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Hat Zittau bald einen "Palast der Republik"?

Derzeit werden die Fenster des Zittauer Rathauses erneuert. Das neue Glas spiegelt sehr stark, sagen Kritiker. Die Stadt sieht das anders.

Die neuen Rathausfenster glänzen wie einst die Fenster des "Palastes der Republik" in Berlin.
Die neuen Rathausfenster glänzen wie einst die Fenster des "Palastes der Republik" in Berlin. © Jan Lange

Das Zittauer Rathaus ist in seiner fast 180-jährigen Geschichte immer wieder umgebaut und saniert worden. Doch kaum eine Baumaßnahme der jüngeren Zeit sorgt für derartige Diskussionen wie die aktuelle Erneuerung der Rathausfenster. Viele Bürger seien schockiert, behauptet der Architekt Rainer Scholz. Die Fensterscheiben spiegeln nach seinen Worten derart, dass man - gerade in der Abendsonne - gar nichts mehr von den historischen Holzrahmen sehe.

Zittaus Stadtsprecher Kai Grebasch bezweifelt, dass es zu Spiegelungen kommt, da es sich um eine normale Isolierverglasung handele.

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Bei einer Vor-Ort-Schau sind aber deutliche Unterschiede zwischen den alten Fenstern mit ihrer Doppelverglasung und den neuen mit der spiegelnden Isolierverglasung zu sehen. Die neuen Fenster erinnern ein wenig an den ehemaligen Palast der Republik in Berlin. Das Gebäude, im Volksmund auch "Erichs Lampenladen" genannt, hatte eine 6.870 Quadratmeter große und 25 Meter hohe Vorhangfassade aus Thermoglasscheiben, die ebenfalls für starke Spiegeleffekte sorgte.

"Wie ist es überhaupt möglich ist, dass dem Austausch das Denkmalamt und das Landesdenkmalamt zugestimmt haben?", fragt sich Rainer Scholz in Bezug auf die Zittauer Rathausfenster. Er hat sich deshalb Anfang Oktober per Mail an die Denkmalbehörden auf Kreis- und Landesebene gewandt. "Leider habe ich noch keine Antwort bekommen", sagt er. 

Die Antwort kommt dafür von Stadtsprecher Grebasch: "Der gesamte Einbau und die Art der Ausführung wurde bis ins letzte Detail mit der Denkmalschutzbehörde abgestimmt", erklärt er und fügt hinzu: "Die Ausschreibung der kompletten Leistung wurde deshalb auch erst nach der Freigabe des Musterfensters durch die Denkmalschutzbehörde ausgeführt."

An der oberen Fensterreihe auf der linken Rathausseite ist das neue, spiegelnde Glas gut zu erkennen.
An der oberen Fensterreihe auf der linken Rathausseite ist das neue, spiegelnde Glas gut zu erkennen. © Jan Lange

Scholz ist nicht der Einzige, bei dem die Baumaßnahme auf Unverständnis stößt. Auch das Stadtforum Zittau kritisiert den Austausch der Fenster. Bei einem herausragenden Kulturdenkmal wie dem Zittauer Rathaus müsste es selbstredend sein, dass "bei einem solchen Eingriff eine behutsame und denkmalgerechte Vorgehensweise an den Tag gelegt wird", meint Thomas Göttsberger, stellvertretender Vorstand des Stadtforums. Das sei jedoch durch das eingebaute Floatglas, auch immer wieder als Spiegelglas bezeichnet, nicht der Fall.

Althergebrachte Herstellungsverfahren machten jede Fensterscheibe zum Unikat. Glasoberflächen waren unruhig und hatten einen typischen Charakter. Das Glas hatte eine je nach Qualität mehr oder weniger ausgeprägte wellige Struktur mit Ziehstreifen und teilweise auch mit Bläselung. Lebendige Glasstrukturen verleihen laut Göttsberger einem denkmalgeschützten Haus den eigenen bauzeitlichen Charme. Beim Blick auf die Fassade entstünden einzigartige Lichtreflektionen.

Dies sei bei dem für die neuen Rathausfenster verwendeten Glas mit seiner spiegelglatten, nahezu perfekten Oberfläche nicht möglich, findet er. „Vielmehr beeinträchtigt das verwendete Floatglas durch seine Spiegelung den Gesamteindruck des Rathauses erheblich und kann deshalb im Denkmalbereich keine Anwendung finden“, heißt es vom Stadtforum Zittau.

Fördermittel zurückzahlen?

Rainer Scholz vermutet, dass Fördermittel der Grund sind. Der Dresdner Architekt, der seit 2018 Eigentümer der Inneren Weberstraße 24 in Zittau ist, behauptet, dass die Stadt Zittau Förderungen zur CO2-Einsparung genutzt habe und nun, da die angeblichen Ziele bis zum Ende des Förderzeitraums 2020 nicht erreicht wurden, eine Rückzahlung von Fördermitteln drohe. Um diese vermeintlich drohende Rückzahlung zu verhindern, sei der Austausch der Rathausfenster stark vorangetrieben worden. Das Vorhaben ist Teil der energetischen Sanierung des Rathauses und soll ebenfalls zur Reduzierung des Energieverbrauchs führen.

Bianca Schulz, stellvertretende Pressesprecherin des sächsischen Staatsministeriums für Regionalentwicklung, kann die Behauptung von Rainer Scholz nicht bestätigen. Weder von ihrem Ministerium, das für Städtebau und Stadtentwicklung und entsprechende Förderprogramme zuständig ist, noch von der Sächsischen Aufbaubank (SAB) gebe es Rückforderungen von Fördermitteln.

Von Energiesparverordnung befreit

Laut Scholz ist der Denkmalschutz von der Energiesparverordnung befreit. Damit solle erreicht werden, dass Denkmäler erhalten bleiben. "Dazu gehören auch dessen Fenster und Türen", so Scholz weiter. Denkmalgeschützte Bauteile dürfen nur ersetzt werden, wenn ihr Erhalt den Neuwert drastisch übersteigt. Dazu muss ein Gutachten angefertigt werden, das jedes Fenster einzeln in seinem Zustand erfasst. Rainer Scholz glaubt nicht, dass die Stadt ein solches Gutachten gemacht hat.

Für ihn stellt sich die Frage, was mit den alten Kastenfenstern geschieht. Sollten sie, wie Scholz vermutet, in einem anderen Gebäude wieder eingebaut werden, wäre die CO2-Bilanz gleich Null und die Fenster hätten auch im Rathaus verbleiben können. Laut Kai Grebasch werden alle vorhandenen Bleiglasfenster aufgearbeitet. Die normalen Kastenfenster werden alle ausgebaut und entsorgt. Eines der alten Kastenfenster geht demnach an das Museum.

Auch Scholz' Vermutung, dass die energetische Ertüchtigung der Originalfenster nicht mehr gekostet hätte als der jetzige Betrag, widerspricht Zittaus Pressesprecher. "Eine Aufarbeitung der vorhandenen Fenster wäre teurer als der Austausch geworden", stellt er klar. Der Austausch der Rathausfenster kostet etwa zwei Millionen Euro - ursprünglich wurden die Kosten auf 1,5 Millionen geschätzt.

Keine Vorbildwirkung

Die Stadt Zittau habe damit auch keine Vorbildwirkung gegenüber privaten Bauherren, kritisiert Rainer Scholz. "Als Architekt kann ich so natürlich schlecht Bauherren beraten, dass sie ihre historischen Fenster erhalten, wenn die Stadt sogar am Rathaus einfach die Originalfenster gegen einfachste Isolierscheiben austauschen kann", sagt er. Schließlich sei das ein Freibrief für private Hauseigentümer, die ja zumindest die straßenseitigen Kastenfenster erhalten müssen, dann alle gegen Isolierfenster auszutauschen.

"Historisch anmutende Glasoberflächen und moderne Anforderungen lassen sich durch eine Vielzahl entsprechender Angebote der Industrie problemlos verbinden", weist Thomas Göttsberger hin. Das Stadtforum Zittau fordert eine entsprechende Klärung und Anpassung der Bauausführung. Bis dahin sollten keine weiteren Fenster mehr im Rathaus montiert werden, so das Stadtforum Zittau.

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