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Wie sich Zittaus Straßennetz entwickelte

Die mittelalterlichen Strukturen sind grundsätzlich bis heute erhalten. Dennoch kam es auch zu bedeutenden Veränderungen.

Wie sich das Zittauer Straßennetz durch Gärtnersiedlungen ausdehnte, verdeutlicht dieses Foto. Es zeigt Gärtnerhäuser nördlich der Görlitzer Bahn auf einer Ansichtskarte um 1900.
Wie sich das Zittauer Straßennetz durch Gärtnersiedlungen ausdehnte, verdeutlicht dieses Foto. Es zeigt Gärtnerhäuser nördlich der Görlitzer Bahn auf einer Ansichtskarte um 1900. © Sammlung D. Rößler

In Zittaus Stadtkern sind die mittelalterlichen Straßenstrukturen bis heute im Wesentlichen erhalten. Die Straßennamen allerdings wurden oft mehrfach verändert. Lange Zeit hießen alle Straßen „Gasse“ und der Marktplatz hieß, wie heute noch in Prag, „Ring“.

Die Innenstadt war in Stadtviertel geteilt. Außerhalb der vier Stadttore gab es Vorstädte mit äußeren Stadttoren, den Endetoren. Die Vorstädte hießen wie die Viertel und Stadttore: Bautzener-, Frauen-, Böhmische und Webervorstadt. Und durch die Viertel zum jeweiligen Tor führten Straßen des gleichen Namens. Außer im Böhmischen Viertel. Zum Böhmischen Tor führte nämlich nicht die Böhmische Straße, sondern die Fleischergasse, später Reichenberger Straße. Vielleicht hat es ganz am Anfang der Stadtgeschichte am Ende der Böhmischen Straße einmal ein Böhmisches Tor gegeben. Aber wohl nicht lange, denn vermutlich war diese Straße zu steil. Und die häufig überschwemmte Mandau-Niederung störte wahrscheinlich auch.

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Dafür gab es in Richtung Mandau in späteren Zeiten zwei Pforten. Die Wasserpforte am Ende der Böhmischen Straße war der Ausgang zur Pfortmühle, der stadtnächsten Mühle. Am Ende der Pappelgasse (heute Breite Straße) befand sich die Mandauer Pforte. Sie dürfte der Weg zu den Bleichen auf den Mandauwiesen gewesen sein, wichtigen Produktionsfeldern des Zittauer Textilhandwerks. Mit Turm und einem Stundenschlag, den es sonst nur noch am Bautzener Tor gab, hatte die Mandauer Pforte im armen Böhmischen Viertel ein besonderes Gewicht. Sie war aber nie gleichwertig mit einem Tor. Doch egal ob Tor oder Pforte der ummauerten Stadt: Alle waren sie in der Nacht komplett geschlossen. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war das Realität in Zittau.

Siedlungen erweiterten Stadtplan

Mit der Gegenreformation in Böhmen nach dem Dreißigjährignen Krieg kam es im Zittauer Straßennetz zu bedeutenden Veränderungen. Der Strom der Glaubensflüchtlinge, der sogenannten Exulanten, erreichte die Stadt. Viele wollten in Zittau bleiben. Da die Innenstadt aber kaum Raum für zusätzliche Einwohner bot und viele Zuwanderer sowieso ländlich geprägt waren, entstanden rund um die Stadt „Gärtnergassen“. Wo einst die Schafe des Komthurs der Johanniter geweidet hatten, bauten jetzt die böhmischen Neusiedler Gemüse an.

Der heutigen Komturstraße ist das allerdings nicht mehr anzusehen, der parallel verlaufenden Dornspachstraße aber schon, zumindest in ihrem äußeren Bereich. Auch in den Gebieten hinter der Leipziger Straße oder der Goethe-, Schiller-, Lessing-, Bahnhof-, Marschner-, Dr. Friedrichs- und Rathenaustraße fällt dieses ländliche Gepräge heute noch auf. In Richtung Burgteich siedelten ebenfalls Gärtner. Sie machten sogar das feuchte Land südlich der Mandau nutzbar. Noch heute kann man bei genauem Hinsehen in den Vorstädten eine ganze Reihe ehemalige Gärtnerhäuser erkennen. Einige beherbergen noch Gärtnereien.

Dieser Kartenausschnitt zeigt den Verlauf von Gärtnergassen im Norden der Stadt Zittau um das Jahr 1800 (aus Helmut Richter „Das alte schöne Zittau“, ca. 1930).
Dieser Kartenausschnitt zeigt den Verlauf von Gärtnergassen im Norden der Stadt Zittau um das Jahr 1800 (aus Helmut Richter „Das alte schöne Zittau“, ca. 1930). © Sammlung D. Rößler

Ein über 200 Jahre von den Gärtnern begangener Gedenktag verdeutlicht ihr Verhältnis zu den Städtern. Die Gärtner richteten nämlich am 23. Juli ein Brandfest aus. Ausgerechnet an jenem Schicksalstag, an dem 1757 eine sinnlose Beschießung Zittaus durch die Österreicher zu vielen Toten und Verletzten und zum Verlust des historischen Rathauses, der alten Johanniskirche mit ihrer nagelneuen Silbermann-Orgel sowie vieler anderer Gebäude führte. Das Brandfest verherrlichte aber nicht die Katastrophe, sondern erinnerte daran, dass viele Zittauer zu Hilfesuchenden wurden und die Gärtner rings um die Stadt, die kaum Schäden erlitten hatten, ihnen halfen und damit an Ansehen gewannen.

Die Gärtner feierten also nicht das Drama der Stadt, sondern ihre gewachsene gesellschaftliche Anerkennung. Das Fest wurde noch im 20. Jahrhundert begangen, wobei Festreden auch die Tragik von 1757 erwähnten. Der fast unmittelbar nach der Beschießung im Siebenjährigen Krieg einsetzende Wiederaufbau in der immer noch reichen Stadt Zittau führte schließlich dazu, dass Barock als Baustil in der Innenstadt heute dominiert.

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