merken
PLUS Zittau

Wenn sich Särge in einer Lagerhalle stapeln

In den letzten Wochen sind in Zittau viermal so viele Menschen gestorben wie sonst. Bestattungen werden um Monate verschoben. Dazu gibt es üble Gerüchte.

Frische Blumen auf dem Friedhof am Zittauer Krematorium: Bis zu vier Beerdigungen finden hier derzeit täglich statt.
Frische Blumen auf dem Friedhof am Zittauer Krematorium: Bis zu vier Beerdigungen finden hier derzeit täglich statt. © Matthias Weber

Es ist ein Bild, das eigentlich niemand sehen will: Eine Lagerhalle der Feuerwehr, riesengroß. In stählernen Regalen Schaufeln, Schubkarren, Sandsäcke, Arbeitsschutzkleidung. Rechts ein großer Sandhaufen. Links - Särge, mehr als ein Dutzend, ordentlich beschriftet, immer zwei übereinander.

Das Zittauer Krematorium hat keinen Platz mehr für die vielen Toten. Die 39 Kühlzellen, die seit Jahrzehnten immer ausgereicht haben, reichen seit Wochen nicht mehr. Da ist das neue Hochwasserschutzzentrum gleich um die Ecke zwar nicht gerade eine schöne, aber wenigstens eine praktische Lösung. Sauber, trocken, sicher verschließbar und vor allem ausreichend kühl.

Einkaufen und Schenken
Nur einen Klick entfernt
Nur einen Klick entfernt

Hier erhalten Sie nützliche Tipps und die aktuellsten Neuigkeiten rund ums Thema Einkaufen und Geschenke aus Ihrer Region.

Matthias Hänsch, dem Geschäftsführer der Städtischen Beteiligungsgesellschaft (SBG), zu der auch der Bestattungsdienst und das Krematorium gehören, ist es merklich unangenehm, darüber zu reden. Aber was sollen er und seine Mitarbeiter denn machen? Es sind inzwischen so viele Särge, dass mitunter sogar die zweite Leichenschau in der Lagerhalle stattfinden muss.

Seit Jahrzehnten sind in Zittau und Umgebung noch nie so viele Menschen gestorben wie in diesen Tagen und Wochen. Im Dezember hat das Zittauer Standesamt 191 Sterbefälle in seinem Amtsbezirk beurkundet. Das sind nahezu viermal so viele als normalerweise um diese Jahreszeit. In den ersten zehn Januartagen waren es schon 78 Todesfälle. Normalerweise bearbeiten die Mitarbeiter im Standesamt durchschnittlich 45 bis 55 Sterbefälle im ganzen Monat.

Ofenwartung ist abgesagt

Auch die Mitarbeiter im Zittauer Krematorium arbeiten im Akkord: seit Wochen schon zweischichtig, auch am Sonnabend und Sonntag. Und trotzdem kommen sie nicht mehr hinterher. "Eine Einäscherung hat ja einen ganz klaren Ablauf und braucht eine gewisse Zeit", erklärt Matthias Hänsch. "Das lässt sich ja auch nicht beschleunigen."

Eine große Ofenwartung, die für nächste Woche geplant war, ist erst einmal abgesagt. "Wir können uns jetzt gar nicht erlauben, die Einäscherungen mal ein oder zwei Tage ruhen zu lassen", sagt Matthias Hänsch. Vor Kurzem hatte es einen Defekt gegeben, bei der Reparatur hätten die Kollegen gleich mal alles mit angesehen. Eine kleine Ofenwartung nebenbei. Das muss erst einmal reichen.

Die Frage nach der Ofenwartung hat Matthias Hänsch erwartet. Es gibt darüber alle möglichen Gerüchte in sozialen Netzwerken und Whatsapp-Gruppen. Den Geschäftsführer ärgert das. "Als ob wir hier nicht alles tun würden, was wir können", sagt er. Und räumt auch gleich mit dem Gerücht auf, es gäbe jetzt in Zittau so viele Einäscherungen, weil die Grenzen geschlossen sind. Er kenne keinen Bestatter, der die Toten zum Verbrennen nach Polen oder Tschechien bringen würde, sagt Hänsch.

Beisetzungs-Termine werden verschoben

Auch die große Zahl an Beisetzungen lässt sich inzwischen nicht mehr wie bisher bewältigen. In der Feierhalle und auf dem Friedhof am Krematorium finden jetzt täglich drei bis vier Trauerfeiern und Abschiednahmen statt. Mehr geht nicht. Auch für die Bestatter nicht, die die Beisetzungen mit den Angehörigen besprechen und vorbereiten.

"Wir versuchen damit, uns ein bisschen Luft zu verschaffen", erklärt Matthias Hänsch. "Wir bitten die Angehörigen, die Beisetzung auf Februar oder März zu verschieben". So könnten zuerst einmal nur die Gespräche zur Bestattungsaufnahme mit allen notwendigen Formalitäten geführt werden, die wesentlich zeitaufwendigeren Gespräche über die Ausgestaltung der Beisetzung dann später. Viele hätte dafür Verständnis, sagt der Geschäftsführer, manche auch in der Hoffnung, dass dann wieder mehr als zehn Personen zum Abschiednehmen kommen können.

In der Überlegung schwingt auch die Hoffnung, dass der Trend der hohen Sterblichkeit bald gestoppt wird. Die Zahl der Neuinfektionen jedenfalls sinkt inzwischen wieder im Kreis Görlitz. "Das ist unsere Hoffnung", sagt Matthias Hänsch, "dass es bald wieder ruhiger wird und wir die Särge nicht mehr in die Hochwasserschutzhalle auslagern müssen."

Corona beeinflusst Todesfallzahlen

Dass die hohe Zahl an Todesfällen nicht mit dem Corona-Virus zusammenhängen würde, so wie es ebenfalls immer wieder in sozialen Netzen und Chats behauptet wird, darüber kann Matthias Hänsch nur den Kopf schütteln. Im Krematorium wird zwar keine genaue Statistik über die Todesursachen geführt, sagt er, aber es sei nicht zu übersehen, wenn auf jedem zweiten Sarg ein Hinweis auf Covid 19 steht, vielleicht sogar an mehr als jedem zweiten Sarg.

Welche Ursache sollten die hohen Sterbezahlen denn sonst haben, fragen sich die Mitarbeiter im Bestattungswesen: Es hat keine Katastrophen gegeben, keine Extremwetterlagen und auch sonst keine außergewöhnlichen Ereignisse. Und nicht erst jetzt leben in der Region mehr ältere als jüngere Menschen. "Was wir in den vergangenen Jahren aber nicht hatten", so drückt es Zittaus Stadtsprecher aus, "das war der Einfluss einer Pandemie…".

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umland lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umland lesen Sie hier.

Weiterführende Artikel

Alle Infos zum Coronavirus im Kreis Görlitz

Alle Infos zum Coronavirus im Kreis Görlitz

Infektionszahlen, Polizeikontrollen und die Auswirkungen auf das Leben der Bewohner: Aktuelle Geschichten und Entwicklungen dazu sind hier zu lesen.

Zittauer Krematorium lagert Tote aus

Zittauer Krematorium lagert Tote aus

Der Platz reicht nicht mehr. Hauptgrund: Die Zahl der Gestorbenen explodiert. Im November und Dezember waren es mehr als doppelt so viele wie sonst.

Sie wollen schon früh wissen, was gerade zwischen Oppach und Ostritz, Zittauer Gebirge und A4 passiert? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter "Löbau-Zittau kompakt".

Wer uns auf Social Media folgen will:

Mehr zum Thema Zittau