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Wie mit einem Baumarkt-Eimer ein Wirtschaftskrimi gelöst wird

Die SZ blickt exklusiv in Ermittlungsakten spektakulärer Kriminalfälle. Heute: Wie Ermittler in Sisyphusarbeit den Fall "Monolith" im Oberland lösen.

In der Aufzeichnung der Überwachungskamera sind die Einbrecher nicht zu erkennen. Dafür aber etwas anderes.
In der Aufzeichnung der Überwachungskamera sind die Einbrecher nicht zu erkennen. Dafür aber etwas anderes. © Polizei

Auf dem Film aus der Überwachungskamera sind die drei Männer nicht zu erkennen. Es ist Januar. Es ist kalt. Die Männer tragen Handschuhe und haben die Mützen tief ins Gesicht gezogen. Was Frank Lange aber sofort sieht: Sie müssen sich auskennen hier an diesem Firmensitz in Eibau. Um den Bewegungsmelder machen sie gezielt einen Bogen. Und ins Haus gehen sie durch die Tür - ganz ohne Einbruchswerkzeuge. Sie haben einen Nachschlüssel, sieht Lange. Woher haben sie den?

Immer wieder schaut sich der Kriminalist die Aufnahmen aus der Überwachungskamera an, versucht irgendein Detail zu entdecken, das ihn weiterbringen könnte in diesem unglaublichen Fall. Es wurmt ihn, den Tätern zusehen zu müssen, ohne die Chance zu haben, sie zu fassen zu kriegen. Frank Lange ist ein versierter und hartnäckiger Ermittler, einer der nicht lockerlässt. Und wenn er - wie in diesem verzwickten und verzweigten Fall - ein ganzes Jahr lang auf Spurensuche gehen muss.

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Seit 15 Jahren arbeitet der 55-jährige Kriminalhauptmeister im Kommissariat für Eigentums- und Bandenkriminalität der Görlitzer Kripo in Seifhennersdorf. Die Einbrecher, Banden- und Seriendiebe, die er in dieser Zeit alle schon überführt hat, hat er nicht gezählt. Die meisten von ihnen kommen aus Polen und Tschechien. In diesem Fall wird Lange am Ende aber auch einen deutschen Drahtzieher überführen.

Kriminalhauptmeister Frank Lange ist Ermittler im Kommissariat für Eigentums- und Bandenkriminalität der Görlitzer Kripo in Seifhennersdorf.. Am Fall "Monolith" hat er über ein Jahr lang gearbeitet.
Kriminalhauptmeister Frank Lange ist Ermittler im Kommissariat für Eigentums- und Bandenkriminalität der Görlitzer Kripo in Seifhennersdorf.. Am Fall "Monolith" hat er über ein Jahr lang gearbeitet. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Es ist der Fall "Monolith", der in dieser Januarnacht 2017 mit einem Einbruch in Eibau beginnt. Es wird nicht der einzige "Hausbesuch" der drei Männer an dem Firmensitz bleiben. Noch fünfmal werden sie wiederkommen - am nächsten, übernächsten und den darauffolgenden Tagen. Es ist sehr viel Diebesgut, das sie wegschleppen, während der Firmeninhaber nichtsahnend auf Geschäftsreise weilt. Es ist auch ein sehr besonderes Diebesgut: Monolith.

Monolith ist ein hochwertiges Recycling-Produkt, das in der Eibauer Firma aus dem Recyceln von Fahrzeug-Katalysatoren gewonnen wird. Auf dem Markt, sagt Lange, wird ein Kilogramm dieser Edelmetallmischung mit bis zu 90 Euro gehandelt. 520 Kilo lagern im Keller des Hauses. Beim ersten Einbruch wissen die drei Männer das nicht. Sie haben es zuerst einmal auf den Tresor abgesehen, erfahren später, was sie da im Keller entdeckt haben - und kommen wieder.

Video aus Baumarkt hilft

Beim zweiten Einbruch bringen sie eimergroße Gefäße mit. Beim dritten Mal erkennt Frank Lange, dass einer der drei Männer eine orangefarbene Plastiktonne mit dem Logo des Obi-Baumarkts trägt. "Die hatten sie die ersten beiden Male nicht dabei", sagt Lange. "Das war eine Chance, und wenn sie noch so vage war."

Gesehen, getan: Der nächstgelegene Obi-Baumarkt ist der im Gewerbegebiet in Ebersbach. Lange beginnt eine Sisyphusarbeit, sichtet stundenlang Kassenbelege und Überwachungsvideos aus dem Baumarkt - und hat am Ende den richtigen Riecher. "Aber auch Glück", fügt er hinzu: Auf einem der Videos, die er sichtet, sind drei Männer zu sehen, die mit Plastikgefäßen zur Kasse laufen. Es ist der 9. Januar 2017, 17.59 Uhr. Die Zeit passt. Die Kleidung passt. Die Bewegung passt. Frank Lange hat die drei Einbrecher vor sich. Er kann ihre Gesichter erkennen. Aber wer sind sie?

Am 9. Januar 2017 um 17.59 Uhr nimmt eine Überwachungskamera im Ebersbacher Obi-Baumarkt dieses Bild auf. Es ist der entscheidende Schlüssel im Fall "Monolith".
Am 9. Januar 2017 um 17.59 Uhr nimmt eine Überwachungskamera im Ebersbacher Obi-Baumarkt dieses Bild auf. Es ist der entscheidende Schlüssel im Fall "Monolith". © Polizei

Ab diesem Moment kann der Kriminalist die Täter jagen. Auf dem Parkplatz steigen sie in einen schwarzen BMW mit polnischem Kennzeichen. "Das Kennzeichen war zwar schwer erkennbar, aber wir haben es erkannt", schmunzelt Lange. Der BMW ist auf eine polnische Leasingfirma zugelassen, es gibt den Namen und die Adresse der Nutzerin: Iwona L., eine junge Frau aus der Nähe von Warschau. Auch die Auswertung der Funkzellenüberwachung am Tatort in Eibau zeigt den Ermittlern: Eine der polnischen Telefonnummern aus der Eibauer Funkzelle ist auf Iwona L. registriert.

Frank Lange trifft sich mit seinen polnischen Kollegen und erfährt: Die Frau und ihr Ehemann sind der Polizei bereits bekannt, die Männer auf dem Foto der Obi-Überwachungskamera aber sind es nicht. Was nun? Und wieder hilft der Zufall den Ermittlern mit einem Puzzlestein: Wenige Tage vor den Einbrüchen wird der schwarze BMW im niederschlesischen Boleslawiec (Bunzlau) gesehen - in der Nähe einer Firma, die das aus alten Katalysatoren gewonnene Monolith aufkauft. Neben dem BMW sehen Zeugen einen Opel mit deutschem Kennzeichen und der Werbung für ein Friseurgeschäft. Die Friseurin, so wird Frank Lange schnell herausfinden, ist die Freundin eines ehemaligen Mitarbeiters der Eibauer Recycling-Firma. Kann das Zufall sein?

Tschechische Kollegen ermitteln mit

Doch noch immer weiß Lange nicht, wer die drei Männer sind. "Ich konnte mir aber nicht vorstellen, dass sie jeden Tag aus Warschau kommen", erzählt er. Und wieder beginnt für den Ermittler eine stunden- und tagelange Sisyphusarbeit: Er telefoniert alle Hotels, Pensionen und sonstigen Übernachtungsmöglichkeiten im Umkreis ab - und wird nicht fündig. Nirgendwo haben die Männer eingecheckt. Dann vielleicht in Tschechien?

Frank Lange bittet seine Kollegen im Nachbarland um Hilfe, mit denen er eng und gut zusammenarbeitet - mittlerweile sogar in einer gemeinsamen Fahndungsgruppe, der GFG "Lausche". Vielleicht haben die Männer ja jenseits der Grenze übernachtet. Und tatsächlich: Im Hotel "Lipa" im nahe gelegenen Krasna Lipa (Schönlinde) sind in der fraglichen Zeit drei Gäste aus Polen abgestiegen. Die Männer, die auf den Überwachungsbildern aus dem Hotel zu sehen sind, sind auch die von den Bildern aus dem Baumarkt. Und es liegen die Ausweisdaten mit Namen und Adressen vor. Endlich. Einer der drei ist Krzystof A., der Onkel von Iwona L.

Über die Telefondatenauswertung kann Frank Lange auch die Beteiligung des ehemaligen Mitarbeiters der Eibauer Firma an dem Einbruch nachweisen. Der 40-Jährige, der vom Firmeninhaber gekündigt worden war, hat mehrfach mit den Einbrechern telefoniert - und ihnen auch den Nachschlüssel zum Haus besorgt. Krzystof A., und ein weiterer der drei Täter in Eibau werden ein paar Monate später nach einem Einbruch in ein Juweliergeschäft in Bayern festgenommen. Als Frank Lange sie in der Untersuchungshaft in Landshut und Straubing verhört, legen sie ein umfangreiches Geständnis ab. Wegen schweren bandenmäßigen Diebstahls werden sie zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

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Der dritte Täter ist bis heute flüchtig. Er wird in Polen vermutet und mit internationalem Haftbefehl gesucht. René H., der ehemalige Mitarbeiter der Firma, wird zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Fast ein Jahr hat Frank Lange im Fall "Monolith" ermittelt. Die Akte ist weit über 1.000 Seiten lang.

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