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Zoff unter Zigarettenfabrikanten

Der Hersteller von Marlboro und F6 hat seinen Fabrikneubau in Dresden gestoppt. Die Konkurrenten erklären gleich seine ganze Strategie für falsch.

© Ronald Bonß

Von Georg Moeritz

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Das sollte sich gut anhören: 500 neue Arbeitsplätze nahe dem Flughafen Dresden – und zugleich ein Meilenstein „auf dem Weg in eine rauchfreie Zukunft“. Das versprach der Tabakkonzern Philip Morris, als seine Deutschland-Chefin Stacey Kennedy vor einem Jahr den Fabrikneubau in Dresden ankündigte. Doch inzwischen bestätigte Philip Morris SZ-Informationen, nach denen das Werk für rauchfreie Tabakprodukte zunächst nicht gebaut wird. Der Konzern muss erst einmal seine bestehenden Fabriken in Italien, Griechenland und Rumänien auslasten.

Die Kapazitäten würden „weltweit“ überprüft, sagte eine Sprecherin. Die Konkurrenten freuen sich. Reemtsma teilte mit, manche „markige PR-Botschaft des Marktführers“ Philip Morris sei wohl nicht richtig. Und der Radebeuler Jan Mücke, Geschäftsführer des Deutschen Zigarettenverbands, sieht nur einen „recht überschaubaren Erfolg“ der neuen Produkte von Philip Morris. Allerdings ist dieser Konzern auch nicht Mitglied in Mückes Zigarettenverband. Während Philip Morris mit großem Werbeaufwand in Großstädten wie Dresden sein elektronisches Gerät Iqos bekannt macht, plakatiert JTI für seine Marke American Tobacco einen Indianer mit dem Hinweis, der komme „ohne Batterie“ aus.

In dem Streit geht es um viel: um die Frage, ob künftig noch Zigaretten geraucht werden oder elektronische Geräte Nikotin liefern. Um ein Milliardengeschäft und um das Krebsrisiko. Alle großen Konzerne wollen sich als modern und einigermaßen gesundheitsbewusst darstellen. Das müssen sie auch: Der Zigarettenabsatz in Deutschland hat sich seit dem Jahr 2002 fast halbiert. Damals wurden noch gut 145 Milliarden Zigaretten in Deutschland versteuert, voriges Jahr rund 76 Milliarden Stück. Der Konzern BAT, mit Marken wie Lucky Strike und Pall Mall die Nummer drei in Deutschland, schreibt auf seiner Internetseite von der „dynamischsten Phase des Wandels, die es jemals in der Tabak- und Nikotinindustrie gegeben hat“. BAT habe den Anspruch, den Wandel anzuführen.

Doch BAT geht nicht so weit wie der deutsche Marktführer Philip Morris mit Marken wie Marlboro und F6. Der propagiert die „rauchfreie Zukunft“. Geradezu stolz wiederholt der Konzern die Botschaft: „Rauchen ist tödlich.“ Sein neues Produkt dagegen komme ohne Rauch aus und ohne Zigarettenrauchgeruch. Das elektronische Gerät Iqos, ein aufladbares Mundstück, erhitzt Tabakstäbchen namens Heets nur auf rund 300 Grad, statt sie zu verbrennen. Solche Heets sollten auch im Werk Dresden hergestellt werden, bis zu 30 Milliarden pro Jahr. Die Kapazität in der italienischen Fabrik ist mehr als dreimal so groß.

Mit eigenen Studien versucht der Konzern nachzuweisen, dass beim Erhitzen weniger Gifte entstehen als beim Verbrennen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung allerdings weist darauf hin, der Nikotingehalt bei Iqos sei so hoch wie bei Zigaretten, „Daher muss von einem vergleichbaren Suchtpotenzial ausgegangen werden.“ Zusätzlich kompliziert für Nikotinabhängige wird der Streit, weil Iqos nicht dasselbe ist wie eine E-Zigarette. Wer die Internetseite von Reemtsma öffnet, Branchenzweiter in Deutschland mit Marken wie West und Gauloises, liest als erstes: „E-Zigarette – die tabakfreie Alternative“. Während Iqos ein Tabakstäbchen erhitzt, wird in der E-Zigarette eine Flüssigkeit ohne Tabak verdampft – es gibt sie in vielen Geschmacksrichtungen und mit unterschiedlich hoher Nikotin-Dosis.

Verbandschef Jan Mücke hält die Strategie von Philip Morris für falsch, mit dem rauchfreien Produkt rasch den ganzen Markt zu verändern. In Japan gebe es zwar Erfolge, aber die Kunden dort seien offener für neue Technik „mit etwas, das blinkt“. Es werde 15 bis 20 Jahre dauern, bis die Tabakzigarette vielleicht ausgedient habe.

Eine US-Organisation gegen das Rauchen erklärt die Strategie von Philip Morris gleich ganz für unglaubwürdig. Die Campaign for Tobacco-Free Kids schreibt, der Konzern stelle zwar sein rauchfreies Produkt heraus, vermarkte aber auf aggressive Weise weiterhin Zigaretten – insbesondere in ärmeren Ländern.