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Wie ein Praktikant die Spur zur Säure-Attentäterin findet

Die SZ blickt exklusiv in Ermittlungsakten spektakulärer Kriminalfälle. Heute: Warum es die Ermittler beim Säure-Anschlag in Oderwitz sogar mit Hypnose versuchten.

Kriminalhauptkommissar Robert Meißner arbeitet heute im Sächsischen Innenministerium. Vor elf Jahren hat er dazu beigetragen, einen unglaublichen Anschlag auf eine Frau in Oderwitz aufzuklären.
Kriminalhauptkommissar Robert Meißner arbeitet heute im Sächsischen Innenministerium. Vor elf Jahren hat er dazu beigetragen, einen unglaublichen Anschlag auf eine Frau in Oderwitz aufzuklären. © Martin Schneider

Es ist Freitagabend, der 19. November 2010, kurz nach 17 Uhr. Es ist ungemütlich draußen und schon dunkel, als es an der Haustür klingelt. Birgit K. erwartet keinen Besuch. Als sie nichtsahnend die Tür öffnet, wird das der Moment sein, der das Leben der heute 50-jährigen Oderwitzerin für immer verändert.

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Vor der Tür steht eine vermummte Gestalt. Birgit K. kann für einen winzigen Augenblick in ihre Augen sehen, dann wird es finster und Birgit K. überfällt ein Schmerz, wie sie ihn noch nie verspürt hat. Die Gestalt vor der Tür hat ihr irgend etwas ins Gesicht und über den Oberkörper geschüttet - 96-prozentige Schwefelsäure, wie sich später herausstellen wird.

Birgit K. wird bei diesem Anschlag lebensgefährlich verletzt. Die Verätzungen hinterlassen schwerste Wunden in ihrem Gesicht, am Hals, an den Armen und dem Oberkörper. Die Oderwitzerin liegt wochenlang in einer Spezialklinik, wird noch viele weitere Wochen in Krankenhäusern verbringen und mehr als ein Dutzend Mal operiert werden.

Einziger Anhaltspunkt: Ein Phantombild von den Augen

Wer um alles in der Welt hat ihr das angetan? Und vor allem warum? Es gibt lange keine Antwort auf diese Frage: Birgit K. ist Chefin eines Autohauses. Hat der Anschlag damit zu tun? Oder mit den Betreibern eines Dönerladens gegenüber? Werden so Frauen bestraft? Will sich jemand an ihr rächen? Aber wofür? Die Ermittler der Görlitzer Mordkommission finden auf die Frage nach einem Motiv keine Antwort. Birgit K. ist eine angesehene und unbescholtene Frau, sie führt ein ruhiges Leben, hat niemanden zum Feind.

Weder sie noch die Görlitzer Kriminalisten können sich diese grausame Tat erklären. Es gibt auch keine Zeugen. Nur das Phantombild mit den Augen, die Birgit K. für einen winzigen Moment gesehen hat. Aber sie kennt und erkennt niemanden, zu dem diese Augen passen könnten.

Robert Meißner erinnert sich an jedes Detail dieses unglaublichen Falls. Der 40-Jährige ist Kriminalhauptkommissar und arbeitet heute im Sächsischen Innenministerium. 2010 ist er noch Student an der Polizeihochschule in Rothenburg - und absolviert zu der Zeit gerade ein Praktikum im Görlitzer Kommissariat 11, der Abteilung für Delikte gegen Leben und Gesundheit.

"Wir kamen in dem Fall einfach nicht weiter, wir hatten keinerlei Anhaltspunkte", erzählt er. Die beiden leitenden Ermittler, zwei sehr erfahrene Kriminalisten, haben es sogar mit einer äußerst ungewöhnlichen Methode versucht: mit Hypnose durch eine Kriminalpsychologin. "In der Kriminalpsychologie war das ziemlich neu, aber rechtlich auch nicht unumstritten", erinnert sich Meißner. "Aber es gibt mehrere herausragende Kriminalfälle, bei denen auf diese Weise entscheidende Ermittlungsansätze erlangt wurden."

Hypnose bringt eine neue Erkenntnis

Die leitenden Ermittler wollen diese vage Chance nutzen. Und tatsächlich: Nach der Hypnose sieht das Phantombild, das Spezialisten gemeinsam mit Birgit K. anfertigen, etwas anders aus: Es hat weiblichere Züge. "Das hat durchaus in die Überlegungen gepasst", sagt Robert Meißner. "Jemanden mit Säure zu überschütten, ist ja eine sehr emotionale und sehr hasserfüllte Tat." Aber auch für eine mögliche Täterin findet sich im Umfeld des Opfers zuerst einmal kein Motiv.

"Wir haben auch das gesamte Fernsehprogramm in den Tagen und Wochen vor der Tat gesichtet, ob es möglicherweise in irgend einer Nachricht oder einem Film einen Säureanschlag gegeben hat, der als Auslöser oder Anreiz hätte dienen können", erinnert sich der Kriminalhauptkommissar.

Und dann stellt der Praktikant Robert Meißner die entscheidende Frage: Wie kommt man eigentlich an 96-prozentige Schwefelsäure? Gibt es die noch irgendwo aus DDR-Beständen? Oder im Baumarkt? Kann man sie überhaupt irgendwo kaufen und wenn ja: Muss man sich registrieren lassen?

"Ich habe angefangen, im Internet zu recherchieren, und da habe ich auch einige Unternehmen gefunden, die mit Schwefelsäure handeln", erzählt Robert Meißner. "Als ich ziemlich unbedarft in der ersten Firma angerufen habe, sagte mir der Chef: Ja, das können Sie bei uns kaufen - aber in Güterwaggon-Mengen." Der Kriminalhauptkommissar schmunzelt, als er weiter erzählt: "Es war eine vage Idee, aber ich dachte, ich versuche es einfach mal bei Amazon." Er schreibt die Firmenzentrale an und fragt, ob es in zeitlichem Zusammenhang Verkäufe in diese Region gegeben hat und wenn ja, an wen. Aber Amazon wollte aus Datenschutzgründen natürlich einen Gerichtsbeschluss sehen.

Nachfrage bei Amazon ergibt einen Treffer

Doch für einen richterlichen Beschluss ist die Hypothese der Ermittler zu vage. Aber Robert Meißner gibt nicht auf. Er ruft noch einmal persönlich bei Amazon an und fragt nach, ob der Internethändler ohne Preisgabe von personenbezogenen Daten nicht wenigstens Auskunft darüber geben kann, ob es überhaupt Verkäufe von Schwefelsäure gegeben hat: Und - es ist kaum zu glauben - es gibt einen Treffer. Einen einzigen - genau ein Kundenkonto in der Region! Das reicht für einen richterlichen Beschluss über die Herausgabe der Kundendaten.

An dieser Stelle allerdings endet Meißners Praktikum in der Mordkommission und die Mitarbeit an diesem spektakulären Fall. Aber sein Einsatz ist der Schlüssel zum Erfolg: Als die angegebene Adresse die Ermittler zu Steffi A. nach Oderwitz führt, ist die Täterin gefasst.

Eines aber will Robert Meißner unbedingt noch anfügen: „Einen richtigen Ermittlungsansatz zu finden, ist die eine Sache", sagt er. "Der ,Tatort' im Fernsehen wäre an dieser Stelle wahrscheinlich zu Ende. Aber im wirklichen Leben geht die Arbeit der Kriminalisten noch mal richtig los, um am Ende die Tat auch gerichtsfest nachweisen zu können.“

Steffi A. wird ihre Tat gestehen. Ihr Motiv war Eifersucht und Rache. Ihr Freund hatte sie verlassen - offenbar für die Autohaus-Chefin. Birgit K. wusste davon nichts. Steffi A. wird später aussagen, dass sie die neue Partnerin unattraktiv machen wollte für diesen Mann. Drei Jahre nach der Tat wird sie vom Görlitzer Landgericht wegen vorsätzlicher schwerer Körperverletzung zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Die Strafe hat sie mittlerweile abgesessen. Sie lebt heute in einem Nachbarort.

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