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"Was sagt denn da dein Mann dazu?"

Nicht nur diese Frage hört Marei Sonntag immer wieder. Sie kann auch kein Spagat. Dabei hat sich die 37-Jährige doch nur auf eine leitende Stelle in Zittau beworben.

Marei Sonntag leitet seit Kurzem das Amt für Bildung und Soziales im Zittauer Rathaus.
Marei Sonntag leitet seit Kurzem das Amt für Bildung und Soziales im Zittauer Rathaus. © Matthias Weber/photoweber.de

Und? Was hat der Mann dazu gesagt? Marei Sonntag muss lachen über diese Frage, die sie schon zigmal gehört hat: "Was soll er denn gesagt haben: Wenn du das machen willst, dann mach's! Was denn sonst?" Auf die Frage, ob sie sich das auch wirklich richtig überlegt habe, antwortet die 37-Jährige inzwischen gar nicht mehr. Und auch nicht mehr darauf, wie sie das denn schaffen will: Einen Chefposten im Rathaus und zu Hause drei Kinder, das jüngste gerade ein Jahr.

Marei Sonntag ist seit Januar die neue Leiterin des Amts für Bildung und Soziales in der Zittauer Stadtverwaltung, Chefin von 29 Mitarbeitern, verantwortlich für die Schulen und Kindertagesstätten, für die Sportstätten und Jugendeinrichtungen, für Kinder- und Jugendarbeit, für Sozialarbeit, Sozialleistungen und Wohngeldbehörde, für die Vereinsförderung.

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Mit ihrer Bewerbung um die Amtsleiterstelle hat sie sich gegen sieben Mitbewerber durchgesetzt, vier Männer und drei Frauen. Ihre Qualifikation ist hoch: Sie hat Soziologie, Psychologie und Pädagogik studiert, besitzt mehrere Zusatzzertifikate und hat bereits jahrelang als Abteilungsleiterin bei einem großen Träger in Dresden gearbeitet. Bei ihrer Vorstellung vor dem zuständigen Stadtratsausschuss aber habe man nur wenig Fachliches von ihr wissen wollen, erzählt sie, dafür aber viel mehr persönliche Fragen gestellt: Vor allem die, wie sie denn diesen Spagat zwischen Familie und Beruf schaffen wolle.

"Ich kann gar keinen Spagat"

"Ich kann gar keinen Spagat", hätte sie da am liebsten geantwortet. Solche Fragen ärgern die 37-Jährige. "Einem Mann würde man sie so niemals stellen", ist sie sich sicher. Es sei eben auch im 21. Jahrhundert immer noch ein großer Unterschied, ob sich Männer oder Frauen um eine Führungsposition bewerben. "Es ist wichtig, dass Frauen in Führungsebenen vertreten sind", sagt Marei Sonntag, "weil es ganz unterschiedliche Betroffenheiten und Wahrnehmungen gibt. Frauen sind von bestimmten Themen anders betroffen als Männer - wenn es um die Öffnungszeiten von Kitas geht zum Beispiel."

Marei Sonntag sitzt in einem kleinen Büro in der städtischen "Villa" an der Hochwaldstraße. Ihr Schreibtisch sieht nach Arbeit aus. Ein Kaffeebecher, viel Papier, Zettel mit Notizen, eine Vase mit Birkenzweigen. Sie hat keine Zeit zu vertrödeln. Die halblangen Haare hat sie heute früh fix zusammengesteckt, der Blazer passt zum kastanienbraunen Pony und überhaupt für jede Gelegenheit. Praktisch und unkompliziert.

Gerade hat sie mit einer jungen Frau telefoniert, die sich vorstellen könnte, als Tagesmutter zu arbeiten. Gleich hat sie einen Termin mit zwei Mitarbeitern eines freien Trägers. Sie möchte, dass die "Villa" wieder mehr als Kinder- und Jugendhaus genutzt wird. Bis zum Nachmittag muss eine Beschlussvorlage für die nächste Stadtratssitzung fertig werden. Später wird es auch noch einmal um den von einer knappen Stadtratsmehrheit abgelehnten Anbau an der Parkschule gehen: "Wir wissen natürlich um die Haushaltslage", sagt sie. "Aber wir haben doch alle Varianten geprüft und abgewogen. Für uns ist der Neubau nach wie vor das Nachhaltigste und Sinnvollste."

"Haben Sie schon mal morgens halb acht drei Kinder angezogen?"

Dass es nicht immer zuerst ums Geld gehen kann, hängt vielleicht auch mit ihrer Betroffenheit als Frau und Mutter zusammen: "Für mich liegt die Priorität ganz klar bei der Bildung und dem Bestmöglichen, was wir als Stadt dafür tun können. Wie attraktiv ist Zittau für Familien? Das müssen wir uns fragen."

Mit ihrer Familie lebt Marei Sonntag in Mittelherwigsdorf. Ihr Mann arbeitet als selbstständiger Gewerbetreibender, die Kinder sind ein, fünf und sieben Jahre alt. Vor zwei Jahren hat es die Sonntags wieder zurück in die Heimat gezogen, auch wieder nahe zu den Großeltern. "Wir haben jahrelang in Dresden gelebt, das ist ja auch nicht so weit weg", erzählt Marei Sonntag, "aber wenn wir aus dem Urlaub gekommen sind, hatten wir dort nie das Gefühl, nach Hause zu kommen. Zu Hause war für uns immer hier."

Das Familienleben musste auch in Dresden immer schon gut organisiert sein, damit das klappt mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sagt Marei Sonntag. Und jetzt helfe ihr in gewissem Sinne auch Corona: Seit Homeoffice im Beruf zu Selbstverständlichkeit geworden ist, sei alles viel entspannter. Heute früh hat sie zu Hause erst einmal ein paar dringende E-Mails beantwortet und danach die Kinder ganz in Ruhe in die Kita und die Schule gebracht hat. "Wer schon mal morgens unter Zeitdruck drei Kinder angezogen hat, weil alle pünktlich um 7.30 Uhr raus sein müssen, der weiß, wovon ich rede", sagt sie und schmunzelt.

Sie müsse gar nicht unbedingt Spagat können, ist Marei Sonntag überzeugt. Es bräuchte für Frauen in Führungspositionen eigentlich nur ein paar bessere Rahmenbedingungen: flexible Arbeitszeiten, gute Kinderbetreuung, die Möglichkeit zum Homeoffice. Und nicht mehr diese Frage, was denn der Mann dazu sagt.

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