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"Es ist frustrierend"

Der Chef des Jonsdorfer Schmetterlingshauses sorgt sich um die Zukunft - und um die Mitarbeiter. Wie lange hält das Haus Corona noch aus?

Die Pflanzen in der Tropenhalle des Jonsdorfer Schmetterlingshauses brauchen auch im Lockdown Wasser und Pflege.
Die Pflanzen in der Tropenhalle des Jonsdorfer Schmetterlingshauses brauchen auch im Lockdown Wasser und Pflege. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Den Äffchen ist langweilig. Dabei tut Steffen Köhler schon alles, was er nur tun kann, um die kleinen Weißbüschel zu beschäftigen: Der Tierpfleger vom Jonsdorfer Schmetterlingshaus nimmt sich beim Füttern viel mehr Zeit, als er eigentlich hat, spielt Ball mit seinen Schützlingen, bringt ihnen Kinderspielzeug mit, baut ihnen Buden aus Pappkartons. "Uns fehlen die Besucher", sagt Köhler. Nicht nur den Äffchen, auch den Mitarbeitern fehlen sie.

Seit über vier Monaten ist das Schmetterlingshaus im Corona-Lockdown und für Besucher geschlossen. Geheizt und gearbeitet werden muss trotzdem. Die Äffchen und die Pflanzen in der Tropenhalle brauchen sommerwarme 24 Grad. Die Tiere brauchen Futter, die Aquarien und Terrarien brauchen Pflege, die Pflanzen Wasser.

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30.000 Euro sind das jeden Monat an festen Kosten - ob mit oder ohne Besucher, sagt Geschäftsführer Frithjof Helle. Wenigstens spart er jetzt ein paar Tausender für die Schmetterlinge. Seit November hat er keine neuen Puppen mehr gekauft, aus denen sie schlüpfen. Normalerweise kommen aller zwei Wochen Pakete mit 200 bis 300 Puppen aller Arten in Jonsdorf an. Schmetterlinge haben ja nur eine Lebensdauer von 20 bis 30 Tagen.

Tierpfleger Steffen Köhler füttert die Weißbüscheläffchen. Er nimmt sich mehr Zeit als sonst für die Tiere. Sie müssen beschäftigt werden.
Tierpfleger Steffen Köhler füttert die Weißbüscheläffchen. Er nimmt sich mehr Zeit als sonst für die Tiere. Sie müssen beschäftigt werden. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Frithjof Helle sitzt in seinem Büro und rechnet. Er wolle nicht jammern, sagt er. Helle ist bekannt dafür, immer zuerst Optimist zu sein. Gestern sind die staatlichen Dezemberhilfen gekommen und die Hälfe des beantragten Geldes vom November. "Ist doch besser als gar nichts", sagt er. Und irgendwie werde das Unternehmen schon um die Runden kommen. "Wir haben ja immer gut gewirtschaftet und eine gute Rücklage."

Aber nur, weil das Unternehmen auf diese gute Rücklage zugreifen kann, ist es bis jetzt nicht gefährdet. Wie lange aber hält das Schmetterlingshaus den Lockdown noch aus? Frithjof Helle runzelt die Stirn. "Ein, zwei Monate kann man das schon mal durchstehen", sagt er. Inzwischen sind es vier. Helle atmet tief durch. "Ich bleibe wie immer optimistisch", sagt er dann nach einer Pause des Überlegens. "Es gibt Betriebe, denen geht es deutlich schlechter als uns."

Aber auch dem größten Optimisten ist der Frust inzwischen anzumerken: "Es ist frustrierend, wenn man zusehen muss, wie die Rücklagen schmelzen", sagt er. "Und ehrlich gesagt: Es ist auch frustrierend, hier jeden Morgen anzukommen - und alles ist leer."

Der baumhohe Puderquastenstrauch steht in voller Blüte. An der außergewöhnlichen Blütenpracht werden sich Besucher in diesem Jahr wohl nicht mehr erfreuen können. Im April werden auch die letzten Blüten verwelkt sein.
Der baumhohe Puderquastenstrauch steht in voller Blüte. An der außergewöhnlichen Blütenpracht werden sich Besucher in diesem Jahr wohl nicht mehr erfreuen können. Im April werden auch die letzten Blüten verwelkt sein. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Die Kollegin, die normalerweise am Eintritt steht, ist gerade da, um ein paar Unterlagen abzuholen. Wie alle seine Mitarbeiter hat der Geschäftsführer auch sie in die stundenweise Kurzarbeit geschickt. Das Kurzarbeitergeld kommt wirklich pünktlich, sagt sie. Aber sie hat jetzt jeden Monat über 400 Euro weniger im Portemonnaie - seit November nun also schon über 1.600 Euro weniger. "Das will man sich eigentlich gar nicht vorstellen", sagt die junge Frau.

Und das ist es auch, was den Geschäftsführer noch mehr bewegt als die Situation des Unternehmens. Das werde die Zeit schon irgendwie überstehen. Aber seine Mitarbeiter in die Kurzarbeit schicken zu müssen, das habe ihm richtig wehgetan. "Das ist für mich das eigentlich Tragische, dass die Angestellten die Leidtragenden sind", sagt er. Es sind ja nicht nur die Mitarbeiter vom Schmetterlingshaus, es sind ja zig Tausende, die seit Monaten mit dem Kurzarbeitergeld auskommen müssen.

Die Fütterung der Seepferdchen ist normalerweise immer eine kleine Attraktion - derzeit nur für die Tierpfleger.
Die Fütterung der Seepferdchen ist normalerweise immer eine kleine Attraktion - derzeit nur für die Tierpfleger. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Frithjof Helle ist rüber in die Flughalle gegangen. Dort ist Mitarbeiter Steffen Förster gerade mit dem Gießen beschäftigt. Aus einer feinen Düse lässt er lauwarmen Sprühregen rieseln. In den Tropen muss es schließlich immer schön feucht sein. Frithjof Helle bewundert den baumhohen Puderquastenstrauch, der gerade in voller Blüte steht. "Ist das nicht eine Augenweide?", fragt er. "Schade, dass das diesmal außer uns wohl keiner mehr sehen wird." Die außergewöhnliche Pracht dieser Tennisball großen, scharlachroten Puscheln, die tatsächlich wie teure Puderquasten aussehen, hält nicht lange - und ist nur im Winter zu bewundern. Im April werden auch die letzten Blüten der Saison verwelkt sein.

Ob das Schmetterlingshaus im April wieder öffnen kann? Und wenn ja, unter welchen Umständen? Mit Begrenzung der Personenzahl? Mit Einlass nur nach Anmeldung? Oder nur mit negativem Corona-Test? Wann werden überhaupt wieder Touristen ins Zittauer Gebirge kommen, die den Hauptanteil der Besucher ausmachen? Oder Gäste aus Tschechien - immerhin mehr als ein Fünftel aller Gäste? Frithjof Helle weiß es nicht. "Die Unsicherheit ist dermaßen groß, es wird wohl erst ganz langsam wieder losgehen."

Und der Gründer des Schmetterlingshauses befürchtet, dass es wohl nie wieder so werden wird wie vor Corona. 60.000 Besucher hat er 2019 gezählt. Im Corona-Jahr 2020 waren es 10.000 weniger. "20 Prozent - das ist schon eine Größenordnung", weiß Helle. Und trotzdem hat er zum ersten Mal wieder neue Schmetterlings-Puppen bestellt. Nächste Woche sollen sie eintreffen. Die Halle muss wieder neu "eingeflogen" werden, erklärt er. Die Schmetterlinge müssen ihr Duftspuren zu den Futterpflanzen legen. Das dauert ein paar Tage. "Irgendwann müssen wir ja wieder öffnen dürfen", sagt Frithjof Helle - immer noch Optimist.

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