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Wenn der letzte Bäcker dicht macht

Die Bäckerei Koziol in Dittelsdorf hat für immer geschlossen. Auch in den anderen Zittauer Ortsteilen sind Läden, Schulen, Ärzte und mehr verschwunden.

Dittelsdorfs Ortsbürgermeister Christian Schäfer vor der Bäckerei Koziol, die seit Kurzem geschlossen ist.
Dittelsdorfs Ortsbürgermeister Christian Schäfer vor der Bäckerei Koziol, die seit Kurzem geschlossen ist. © Matthias Weber/photoweber.de

Als Christian Schäfer Ende der 1970er Jahre nach Dittelsdorf kam, gab es noch zwei Bäcker im Ort. Jahre zuvor waren es noch mehr, weiß der heutige Ortsbürgermeister. Nun gibt es keinen einzigen Bäcker mehr in Dittelsdorf. Mit der Bäckerei Koziol hat vor einigen Tagen die letzte Bäckerei für immer geschlossen - nach 67 Jahren. Koziols starteten 1954 in Hirschfelde, drei Jahre später wechselten sie nach Dittelsdorf. Und wurden hier zu einer Bäcker-Institution.

Spezialitäten des Hauses waren Eierschecke, Kokosmakronen und Schmätzel, ebenso wie altdeutsche Semmeln. Die Zutaten dafür zu bekommen, war nicht immer einfach. Zu DDR-Zeiten mussten Koziols Eiweiß aus Cottbus besorgen.

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Technisch war die Bäckerei Koziol aber früh ein Vorreiter. Als erste Bäckerei der Umgebung ließen sie sich 1960 einen Dampfbackofen bauen. Auch nach der Wende nutzte die Dittelsdorfer Bäckerfamilie schnell die neuen Möglichkeiten. Sie waren als erste auf Wochenmärkten präsent und eröffneten 1991 und 1992 zwei Filialen. Die beiden Zweigstellen gab es schon lange nicht mehr - und nun werden auch am Stammsitz keine Brote und Semmeln mehr gebacken.

Eine Zeit ohne Bäckerei haben die Dittelsdorfer schon einmal erlebt: 1984. Damals hatte Eberhard Koziol die Bäckerei von seinen Eltern übernommen und baute sie aus. Aus diesem Grund war sie für einige Monate geschlossen. Gerade in dieser Zeit hatte auch der zweite Dittelsdorfer Bäcker seinen Betrieb eingestellt. Während damals aber absehbar war, dass die Bäckerei Koziol bald wieder öffnet, gibt es diese positiven Aussichten heute nicht.

Macht ein Bäckerauto Station im Ort?

In Dittelsdorf gibt es derzeit noch einen Backautomaten im Lebensmittelmarkt, außerdem macht ein Bäckermobil in der Siedlung Station. Ein wirklicher Ersatz sei das aber nicht, findet auch der Ortsbürgermeister. Christian Schäfer ist deshalb bemüht, dass ein Bäckerauto auch im Ort hält und seine Waren anbietet. "Einmal in der Woche würde ja reichen", meint er.

Bisher hatte Dittelsdorf noch eine relativ gute Infrastruktur - im Vergleich zu anderen Dörfern. Neben der Bäckerei gibt es noch eine Gaststätte, einen Fleischer und auch einen Einkaufsmarkt. Das ist zwar kein Vergleich zu dem Angebot vor 40 Jahren, als noch acht Lebensmittelgeschäfte und -händler existierten.

Damals lebten gut 1.300 Menschen im Ort. Inzwischen hat sich die Zahl fast halbiert - auf etwas mehr als 750. Und die, die noch in Dittelsdorf wohnen, sind älter geworden. Auch deshalb ist Christian Schäfer wichtig, dass sich das Angebot nicht weiter verschlechtert. Dass das passieren könnte, ist eine Befürchtung, die nicht unberechtigt ist. Einige der aktiven Gewerbetreibenden und Händler haben ein Alter erreicht, wo in ein paar Jahren die Schließung ihrer Betriebe drohen könnte.

2005 gab es in Wittgendorf noch einen Einkaufsmarkt mit Postfiliale. Mit den Postdienstleistungen war wenig später Schluss, der Markt selbst existierte noch zehn Jahre.
2005 gab es in Wittgendorf noch einen Einkaufsmarkt mit Postfiliale. Mit den Postdienstleistungen war wenig später Schluss, der Markt selbst existierte noch zehn Jahre. © Jens Böhme
2015 hatte auch Dr. Günther Jähne seine Hausarztpraxis in Wittgendorf geschlossen.
2015 hatte auch Dr. Günther Jähne seine Hausarztpraxis in Wittgendorf geschlossen. © Rafael Sampedro

Wittgendorf: Viel ist geschlossen worden

Einen solchen Verlust hatte auch der Nachbarort Wittgendorf erlebt. Innerhalb von 20 Jahren verloren die Wittgendorfer ihre Grund- und Mittelschule, die Filialen der Volksbank und der Sparkasse, die Kita und den Friseur, die Fleischerei-Verkaufsstelle und den Einkaufsmarkt. Auch der Allgemeinmediziner und die Zahnärztin schlossen ihren Praxen im Ort. In kaum einem anderen Ort im Süden des Landkreises Görlitz ist die Infrastruktur in zwei Jahrzehnten derart stark zurückgebaut worden.

In Hirschfelde, Schlegel und Dittelsdorf ist die Infrastruktur damals noch relativ gut gewesen. Doch auch hier wurde das Angebot zuletzt kleiner. Vor einigen Monaten wurde in Schlegel der kleine Lebensmittelladen geschlossen, seit vorigem Jahr ist ebenso die Gaststätte "Spartenheim" zu.

Ende Januar 2021 schloss in Hirschfelde die Boutique am Markt mit ihrer Poststelle.
Ende Januar 2021 schloss in Hirschfelde die Boutique am Markt mit ihrer Poststelle. © Matthias Weber

Hirschfelde: Noch keine Lösung für Poststelle

Hirschfelde verlor zuletzt seinen Fahrrad-Laden, in dem es auch Werkzeuge, Farben, Nägel, Schrauben, Sägeblätter, Gartengeräte und Eisenwaren gab, samt Lottoannahme und Paketshop. Ende Januar 2021 folgte die Boutique am Markt mit der Poststelle. Ortsbürgermeister Bernd Müller (FUW) setzt sich dafür ein, dass an einem anderen Standort eine neue Poststelle eingerichtet wird. Im Gespräch ist dafür unter anderem der Lebensmittelmarkt. "Wir sind nach wie vor dran", so Müller über den aktuellen Stand. Eine definitive Lösung gibt es nach mehr als drei Monaten allerdings noch nicht.

Es werde immer von einer Unterstützung der ländlichen Region gesprochen, aber die Realität sehe anders aus, meint Bernd Müller. Dieser Kritik kann sich sein Dittelsdorfer Kollege Christian Schäfer nur anschließen. Damit die älteren Einwohner zum Bäcker oder Fleischer in den Nachbarort kommen, müssten genügend Busse fahren. Aber der Öffentliche Nahverkehr sei auch immer schlechter geworden, finden die Ortschefs.

Die Ortsbürgermeister der Zittauer Ortsteile haben bei ihren Treffen das Infrastruktur-Problem angesprochen. Dabei sei auch der Vorschlag gemacht worden, einen Tante-Emma-Laden einzurichten, der die fehlenden Dienstleistungen anbietet. Ein solches Angebot muss nicht zwangsläufig stationär sein, es könne auch mobil stattfinden. Doch dafür, da sind sich die Ortschefs bewusst, muss sich ein Betreiber finden.

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