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"Mähen Sie nur noch zwei Mal im Jahr"

Wissenschaftlerin Henriette John sagt nach einem Forschungsprojekt über natürliches Grün im Dreiländereck, wie die Ergebnisse waren und was sich ändern sollte.

Dr. Henriette John arbeitet am Leibnitz-Institut für ökologische Raumordnung in Dresden.
Dr. Henriette John arbeitet am Leibnitz-Institut für ökologische Raumordnung in Dresden. © privat

Wiese ist nicht gleich Wiese, Feld nicht gleich Feld. Das Dreiländereck ist grün. Doch welche Qualität hat die Natur, die Fachleute mit den Begriffen grüne und blaue (fürs Wasser) Infrastruktur beschreiben? Wie können Behörden, Vereine, aber auch jeder einzelne verbessern, was nicht optimal ist? Und welche Leistung bringt all das Grün und Blau für die Menschen? 

Das wurde in einem EU-geförderten Projekt untersucht. Es heißt "MaGICLandscapes". Das steht – aus dem Englischen übersetzt – für Management von grüner Infrastruktur in mitteleuropäischen Landschaften. Aber man kann auch einfach von "magischen Landschaften" sprechen. Zehn Partner aus fünf europäischen Staaten waren beteiligt. Das Projekt endet im Herbst 2020. Es wurde von der Technischen Universität Dresden geleitet. Deutsche Projektpartner sind das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung und die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt. Die SZ sprach darüber mit Henriette John, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt.

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Frau John, vom Tagebau Turow abgesehen, wirkt das Dreiländereck schon recht grün. Täuscht der Eindruck?

Die Region weist viel grüne und blaue Infrastruktur auf. Weniger allerdings als beispielsweise das Riesengebirge oder die Dübener Heide, die wir im Rahmen des Projektes auch betrachtet haben. Diese Gebiete haben als Nationalpark beziehungsweise Naturpark aber auch einen höheren Schutzstatus.

Das heißt, ein Acker ist nicht unbedingt grüne Infrastruktur?

Das hängt von der Art der Bewirtschaftung ab. Grüne Infrastruktur ist multifunktional und erbringt mehrere Leistungen gleichzeitig. Sie bietet zum Beispiel Raum für Erholung, reguliert Klima- und Wasserhaushalt, ist Lebensraum für Insekten und andere Tiere und dient als Nahrungsmittelquelle. Ein sehr intensiv bewirtschafteter Acker stellt beispielsweise Futtermittel bereit und reguliert noch ein wenig das Klima. Das ist im Sinne von grüner Infrastruktur zu wenig, da die Multifunktionalität fehlt. In der biologischen Landwirtschaft gibt es hingegen Begleitflora, also Blüten und Kräuter als Lebensraum für Tiere, Wasser- und Klimaregulierung finden statt. Der Wert für die Erholung ist in einer vielfältig strukturierten Bio-Agrarlandschaft wesentlich größer – dort läuft man lieber entlang, als an einer Maismonokultur.

Dass es hier viel Wald, Wiesen, Gewässer und Ähnliches gibt, war ein Grund dafür, dass wir die Region für das Projekt ausgewählt haben. Betrachtet haben wir das Gebiet von der Böhmischen Schweiz über das Zittauer Gebirge, das Jeschkengebiet bis zum Isergebirge. Dabei fällt eine Lücke in der grünen Infrastruktur auf, die sich von Liberec bis in den Norden von Zittau zieht und sehr von Verkehrsachsen und Agrarstrukturen geprägt ist. Wir haben überlegt, wie man diese Lücke schließen kann.

Was kann man tun, um eintönige Ackerflächen grüner zu machen?

Man könnte das Landschaftsbild zum Beispiel mit Hecken-Strukturen auflockern oder auch vielfältiger bepflanzen.

Sie haben von einer Lücke in der grünen Infrastruktur gesprochen. Sind im Rahmen des Projektes Ideen entstanden, um die zu schließen?

Ja, wir haben zwei Aktionsfelder definiert und dazu zehn Aktionspläne erarbeitet.

Worum geht es konkret?

In einem Handlungsfeld geht es darum, Grünstrukturen in den Städten aufzuwerten oder auch neu zu schaffen, zum Beispiel für die Naherholung. Da gibt es bereits konkrete Projekte wie das Urban Gardening, also das Stadtgärtnern im Amaliengarten in Zittau. Es wäre schön, wenn solche Angebote noch stärker von der lokalen Bevölkerung genutzt würden.

Und das zweite Aktionsfeld?

Das betrifft die blaue Infrastruktur, also Gewässer. Es geht beispielsweise um die Folgen von Starkregen für Böden. Aber auch um viele begradigte oder in Rohren unter die Erde verlegte Bachabschnitte. Einiges könnte renaturiert oder freigelegt werden – so Abschnitte des Goldbaches in Zittau. Das wäre auch eine optische Aufwertung des Stadtbildes in einer Gegend, die noch sehr von grauer Infrastruktur, also von Straßen und Gebäuden geprägt ist.

Können Sie Beispiele für die zehn Aktionspläne nennen?

Für Zittau und Hrádek (Grottau) empfehlen wir Alleen an den Straßen, das sogenannte Straßenbegleitgrün mit vielen verschiedenen Baumarten zu gestalten anstatt nur mit einer. Das heißt, man sollte es beispielsweise nicht bei einer reinen Lindenallee belassen. Damit entsteht mehr Lebensraum für verschiedene Pflanzen und Tiere. Bei einem weiteren Plan geht es darum, die Bodenerosion zu verringern.

Wo spielt die eine Rolle?

Unter anderem im Raum Spitzkunnersdorf. Insgesamt gibt es im Vorland des Zittauer Gebirges viele Landwirtschaftsflächen in Hanglage, die immer wieder von Starkregen betroffen sind. Dadurch kommt es zu Erosion, Ackerboden wird verschlämmt, verdichtet oder weggespült. Darunter leiden die Landwirte, aber auch die Gewässer. Hier könnte man mit quer gepflanzten Hecken oder durch Bewirtschaftung quer zum Hang teilweise Abhilfe schaffen. In Spitzkunnersdorf gibt es bereits Akteure im Projekt Rainman (deutsch: Regen-Mann, d. Red.), die sich engagieren. Da kann man anknüpfen.

Haben Sie auch ein Beispiel für Polen?

In Bogatynia (Reichenau) gibt es bereits Pläne für einen kleinen Stausee und ein Regenrückhaltebecken, die man revitalisieren will. Dort sollen mehr Erholungsmöglichkeiten geschaffen werden, außerdem soll es Angebote zur Umweltbildung geben, zum Beispiel Informationstafeln. In der Stadt geht es auch darum, Grünflächen auf öffentlichem Grund zu schaffen, wo zuvor Gebäude abgerissen worden sind.

Wie sind denn die Rückmeldungen?

Die ersten Reaktionen sind positiv. Die Zittauer Stadtentwicklungsgesellschaft verfolgt einige ähnliche Ziele. Sie will zum Beispiel bestehende Grünflächen zu einem grünen Netz verknüpfen. Auch die Euroregion Neiße hat unsere Pläne erhalten und ist sehr interessiert. Die strategischen Handlungsempfehlungen der Euroregion werden derzeit überarbeitet, künftig sollen bei Projekten auch grenzüberschreitende grüne Vorhaben eine Rolle spielen.

Grenzüberschreitung ist ein gutes Stichwort – grüne Infrastruktur macht ja nicht an Grenzen halt, oder doch?

In den entsprechenden Raumordnungsplänen der Dreiländerregion ist das bislang leider so. Das hat zumeist rechtliche Gründe. Allerdings wissen die Akteure, dass es wichtig wäre, grenzüberschreitend zu arbeiten und zu denken.

Wie stark spielt das Thema grüne Infrastruktur in Entwicklungsplänen der Region überhaupt eine Rolle?

Das hat die Studentin Juliana Schlaberg in ihrer Masterarbeit untersucht. Sie hat sich acht Regional- und Flächennutzungspläne angeschaut und festgestellt, dass der Begriff grüne Infrastruktur so gut wie nicht auftaucht. In einigen gibt es ähnliche Begriffe wie zum Beispiel „regionale Grünzüge“ im Regionalplan Oberlausitz-Niederschlesien, das sind größere zusammenhängende, nicht bebaute Gebiete, die zur Erfüllung verschiedener Funktionen ausgewiesen werden. Es geht darum, dass diese Grünzüge beispielsweise das Klima regulieren, einen Erholungswert haben oder für den Biotopverbund wichtig sind. Die Zittauer Stadtentwicklungsgesellschaft hat in einem Entwurf für ein neues Entwicklungskonzept Zittaus nun den Terminus grüne Infrastruktur aufgegriffen. Ob er im Papier stehenbleibt, muss aber der Stadtrat entscheiden.

Was können denn die Bürger tun, um die Region grüner zu machen?

Sie können beispielsweise ihren Balkon begrünen, dort selbst Tomaten ziehen oder Blumen züchten. Man kann sich mit anderen zusammenschließen und eine kleine Fläche gemeinsam bewirtschaften oder bereit sein, seine Wiese im eigenen Garten nicht als kurzen Rasen zu pflegen, sondern es dort blühen zu lassen und nur noch zweimal im Jahr zu mähen. Das tut der Artenvielfalt und besonders den Insekten gut. Jeder kann etwas tun für eine grünere multifunktionalere Landschaft. Auch eine Bürgerbeteiligung bei Planungsvorhaben, wie derzeit beim Regionalplan, ist sinnvoll.

Werden Sie in fünf bis zehn Jahren schauen, was aus ihren Plänen geworden ist?

Das wäre wünschenswert. Wir als Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung versuchen ein Folgeprojekt auf den Weg zu bringen, um weiterzumachen. Außerdem ist in den Aktionsplänen berücksichtigt, dass es ein Monitoring, also eine Überprüfung und Bewertung geben sollte. So könnte man schauen, ob die Aktionen erfolgreich waren beziehungsweise sind.

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