merken
PLUS Zittau

Wirtschaftskrimi: Die Magro ist insolvent

Die traditionsreiche Großschönauer Maschinenfabrik wird abgewickelt. Insolvenzverwalter Frank Milimonka spricht von einem riesigen Schuldenberg.

Insolvenzverwalter Frank Milimonka kümmert sich jetzt um das, was von der traditionsreichen Magro Maschinenfabrik in Großschönau übrig ist: Schulden.
Insolvenzverwalter Frank Milimonka kümmert sich jetzt um das, was von der traditionsreichen Magro Maschinenfabrik in Großschönau übrig ist: Schulden. © Matthias Weber/privat/Montage SZ

Auch für den erfahrenen Insolvenzverwalter Frank Milimonka ist dieser Fall in Großschönau mehr als ungewöhnlich. Dass ein Geschäftsführer sein Unternehmen am Ende quasi sich selbst überlässt, das habe er so noch nie erlebt, sagt der Rechtsanwalt, der Insolvenzverfahren in ganz Mitteldeutschland führt. Aber genau so ist es gelaufen bei der Magro Maschinenfabrik.

"Es war eine völlig groteske Situation", so wird einer der letzten Mitarbeiter das Ende der Firma später beschreiben. "Wir hatten den Geschäftsführer zuletzt monatelang nicht mehr gesehen", erzählt Steffen Golbs, der da schon zehn Jahre lang als Ingenieur bei der Magro arbeitet. "Wir waren uns zuletzt vollkommen selbst überlassen, haben einfach weitergemacht, wie wir uns das dachten und die Aufträge abgearbeitet, die noch da waren."

Autohaus Dresden
Eines der besten Autohäuser in Deutschland
Eines der besten Autohäuser in Deutschland

Dresden braucht starke und innovative Unternehmen, wie das Autohaus Dresden. Der Opelhändler ist seit über 25 Jahren tief mit der Region verwurzelt.

Geschäftsführer der Magro Maschinenfabrik ist seit dem Sommer 2018 der fränkische Unternehmer Rudolf Keller. Er kauft dem Gründer Manfred Grützmacher die Firma ab, verspricht, die Arbeitsplätze zu erhalten. Doch es werden immer weniger Maschinenteile in Großschönau produziert. Und kurz nach dem Kauf der Magro gründet Rudolf Keller in seiner fränkischen Heimat zwei weitere Firmen: die Magro Thiersheim und die Magro Bayern GmbH.

Das alles nährt bei der Belegschaft ziemlich schnell die Befürchtung, dass Keller die Produktion nach Bayern holen will. Hinzu kommen Berichte von Zahlungsschwierigkeiten und verschiedenen Gerichtsverfahren gegen den Geschäftsführer. Die Mitarbeiter sind immer verunsicherter, viele suchen sich lieber anderswo Arbeit als Kellers Angebot zu folgen, nach Thiersheim zu wechseln.

Als einer der letzten schreibt Steffen Golbs im März 2020 seine Kündigung und verlässt den Betrieb, nachdem nur noch ein paar wenige Mitarbeiter jeden Tag zur Arbeit kommen. Den Schlüssel gibt Golbs beim Vorbesitzer Manfred Grützmacher ab, dem immer noch die Immobilie gehört.

Steffen Golbs hatte als einer der letzten Mitarbeiter bei der Magro gekündigt. Im März 2020 hatte er den Geschäftsführer Rudolf Keller wegen Insolventverschleppung angezeigt.
Steffen Golbs hatte als einer der letzten Mitarbeiter bei der Magro gekündigt. Im März 2020 hatte er den Geschäftsführer Rudolf Keller wegen Insolventverschleppung angezeigt. © Archivoto: Rafael Sampedro

Steffen Golbs hat da schon vier Monate keinen Lohn mehr erhalten. Gemeinsam mit anderen Kollegen klagt er vor dem Arbeitsgericht. Und bei der Polizei stellt er Strafanzeige gegen Rudolf Keller wegen Insolvenzverschleppung.

Inzwischen ist das Insolvenzverfahren eröffnet und Rechtsanwalt Frank Milimonka zum Insolvenzverwalter bestellt - auf Veranlassung des Amtsgerichts Hof, das sich nicht zum ersten Mal mit Keller und seinen Geschäften in Thiersheim beschäftigt. Zuletzt hat der Unternehmer im Februar wegen Unterschlagung am Amtsgericht im fränkischen Wunsiedel vor Gericht gestanden.

In dem Strafverfahren in Wunsiedel, das nur eines von mehreren gegen Rudolf Keller ist, ging es um eine Krananlage, die der Unternehmer aus einer angemieteten Werkshalle in Thiersheim abtransportiert haben soll - ohne sie je bezahlt zu haben. Die Parallelen zu Großschönau sind deutlich: Auch in Thiersheim kauft Keller einem privaten Unternehmer 2016 eine Maschinenbaufirma ab. Deren Vorbesitzer Markus Günzel spricht im Nachhinein von einem finanziellen Verlust von insgesamt 1,5 Millionen Euro.

SAB will Fördermittel zurück

Das Geld, mit dem Rudolf Keller 2018 die Magro in Großschönau kauft, ist von verschiedenen Banken geliehen oder stammt aus dem Verkauf von Maschinen aus anderen Unternehmen, die wiederum auch nicht immer bezahlt sind, weiß inzwischen auch Vorbesitzer Manfred Grützmacher.

Wie hoch Kellers Schulden in Großschönau insgesamt sind, ist noch gar nicht vollständig beziffert. Frank Milimonka erarbeitet gerade ein Gutachten. Er rechnet mit einem "sehr hohen sechsstelligen Betrag". Es gebe eine Vielzahl von Gläubigern und Verbindlichkeiten, sagt der Insolvenzverwalter. Die Summe alleine dieser Verbindlichkeiten sei "immens", so Milimonka. Zu den Gläubigern gehört auch die Sächsische Aufbaubank, bestätigt der Insolvenzverwalter, dem eine Rückforderung von Fördermitteln vorliegt. Wie hoch die ist, will er nicht sagen.

Ob bei all den Forderungen etwas für Steffen Golbs und die anderen ehemaligen Mitarbeiter übrig bleibt? Der Insolvenzverwalter bezweifelt das. Es sei nur mit einer minimalen Quote zu rechnen, sagt er. Auch Golbs selbst glaubt nicht mehr daran, seinen ausstehenden Lohn noch zu bekommen. Er hat zwar einen Titel in der Hand, dass er das Geld per Gerichtsvollzieher von seinem ehemaligen Arbeitgeber holen kann, doch bei Rudolf Keller ist offenbar nichts zu holen. "Er hat eine eidesstattliche Erklärung über sein Vermögen und das der Magro abgegeben. Da sind nur Schulden", sagt der 58-Jährige.

Trotzdem hoffen die ehemaligen Mitarbeiter jetzt auf das Insolvenzverfahren. "Wir hoffen, dass wir jetzt noch drei Monatslöhne als Insolvenzgeld vom Arbeitsamt bekommen", sagt Steffen Golbs. Dass das Verfahren schnell geht, hofft auch Manfred Grützmacher, dem immer noch die Immobilie gehört. Die Maschinen, die noch in den Werkhallen stehen, müssen so schnell wie möglich raus, damit hier künftig Menschel-Limo hergestellt werden kann. Grützmacher will die Fabrik an den Hainewalder Getränkehersteller verkaufen, der sich vergrößern will.

Das Strafverfahren gegen Rudolf Keller am Amtsgericht in Wunsiedel ist übrigens gegen Zahlung einer Geldauflage von 2.000 Euro vorläufig eingestellt worden. Falls Keller die Summe bis September bezahlt, wird das Verfahren gegen ihn endgültig eingestellt, teilt ein Sprecher des Amtsgerichts mit.

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umland lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umland lesen Sie hier.

Sie wollen die wichtigsten Nachrichten aus Löbau und/oder Zittau direkt aufs Smartphone gesendet bekommen? Dann melden Sie sich für Push-Nachrichten an.

Weiterführende Artikel

Magro-Mitarbeiter stellt Strafanzeige

Magro-Mitarbeiter stellt Strafanzeige

Steffen Golbs hat die Großschönauer Maschinenfabrik als letzter verlassen. Wo der Geschäftsführer ist, weiß er nicht. Das vorläufige Ende eines Wirtschaftskrimis.

Schleichender Tod bei der Magro?

Schleichender Tod bei der Magro?

Schon länger geht das Gerücht, die traditionsreiche Maschinenfabrik in Großschönau könnte vor dem Aus stehen. Der Fall liest sich wie ein Wirtschaftskrimi.

Sie wollen schon früh wissen, was gerade zwischen Oppach und Ostritz, Zittauer Gebirge und A4 passiert? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter "Löbau-Zittau kompakt".

Wer uns auf Social Media folgen will:

Sie haben Hinweise, Kritik oder Lob? Dann schreiben Sie uns per E-Mail an [email protected]ächsische.de oder [email protected]ächsische.de

Mehr zum Thema Zittau