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Große Verwirrung um Corona-Tests

Im Buchladen braucht man keinen, im Schmuckgeschäft schon. Aber wo kriegt man überhaupt einen her? Und wo ist er kostenlos? Ein Test-Test in Löbau/Zittau.

Apotheker Henrik Wintzen bietet seinen Kunden in Zittau, Olbersdorf und Seifhennersdorf kostenlose Corona-Schnelltests an. Auch er selbst muss sich mehrmals die Woche testen lassen.
Apotheker Henrik Wintzen bietet seinen Kunden in Zittau, Olbersdorf und Seifhennersdorf kostenlose Corona-Schnelltests an. Auch er selbst muss sich mehrmals die Woche testen lassen. © Matthias Weber/photoweber.de

Im Friseursalon Kopfsache in Oberoderwitz legt Claudia Schreier den Telefonhörer auf. Schon wieder eine Absage. Seufzend radiert die Chefin einen Namen aus dem Bestellbuch. Das hat sie an diesem Morgen schon dreimal gemacht. "Wenn das so weitergeht, kann ich zumachen", seufzt die Friseurmeisterin. "Die halbe Kundschaft sagt ab." Vor allem die Älteren seien mit der Testpflicht völlig überfordert, sagt Claudia Schreier. Viele wüssten überhaupt nicht, woher sie so einen Test kriegen sollen und wie das funktioniert.

Der Kunde, dem sie gerade die Haare schneidet, gibt ihr Recht. Er arbeitet in einem Görlitzer Möbelhaus. Vor Ostern, erzählt er, habe das mit dem Einkaufen nach Termin gut funktioniert, aber seit dieser Woche, seit die Kunden einen Negativ-Test vorlegen müssen, käme kaum noch jemand.

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Im Zittauer Rewe-Center hat Grit Ulbrich kurzerhand einen Tisch in die Eingangstür zu ihrem Uhren- und Schmuckgeschäft geschoben. "Ohne Negativ-Test darf ich ja niemanden mehr rein lassen - und mit Test kommt niemand", ärgert sich die Händlerin. Aber irgendwie muss es ja weitergehen. Dann verkauft sie eben an der Ladentür. Sie selbst und ihre Mitarbeiter testen sich jetzt zweimal wöchentlich. 400 Euro hat sie für eine 50er-Packung Selbsttests bezahlt.

Aber sollten die Corona-Tests, die jetzt vielerorts Pflicht sind, nicht für alle kostenlos sein? "Die Selbsttests für zu Hause sind es jedenfalls nicht", erklärt die Neugersdorfer Apothekerin Bettina Lindecke ganz unmissverständlich. In den Apotheken muss man die Sets zum Selbermachen wie bisher kaufen - je nach Hersteller und Packungsgröße kosten sie ab 7 Euro pro Stück. Sie habe zwar irgendwann schon mal gehört, dass auch die Selbsttests kostenlos zur Verfügung gestellt werden sollen, sagt Bettina Lindecke, aber offizielle Informationen habe sie dazu bisher nicht. Auch andere Apotheker bestätigen das.

Kostenlose Selbsttest-Sets gibt es nirgends

Wenigstens gehört die Neugersdorfer Apothekerin zu denjenigen, die kostenlose Schnelltests vom Profi anbieten. Sie kann das mit der Kassenärztlichen Vereinigung abrechnen. Vor Kurzem hat sie extra noch eine Mitarbeiterin eingestellt, um den Andrang zu schaffen. Getestet wird bei ihr im Neugersdorfer Gesundhaus. Aber man braucht einen Termin und muss sich dafür übers Internet anmelden. Auch das könnte eine Hürde für ältere Menschen sein.

In der Zittauer Johannis-Apotheke reicht eine Anmeldung per Telefon. Apotheker Henrik Wintzen gehörte zu den ersten in der Region Löbau-Zittau, die die Schnelltests durch ausgebildete Mitarbeiter anbieten - jetzt auch kostenlos, aber nur in seinen Apotheken in Zittau, Olbersdorf und Seifhennersdorf. Den Selbsttest für zu Hause muss man auch bei ihm bezahlen. Eine andere offizielle Information hat der Apotheker nicht.

Henrik Wintzen ist sichtlich verärgert: "Es ist eine einzige große Verwirrung, die größer nicht sein kann", sagt er. "Die Politik macht große Ankündigungen, die Leute brauchen die Tests, aber niemand hat mehr einen Überblick, wo und wofür die Tests überall gebraucht werden. Von den Rahmenbedingungen ganz zu schweigen." Über 200 Kunden testen seine Mitarbeiter jeden Tag. "Mehr können wir nicht leisten", sagt Henrik Wintzen. Aber es werden ja noch viel mehr Tests gebraucht, je mehr Öffnungen an Tests gebunden sind.

"Vom Ansatz her ist das ja auch ganz richtig", ist der Apotheker überzeugt. Das zeigen auch die Testergebnisse bei seinen Kunden: "Unter 100 Tests haben wir jeden Tag zwei positive", sagt Wintzen. Gegenüber der zeit vor Ostern sei diese zahl zwar gesunken, aber es beweise, dass das Virus immer noch präsent ist. Nur braucht es für die Strategie, möglichst viel zu testen, auch alle dazu notwendigen Mittel und Möglichkeiten.

Wer soll hier den Überblick behalten?

Allein schon die Suche nach einer Testmöglichkeit ist für viele schwierig. Nicht alle Apotheken oder Arztpraxen haben die Möglichkeiten und Kapazitäten dafür. Auf der Internetseite des Landkreises gibt es einen Überblick über einige Anbieter, aber auch der ist nicht vollständig. In Jonsdorf bietet sogar ein Zahnarzt Schnelltests an. "Die Leute haben hier in der Nähe ja kaum Möglichkeiten, sich testen zu lassen, gerade auch die älteren nicht, die nicht mehr so mobil sind", sagt Dietrich Koppe. "Da haben wir jetzt kurzerhand gesagt, dann machen wir das eben."

In Löbau hat die Stadt gemeinsam mit Apothekerin Birgit Schleicher von der Alten Apotheke ein Testzentrum eingerichtet: Die Stadt hat dafür Räume in der Breitscheidstraße angemietet, die Apothekerin stellt das Team für die kostenlosen Tests, die hier nach Anmeldung möglich sind. Zudem kann man sich beim ASB in Löbau testen lassen - und kommenden Dienstag bei einer Sonderaktion auf dem Löbauer Marktplatz.

In ihrem kleinen Uhren- und Schmuckgeschäft im Zittauer Rewe-Center erklärt Grit Ulbrich gerade einem Kunden, dass es nicht ihre Entscheidung ist, dass er jetzt ohne Testnachweis nicht über die Türschwelle treten darf. Sie erklärt das so freundlich sie kann - und immer noch geduldig, obwohl sie das heute schon x-mal erklären musste. "Die Leute verstehen nicht, warum sie bei mir im Schmuckladen einen Test brauchen, aber im Buchladen, im Blumenladen oder im Baumarkt keinen", sagt sie. "Und ehrlich gesagt, ich verstehe das auch nicht."

An ihrer Ladentür vorbei strömen die Kunden in den Rewe-Markt. Zum Großeinkauf im Supermarkt reicht ja nach wie vor der Mund-Nasen-Schutz. Test-Sets für den Selbstgebrauch gibt es übrigens auch bei Rewe nicht zu kaufen.

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