merken
PLUS Zittau

Riesenzoff um den Corona-Impfstoff

Die dritte Woche in Folge bekommen die Hausärzte im Raum Löbau-Zittau ihre bestellten Impfdosen nur zum Teil oder gar nicht mehr. Und es hält sich ein Gerücht.

Im Löbauer Impfzentrum läuft es noch: Mehr als 1.500 Impfdosen wurden hier alleine am Dienstag verabreicht. Die niedergelassenen Ärzte allerdings bekommen derzeit kaum noch Impfstoff.
Im Löbauer Impfzentrum läuft es noch: Mehr als 1.500 Impfdosen wurden hier alleine am Dienstag verabreicht. Die niedergelassenen Ärzte allerdings bekommen derzeit kaum noch Impfstoff. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Dr. Gottfried Hanzl ist stinksauer. "Wir kommen uns hier nach Strich und Faden veralbert vor", schimpft der Allgemeinmediziner aus Oderwitz. Der Grund für seinen Frust: Seit drei Wochen bekommen die Hausärzte im Raum Löbau-Zittau - für die Hanzl im Vorstand der Landesärztekammer sitzt - kaum noch Corona-Impfstoff. Nicht mal mehr die bestellten Mengen vom weniger beliebten AstraZeneca sind lieferbar.

Dieses Bestellsystem, das sich der Bund für die impfwilligen Ärzte ausgedacht hat, sei an sich schon ein Riesenproblem, sagt Hanzl, aber gerade sei es eine Katastrophe. Immer am Dienstag der Vorwoche müssen die Praxen die Impfdosen in der Apotheke bestellen. Das Kontingent ist gedeckelt auf 24 Dosen Biontec, 20 Dosen AstraZeneca und fünf Dosen Johnson und Johnson pro Woche. Moderna sei für die niedergelassenen Mediziner so gut wie überhaupt nicht zu bekommen.

Anzeige
Erster Sächsischer ElbWeingummi
Erster Sächsischer ElbWeingummi

Fruchtiges ElbWeingummi aus erntefrischem Saft und sächsischen Weinen – Die perfekte süße Versuchung überraschend anders!

"Nach unseren bestellten Impfdosen bestellen wir auch die Patienten für die nächste Woche zum Impfen", erklärt Hanzl. Das sei jedes Mal ein großer organisatorischer Aufwand mit unzähligen Telefonaten und Absprachen - um dann am Freitag oder gar erst am Montag zu erfahren: Pustekuchen. Diese Woche kriegen Sie nichts!

Mehrere Ärzte haben sich vom Impfen zurückgezogen

"Da stehen wir da wie die Deppen", sagt Hanzl. "Und alle zum Impfen bestellten Patienten müssen wieder abbestellt werden." Einer Kollegin sei es letzte Woche passiert, dass ihr der Impfstoff am Freitag abgesagt wurde, sie alle 30 Patienten wieder abbestellen musste, um dann am Montag gesagt zu kriegen, dass sie doch noch eine einmalige Zuteilung bekommen könnte. "Und gerade hat eine Kollegin angerufen, die heute 36 Patienten bestellt hatte und wieder absagen musste. Der Frust bei uns Ärzten sitze inzwischen tief", sagt Hanzl. "Wir werden ja vollkommen unglaubwürdig."

Es könne doch nicht sein, dass er sich inzwischen vorkomme wie seine Enkel vor Weihnachten, sagt er. Die könnten zwar einen Wunschzettel schreiben, aber erst am Heiligabend erfahren sie, ob sie das Gewünschte auch bekommen. "So kann man mit uns nicht umgehen", ist Dr. Hanzl überzeugt. Er kenne mehrere Kollegen, die sich aus diesem Grund bereits wieder aus der Impfkampagne zurückgezogen hätten. Hanzl nennt keine Zahlen, spricht aber von "fast einem Drittel".

Der Zittauer Apotheker Henrik Wintzen spricht von einem regelrechten Desaster. Seine Apotheken gehören zu denen, die die bestellten Impfstoffe für die niedergelassenen Ärzte besorgen sollen. "Wir tun alles, was wir können", sagt er, "aber wir bekommen über die Großhändler einfach nichts mehr ran."

Seit Wochen schon könne er den Ärzten nur den benötigten Impfstoff für die Zweitimpfungen liefern, in dieser Woche überhaupt keinen. Den Frust der Patienten müssen dann vor allem die Schwestern in den Praxen aushalten. "Dabei haben wir eine gut funktionierende Logistik aufgebaut."

Ein Fehler in der bundesweiten Verteilung?

Den Grund für die Impfstoffknappheit kennt auch Apotheker Wintzen nicht. "Niemand kann uns das erklären", sagt er. Einem Bericht des MDR zufolge, habe es offenbar beim Bund einen Fehler in der Verteilung des Impfstoffs unter den Bundesländern gegeben. Während Sachsen zuletzt Tausende Impfdosen weniger bekommen hat, als im Verteilerschlüssel vorgesehen, seien in Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen Tausende Impfdosen mehr angekommen.

Auch im Löbauer Impfzentrum kann derzeit nicht mit voller Auslastung gearbeitet werden. "Wir haben ebenfalls Beschaffungs-Probleme", bestätigt DRK-Sprecher Kai Kranich. Es könnten derzeit viel weniger neue Impftermine als geplant im Anmeldeportal des Freistaats gebucht werden. Der Frust der Impfwilligen, die stundenlang erfolglos vor dem Computer verbringen, sei da mehr als verständlich, sagt er.

Trotzdem konnten allein am Dienstag im Löbauer Impfzentrum wieder 1.540 Spritzen verabreicht werden. Insgesamt sind in Löbau seit Beginn der Impfkampagne bereits 119.000 Dosen geimpft worden. Für die schnellstmögliche Immunisierung in der Pandemie sei die Einrichtung der Impfzentren deshalb richtig und wichtig gewesen, so der DRK-Sprecher. "Aber nur als Überbrückung", betont Kranich. "Wir arbeiten daran, dass wir überflüssig werden und die Haus- und Fachärzte das Impfen komplett übernehmen."

DRK-Sprecher tritt Gerücht entgegen

In diesem Zusammenhang tritt Sachsens DRK-Sprecher auch einem Gerücht entgegen, das sich über soziale Medien hartnäckig verbreitet: In den Impfzentren würde massenhaft Impfstoff gehortet und am Ende vernichtet. "Das ist absoluter Unsinn", sagt Kai Kranich. "Wir kämpfen jeden Tag bis zum Schluss, dass keine einzige Impfdosis übrigbleibt."

Im ungünstigsten Fall könnte es passieren, dass wegen einer letzten Impfung mit dem Stoff von Biontec am Abend noch mal eine Ampulle angerissen werden muss, die insgesamt sechs Impfdosen enthält. "Im ungünstigsten Fall müssten dann die restlichen fünf Impfdosen sehr kurzfristig an Impfwillige auf einer eigens dafür geführten Listen ausgegeben werden. Wir versuchen täglich, dass keine Impfdosen im Müll landen, weil sich kein Impfwilliger gefunden hätte“, erklärt Kranich. Dass das passiert, sei sehr selten. Bei den anderen Impfstoffen könnten Reste am nächsten Tag verwendet werden.

Update, 27. Mai, 18 Uhr: Am Donnerstagnachmittag hat das Gesundheitsministerium mitgeteilt, dass Sachsen noch in dieser Woche rund 40.000 Biontec-Impfdosen vom Bund nachgeliefert bekommen soll. Der Freistaat bekomme die Impfdosen als Ausgleich, weil die sächsischen Arztpraxen vom Großhandel mit weniger Impfstoff beliefert wurden, als ihnen zusteht. Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) zeigte sich erfreut, dass die Bundesregierung nach ihrem Brief an Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) schnell reagiert habe.

Anmerkung: In einer vorherigen Version haben wir Gottfried Hanzl zitieren lassen, dass sich dieses Bestellsystem der Freistaat für impfwillige Ärzte ausgedacht habe. Ein Fehler, denn verantwortlich ist der Bund.

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umland lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umland lesen Sie hier.

Sie wollen die wichtigsten Nachrichten aus Löbau und/oder Zittau direkt aufs Smartphone gesendet bekommen? Dann melden Sie sich für Push-Nachrichten an.

Weiterführende Artikel

Corona: Montagsdemonstrant bekommt Ärger

Corona: Montagsdemonstrant bekommt Ärger

Infektionszahlen, Polizeikontrollen und die Auswirkungen auf das Leben der Bewohner: Aktuelle Geschichten und Entwicklungen dazu sind hier zu lesen.

Corona: Wo steht Dresden beim Impfen?

Corona: Wo steht Dresden beim Impfen?

Ein Meilenstein ist geschafft, doch Unzufriedenheit bleibt. Die Hausärzte sehen sich gegenüber den Impfzentren benachteiligt. Der große Impf-Überblick.

Meißen: Corona-Inzidenz sinkt unter die Schwelle von 50

Meißen: Corona-Inzidenz sinkt unter die Schwelle von 50

Der Anstieg der Fallzahlen im Landkreis Meißen nahm aber leicht zu. In Hirschstein gibt es nur einen aktiven Corona-Fall. Ist Covid-19 eine Berufskrankheit?

Wie viele Ärzte impfen im Kreis Görlitz?

Wie viele Ärzte impfen im Kreis Görlitz?

Eine Corona-Schutzimpfung beim Hausarzt zu bekommen, ist nach wie vor nicht selbstverständlich. Auch bei Fachärzten ist noch Luft nach oben. Die Zahlen:

Sie wollen schon früh wissen, was gerade zwischen Oppach und Ostritz, Zittauer Gebirge und A4 passiert? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter "Löbau-Zittau kompakt".

Wer uns auf Social Media folgen will:

Sie haben Hinweise, Kritik oder Lob? Dann schreiben Sie uns per E-Mail an [email protected]ächsische.de oder [email protected]ächsische.de

Mehr zum Thema Zittau