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Wie sich zwei Bewaffnete mit ihrem Geruch verraten

Die SZ blickt exklusiv in die Akten spektakulärer Kriminalfälle. Heute: Ein brutaler Raubüberfall am Berzdorfer See ist aufgeklärt - aber reichen die Beweise?

Kriminalhauptkommissarin Kristina Brock zeigt die Akte vom bewaffneten Raubüberfall am Berzdorfer See im Mai 2019.
Kriminalhauptkommissarin Kristina Brock zeigt die Akte vom bewaffneten Raubüberfall am Berzdorfer See im Mai 2019. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Beim Geld hört bekanntlich die Freundschaft auf. Reichen dafür 5.000 Euro? Diese Frage stellen sich Kristina Brock und ihre Kollegen vom Dezernat für Eigentums- und Bandenkriminalität im Januar dieses Jahres. Mehr als anderthalb Jahre sind die Kriminalisten da schon auf der Suche nach zwei brutalen Räubern.

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"Wir sind in diesem Fall einfach nicht weitergekommen", erzählt Kristina Brock. Die Kriminalhauptkommissarin sitzt in einem Büro in der Görlitzer Polizeidirektion und zieht zwei Phantombild-Zeichnungen aus dem roten Aktenordner. "Es ist erstaunlich, wie gut und detailliert der Geschädigte die beiden Männer beschreiben konnte", sagt die 49-Jährige. Jetzt im Nachhinein, im Vergleich mit den Fotos der mutmaßlichen Täter, wird es deutlich: Die Ähnlichkeit der Phantombilder ist verblüffend.

Vielleicht ist die Täterbeschreibung deshalb so präzise, weil der Mann, der am Vormittag des 23. Mai 2019, am helllichten Tag also, von zwei bewaffneten Räubern überfallen wird, ein Fotograf ist, der einen sehr genauen Blick hat. So genau, dass einer der beiden Täter, als er sich auf den Bildern sieht, Angst bekommt, er könne sofort erkannt und verraten werden.

Der Tatort: das abgelegene Gelände am ehemaligen Tagebau-Hochbunker am Berzdorfer See in Hagenwerder.
Der Tatort: das abgelegene Gelände am ehemaligen Tagebau-Hochbunker am Berzdorfer See in Hagenwerder. © Polizeidirektion Görlitz
Akribisch sichern und protokollieren die Kriminalisten jedes Detail - hier die Fototasche, in die einer der Täter geschossen hat.
Akribisch sichern und protokollieren die Kriminalisten jedes Detail - hier die Fototasche, in die einer der Täter geschossen hat. © Polizei
An dieser Stelle ist der Fotograf am 23. Mai 2019 von zwei bewaffneten Männern bedroht und beraubt worden.
An dieser Stelle ist der Fotograf am 23. Mai 2019 von zwei bewaffneten Männern bedroht und beraubt worden. © Polizei
Auch diese Fußspur wird am Tatort gesichert, bringt die Kriminalisten aber nicht weiter.
Auch diese Fußspur wird am Tatort gesichert, bringt die Kriminalisten aber nicht weiter. © Polizei

Aber es verrät ihn niemand. Und auch den anderen nicht, der dem Fotografen an jenem Vormittag an diesem abgelegenen Ort bei Hagenwerder eine Waffe vor die Nase hält und in die Kameratasche schießt. Auf der Suche nach Motiven von verlassenen Orten ist der Rentner aus Hessen an diesem Tag zur Ruine des einstigen Tagebau-Hochbunkers an den Berzdorfer See gekommen. Weit und breit ist dort kein Mensch außer ihm - und den beiden Tätern. Sie stehlen ihm seine 30.000 Euro teure Fotoausrüstung und das iPhone und verschwinden in einem dunklen 960er Volvo mit Görlitzer Kennzeichen.

Das ist es, was der Fotograf den Ermittlern schildern kann. Viel mehr nicht. Für Kristina Brock und ihre Kollegen beginnt an diesem Tag im Mai eine akribische Spurensuche. "Wir haben am Tatort die Nadel im Heuhaufen gesucht", erinnert sie sich. "Irgendeinen Hinweis, irgendetwas, das uns hätte weiterbringen können." Die Kollegen von der Spurensicherung durchkämmem sogar einen vollen Müllcontainer, der in der Nähe steht. Aber sie finden nichts, das für die Ermittlungen relevant sein könnte.

Auch alle anderen Recherchen führen ins Leere. "Wir haben alle dunklen Volvos überprüft, die im Kreis Görlitz gemeldet sind, wir haben bei Ebay nach der gestohlenen Fotoausrüstung gesucht", schildert Kristina Brock. "Alles ohne Erfolg." Die Ermittler entscheiden sich schließlich für eine Öffentlichkeitsfahndung, schicken die Phantombilder an die regionalen Medien. Ein Zeitungsleser will einen polnischen Bauunternehmer erkannt haben. Aber auch der hat mit dem Fall nichts zu tun.

Ein "alter Kumpel" plaudert für 5.000 Euro

Der Durchbruch gelingt am 13. Januar zur besten Fernseh-Sendezeit: Kai Siebenäuger, der Sprecher der Görlitzer Polizeidirektion, berichtet in der bekannten ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst" von dem Raubüberfall am See - und stellt für sachdienliche Hinweise eine Belohnung von 5.000 Euro in Aussicht. Und tatsächlich hört bei diesem Betrag eine Freundschaft auf.

Der Zeuge, der die beiden Männer kennt, meldet sich nach der Fernsehsendung aus der Justizvollzugsanstalt in Bautzen, wo er gerade eine Haftstrafe absitzt: Er wisse von der Tat, erklärt er den Ermittlern. Derjenige, der Angst hatte, er könne verraten werden, sei ein alter Kumpel von ihm und habe ihm alles erzählt - und das schon, als die Phantombilder zum ersten Mal in der Zeitung waren.

"Ich habe ihn gefragt, warum er sich erst jetzt meldet", erinnert sich Kristina Brock. "Es hat ihn tatsächlich die Belohnung überzeugt." Die Tatverdächtigen sind zwei Männer aus der Gegend, 23 und 41 Jahre alt, beide Deutsche. Aber sie leugnen, jemals an diesem verlassenen Ort am Berzdorfer See gewesen zu sein.

"Es hat alles gepasst, auch die Personenbeschreibung", schildert Kristina Brock. "Aber außer der auffallenden Ähnlichkeit und der Aussage des Zeugen hatten wir keine weiteren belastbaren Indizien. Für eine Anklage hätte das nicht gereicht." Für die Ermittler ist das eine frustrierende Situation. Da erinnert sich die Kriminalistin an einen anderen Raubüberfall, bei dem speziell ausgebildete Fährtensuchhunde den Tätern auf die Spur gekommen waren.

Fährtenhunde Chira und Olivia liefern einen Beweis

Sollte das auch nach zwei Jahren noch möglich sein? "Es war wenigstens eine Chance", sagt Kristina Brock. Mit Beschluss der Staatsanwaltschaft müssen die beiden Tatverdächtigen eine Geruchsprobe abgeben. Eine solche Duftprobe holen die Ermittler auch von dem Fotografen und als Gegenprobe von einem Unbeteiligten, der noch nie am fraglichen Ort war.

Und dann kommen Chira und Olivia ins Spiel, zwei "Mantrailer-Hündinnen" der Polizei mit herausragenden Fähigkeiten. "Es war wirklich unglaublich", schildert Kristina Brock. "Auch nach zwei Jahren konnten die Hunde die Spur der beiden Tatverdächtigen noch exakt verfolgen: Sie sind von der Stelle, an der der Volvo stand, genau bis zu der Stelle gelaufen, an dem der Fotograf überfallen wurde." Mit der Duftprobe des Unbeteiligten indes sind die Hündinnen stehengeblieben. Diese Spur gab es logischerweise nicht.

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Für Kristina Brock und ihre Kollegen vom Dezernat für Eigentums- und Bandenkriminalität ist das Beweis genug, dass die Täter gefunden sind. "Wir sind überzeugt davon", sagt sie, "auch wenn wir weder das Diebesgut noch die Tatwaffe gefunden haben und es keine Geständnisse gibt." Aber ob das auch für eine gerichtsfeste Anklage reicht? Das ist bisher noch nicht entschieden.

Die weiteren Kriminalfälle in der SZ-Serie:

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