenstraße verspricht blühende Wohnlandschaften - seit fünf Jahren. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Der Rest vom einstigen Familienparadies

1974 zogen Ingrid und Ehrfried Lattig in ihre Dreiraumwohnung. Ihre beiden Kinder wurden hier groß. Und sie schwärmt noch heute von damals. "Der große Garten, der zu jeder Wohnung gehört, das ist schöner als jeder Balkon." Zig Feste habe man in diesem Garten gefeiert. "Wir hatten alle Sorten Läden hier. Ein vernünftiges Umfeld für alle - auch ohne Auto", sagt Ingrid Lattig.

Doch heute wohnen auf dem ganzen Straßenzug vielleicht noch 15 Mietparteien. Die meisten Gärten hinter den Häusern sind von wildem Gestrüpp zugewuchert oder einfach bloß kahle Wüsten. "Mit unseren persönlichen Verhältnissen sind wir zufrieden - aber das Umfeld ist gewöhnungsbedürftig. Es gibt keine Nachbarschaft mehr". Was es gibt, ist ein Werbeschild am Beginn der Sachsenstraße. Mit dem Bild einer glänzenden Fassade wird hier die "Sanierung & Modernisierung" der Häuser Nummer 3 bis 41 versprochen. Fünf Jahre ist das jetzt her. "Außer das Schild aufzustellen, hat der Eigentümer hier eigentlich nichts gemacht", sagt Ingrid Lattig. 

Die blumigen Versprechen des Investors

Die 20 Häuser sind schon seit Jahren das Stiefkind ihrer jeweiligen Eigentümer. Von 1993 bis 2015 war das die stadteigene Wohnbaugesellschaft Zittau (Woba). Wegen des Bevölkerungsrückgangs in Zittau lag die Sachsenstraße im Rückbau-Schwerpunktgebiet. Investitionen in die Sanierung waren für die Woba daher nicht mehr lohnend. Bis 2013 kündigte die Gesellschaft dann die meisten Mietverträge, weil die Trinkwasserverordnung keine Bleiwasserleitungen mehr zuließ. 

Im Mai 2015 schließlich veräußerte die Woba den Straßenzug an die Paderborner Firma "MM Immobilien GmbH". Über den Verkaufspreis herrscht bis heute Schweigen. Der Verkehrswert der Gebäude lag damals bei 729.000 Euro - dem Vernehmen nach wechselten sie aber für unter 300.000 Euro den Besitzer. Ein Vertreter der Paderborner Firma versprach damals im Gespräch mit SZ: "Es soll schön werden, echtes Wohlfühlflair" und: "Die Lage ist gut". Man wolle beginnend mit dem Doppelhaus Nummer 39/41 nach und nach sanieren - in einem Tempo, das sich danach richte, wie viele neue Mieter man finde. Schließlich wolle man keinen neuen Leerstand produzieren, erklärte der Firmenvertreter damals.

Viel Geld in Wohnung gesteckt

Nun, statt neuen Leerstand zu produzieren, wurde ganz offensichtlich bis heute alter Leerstand erhalten. Und wer sich "echtes Wohlfühlflair" schaffen wollte, musste dafür schon in die eigene Tasche greifen - wie Ingrid und Ehrfried Lattig. Sie modernisierten ihre Wohnung schon in den 90ern wie es eigentlich die Aufgabe des Eigentümers gewesen wäre. "Wir haben das Bad und die Küche neu gemacht, eine Fußbodenheizung und neue Elektroleitungen verlegt", erzählt Ingrid Lattig. Auch wärmedämmende Fenster ließen sie sich einbauen und eine moderne Heizung. Als einzige im Haus heizen sie bequem mit Erdgas - während alle anderen Mieter noch Kohle aus dem Keller schleppen müssen.

"Rund 30.000 Euro haben wir für all das mit den Jahren aufgewendet", sagt Ingrid Lattig. Stets habe man damals bei der Woba um Erlaubnis für die Renovierungs-Maßnahmen gebeten - und diese auch erhalten, die Kosten allerdings mussten sie alleine tragen. Ingrid Lattig beschwert sich auch gar nicht darüber, das Ehepaar will es hier schließlich bis ans Lebensende wohnlich haben. Aber sie wünscht sich halt, dass auch wieder ein attraktives Umfeld entsteht, Leben in die Nachbarschaft einzieht. "Ich hätte gerne, dass die Stadt bei dem Eigentümer ein bisschen Druck macht", sagt sie. Denn irgendwelchen Baufortschritt sieht sie nicht. "Vor ein paar Jahren waren hier im Haus mal ein paar Bauarbeiter einquartiert, die haben an einem Haus ein bisschen gebaut", erzählt sie. Und auf dem Nachbargrundstück sei der Garten von Schutt und Unrat beräumt worden. Nach ein paar Wochen seien die Arbeiter aber wieder verschwunden gewesen. 

Ehemalige Verwalterin springt vom Projekt ab

Nun haben weder Stadt noch die Woba als ehemaliger Eigentümer die Handhabe, um irgendwelchen Druck auszuüben. Denn der Kaufvertrag von damals gibt dem neuen Eigentümer eine Frist von zehn Jahren, mit den Sanierungen zu beginnen. Und wenn diese Frist abläuft? Wird der Kauf dann rückabgewickelt? Davon will Woba-Chefin Uta-Sylke Standke gar nichts wissen: "Nein, wir kaufen die Häuser in keinem Fall zurück", sagt sie auf SZ-Anfrage. Dazu, ob der Käufer bei Nichtbeginn der Sanierung möglicherweise nachträglich einen höheren Kaufpreis zahlen muss, will sie sich nicht äußern.

Die "MM Immobilien GmbH" war für SZ nicht erreichbar. Viel Hoffnung, dass an der Sachsenstraße noch irgendetwas passiert, hat aber auch die Zittauer Maklerin Liane Schmidt nicht mehr. Sie selbst war vor dem Verkauf damals gemeinsam mit anderen Investoren am Kauf des Straßenzuges interessiert, war dann aber wegen der Einrichtung des Asylbewerberheims an der Sachsenstraße wieder abgesprungen. Nach dem Verkauf 2015 an die Paderborner Firma hatte sie allerdings die Hausverwaltung des Straßenzuges übernommen - und hat jetzt die Segel gestrichen. "Ich habe zum 30. September das Vertragsverhältnis mit dem Eigentümer gelöst", sagt sie. Zu den näheren Gründen möchte sie nichts sagen. Nur soviel: Grundsätzlich hänge ihr Herz an dem denkmalgeschützten Ensemble und in einem Haus seien auch tatsächlich bezugsfertige Wohnungen geschaffen worden, aber: "Wenn man da etwas entwickeln will, braucht man einen Eigentümer, der mitzieht."

Der Lack ist ab, der Putz bröckelt - so sehen alle Häuser in der Sachsenstraße aus.
Der Lack ist ab, der Putz bröckelt - so sehen alle Häuser in der Sachsenstraße aus. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

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