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Zittau: Wenn der Bus plötzlich nicht mehr fährt

Betti Possehl ist 80 Jahre alt und muss jetzt zwei Kilometer bis zur nächsten Haltestelle laufen. Bisher hielt die Linie vor ihrer Tür. Dann kam die Rationalisierung.

Die Bank steht zwar noch, aber wer an der Haltestelle Bergstraße in Zittau auf den Bus hofft, wartet umsonst.
Die Bank steht zwar noch, aber wer an der Haltestelle Bergstraße in Zittau auf den Bus hofft, wartet umsonst. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Als Betti Possehl jüngst von einer Freundin gefragt wurde, wie sie nun zum Arzt komme, antwortete sie unbedarft, dass doch der Bus fahre. Ihre Freundin klärte sie umgehend auf, dass der Bus nicht mehr auf der Herwigsdorfer Straße entlang komme. "Ach du grüne Neune", fiel die 80-Jährige aus allen Wolken.

Bisher verkehrte die Linie 23 zwischen Oberherwigsdorf und Zittau und hielt auch an der Herwigsdorfer Straße, etwa sechsmal täglich, in der Schulzeit noch öfter. Der Landkreis Görlitz bestätigt, dass es mit dem Fahrplanwechsel Anfang 2021 wesentliche Veränderungen der Buslinien gab und der Haltepunkt am Wendeplatz Herwigsdorfer Straße - gegenüber der ehemaligen Zifru - und der Haltestelle Bergstraße nicht mehr angefahren werden.

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Statt der Linie 23 verbindet nun die Linie 18 Zittau und Mittelherwigsdorf und fährt auch durch Oberherwigsdorf, Oberseifersdorf, Eckartsberg und Radgendorf. Zwischen Eckartsberg und Zittau verkehrte vor der Umstellung ebenfalls eine eigene Linie. Das Konglomerat aus mehreren Linien sei jetzt in einer Linie zusammengefasst worden, heißt es vonseiten des Landkreises. So ist nun Mittelherwigsdorf mit all seinen Ortsteilen verbunden. Das sei wichtig gewesen, weil die Grundschüler aus allen Ortschaften nach Mittelherwigsdorf müssen.

"Es geht nicht, dass man uns ganz abschneidet"

Für Betti Possehl ist es eine absolut unverständliche Entscheidung. "Es geht doch nicht, dass man uns so ganz abschneidet", findet die Seniorin. Die nächstgelegene Bushaltestelle befinde sich nun am Löbauer Platz, wo die Zittauer Stadtbuslinien 2 und 3 sowie die Regionallinie 10 nach Löbau jeweils einmal in der Stunde halten.

Bis zum Löbauer Platz sind es von Betti Possehls Haus aber fast zwei Kilometer. Einkaufen und mit schwerer Last diese lange Strecke nach Hause laufen, gehe überhaupt nicht, meint die 80-Jährige. Es würde ja genügen, wenn ein kleiner Bus fährt, findet sie.

Sie sei auch nicht die einzige Betroffene, erklärt die Zittauer Rentnerin. An der Herwigsdorfer Straße wohnen nach ihrer Aussage noch mehr ältere Leute. Und nicht nur sie haben den Bus genutzt. Auch Kinder fuhren mit der Linie zur Schule und Gartenfreunde, die ihre "grüne Oase" auf dem Kummersberg haben, stiegen am Wendeplatz aus, um von dort zu ihren Gärten zu laufen.

Der Landkreis bestätigt, dass einige Schüler mit der bisherigen Linie 23 mitgefahren sind. Die Fahrgastzahlen seien aber darüber hinaus nicht sehr groß gewesen. Auf die Nutzung habe der Kreis bei der Fahrplan-Umstellung nur bedingt Rücksicht nehmen können.

"Leider war es bei der Gestaltung der Angebotsänderung nicht möglich, alle Bedürfnisse von Beteiligten, wie unter anderem Schulen, Gewerbegebiete oder Vorschläge von den Gemeinden einzuarbeiten", teilt Kreissprecherin Franziska Glaubitz auf SZ-Nachfrage mit. Bei der Neugestaltung des Fahrplans musste das Zeitkonzept für die Buslinien beachtet werden, als die entsprechende Taktung des Nullknotenpunktes Bahnhof Zittau konkretisiert wurde, so Frau Glaubitz weiter.

Auch Bergstraße und Kummersberg abgeschnitten

Abgeschnitten vom Liniennetz sind nicht nur die Anwohner der Herwigsdorfer Straße, sondern ebenso das gesamte Wohngebiet an der Bergstraße und auf dem Kummersberg mit immerhin mehreren Dutzend Häusern. Hauptbahnhof, Dresdner Straße und Freudenhöhe sind jetzt von dort die nächstgelegenen Haltestellen. Die Entfernung ist auch hier groß: Von der Bergstraße bis zum Bahnhof beträgt der Fußweg beispielsweise mehr als einen Kilometer.

Die Kreissprecherin empfiehlt, dass sich Frau Possehl an das Beschwerdemanagement wenden soll. Beschwert hat sich die Rentnerin aber längst. Als sie der Mitarbeiterin am anderen Ende der Telefonleitung ihre Situation beschrieb, musste die selbst zugeben, dass dies eine ganz schöne Strecke zu laufen sei. Sie könne aber auch nicht viel machen, erklärte die Mitarbeiterin der 80-Jährigen. Zumindest habe sie in ihrem Namen einen Brief an den Landkreis geschrieben. Von dort habe sie aber noch keine Antwort erhalten, sagt Betti Possehl.

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