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Zittauer haben Angst vor den Schweinen aus Polen

Der deutsche Schweinepest-Schutzzaun lässt Drausendorf außen vor. Auf dem Weg dahin suchen die Wildschweine den Zittauer Ortsteil heim - auf dem Rückweg nochmal.

Von Jan Lange
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Ja, wo laufen sie denn? Andreas Wiesner schaut vom Garten aus, ob wieder eine Rotte Wildschweine im Anmarsch ist.
Ja, wo laufen sie denn? Andreas Wiesner schaut vom Garten aus, ob wieder eine Rotte Wildschweine im Anmarsch ist. © privat

Sein Blick geht in Richtung polnische Grenze, seine Miene ist besorgt. Andreas Wiesner befürchtet, dass Wildschweine in Drausendorf in die Gärten eindringen und Schaden anrichten. Die Sorge ist aber auch, dass sie die Afrikanische Schweinepest einschleppen.

Dagegen soll die Wildschweinbarriere, ein Zaun entlang der Grenze, schützen. Der Zaun ist bei Drausendorf aber nicht an der Grenze errichtet worden, sondern führt entlang der Bundesstraße 99. Der kleine Zittauer Ortsteil liegt damit außerhalb der Schutzzone. Im Süden des Landkreises Görlitz ist es der einzige Ort, der sich hinter dem Zaun befindet, im Norden betrifft es Ludwigsdorf, Deschka und Zentendorf.

Die Planung des Verlaufs erfolgte unter Federführung des Lebensmittelüberwachungs- und Veterinäramtes des Landkreises Görlitz. Dazu gab es Vor-Ort-Begehungen, auch unter beratender Mitwirkung betroffener Jäger, der Landestalsperrenverwaltung (LTV) und den Gemeinden, wie aus einer Antwort des stellvertretenden Amtstierarztes Dr. Udo Mann vor einigen Monaten an die Stadt Zittau zu entnehmen ist. Zudem wurden Hinweise der Anwohner berücksichtigt und Alternativrouten abgewogen.

Um die Bewirtschaftung von Flächen im Neißeareal möglichst nicht einzuschränken, die zahlreichen Wiesenflächen an der Neiße bei den Baumaßnahmen und der fortlaufenden Instandhaltung so wenig wie möglich zu beschädigen und den Zaun bei Hochwasser zu schützen, wurde entschieden, überwiegend den Neißeradweg zu nutzen, erklärt Udo Mann den Verlauf des Wildschweinzauns.

Die Drausendorfer wollen sich damit nicht zufriedengeben. "Mit welchem Recht sperrt man uns mit den Wildschweinen gemeinsam hinter einen Elektrozaun?", fragt Wiesner verärgert. Auch seine Nachbarn seien wütend und aufgebracht, bringt er die Stimmung im Ort auf den Punkt. Es seien schon Tiere in den Gärten gesichtet worden.

Drausendorf ist doppelt betroffen: Zuerst kommen die Rotten durch die Neiße von Polen auf deutsche Seite - Spuren an der Böschung legen den Wildwechsel über die Grenze nahe - und ziehen am Ort entlang. Da sie die B99 nicht überqueren können, kommen sie zurück und sorgen ein zweites Mal für Schäden an Hab und Gut der Drausendorfer.

Geduld und Toleranz sind am Ende

Schon im Vorjahr, als die Absperrung errichtet wurde, hat der AfD-Stadtrat das Problem angesprochen. "Sie wollten es prüfen, aber es ist nichts passiert", beklagt er. Die Geduld und Toleranz der Dorfbewohner sei am Ende. Vor Kurzem wandte er sich wieder mit einer Anfrage zum Wildschweinzaun an die Stadt Zittau. Anlass sind Pläne der Landesdirektion, die bisherige Barriere durch einen massiven Zaun zu ersetzen. Auch die Anlage soll wie der Vorgängerzaun an der B99 stehen. "Damit wird Drausendorf endgültig einem unregulierten Wildschweindurchzug ausgesetzt, der sich schon mit der weidezaunartigen Absperrung stark häufte", kritisiert Wiesner.

Noch seien die Schäden, die die Wildschweine angerichtet haben, überschaubar. Wiesner will es aber nicht dazu kommen lassen, dass sie die liebevoll angelegten Gärten umwühlen. In einer Umsetzung des Zauns sieht er eine Vorsorgemaßnahme.

Zudem gebe es unkalkulierbare Unfallrisiken durch die Zaunführung, findet Wiesner. Wild, das von Westen in Richtung polnische Grenze ziehen will, wird an der B99 und dem angrenzenden Neißeradweg daran gehindert. In panikartigen Fluchtversuchen kehrt das Wild um und stellt eine Gefahr für Radler und Autofahrer dar.

Dass die Sorge nicht unberechtigt ist, macht Wiesner an einem Beispiel deutlich. An einem Montagabend lief ein Reh wenige Meter vor dem Auto der Tochter seiner Cousine über die B99, kehrte wegen des Zauns blitzartig um und rannte in das Fahrzeug.

Eine Gefahr bestehe laut Wiesner ebenso für Radfahrer. Wenn sie entgegenkommenden Radlern ausweichen müssen, könnten sie mit dem Elektrozaun in Berührung kommen. Da der Zaun zudem an einigen Stellen unterbrochen ist, so beispielsweise an der Zufahrtsstraße nach Drausendorf, bezweifelt er seine Wirksamkeit.

Auch Bundesgrenzschutz und Zoll nutzen Neißewege

Es gebe also mehrere Gründe, meint der Drausendorfer, den Zaun umzusetzen - auf die Neißeböschung oder den Hochwasserdamm, auf jeden Fall aber zwischen dem Ort und der Grenze. Hirschfeldes Ortsbürgermeister Bernd Müller unterstützt die Forderung.

Udo Mann sicherte in der Antwort an die Stadt Zittau zu, dass, "auch wenn derzeit Alternativrouten um Drausendorf aufgrund unbefestigter, unzugänglicher und enger Wege ungünstig erscheinen und die Deichnutzung in diesem Bereich durch die LTV nicht toleriert wird", eine Umsetzung geprüft werde. Bisher steht der Zaun noch an der B99.

Dass sich die Wege direkt an der Neiße nicht für die Streckenkontrollen und die Pflege der Barriere eignen, glaubt Wiesner nicht. Auch Bundesgrenzschutz und Zoll fahren auf den Wegen und ihm seien keine Beschwerden bekannt, dass sie diese nutzen.