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Zu Besuch bei der Tilke-Mutter

Gertrud Friedrich wohnt schon viele Jahrzehnte in einer kleinen Straße in Somsdorf – die hat einen eigenartigen Namen.

© Karl-Ludwig Oberthür

Von Dorit Oehme

Freital. Die Straße „In der Tilke“ ist kurz. Nur acht Häuser stehen dort. Das älteste wurde um 1900 gebaut, das neueste 2016 bezogen. Bauerngehöfte gibt es in dieser Ecke des Freitaler Stadtteiles Somsdorf nicht. Es ist dörflich. Doch zwischen den umliegenden Hängen fehlt schlichtweg der Platz, außerdem ist der Boden felsig. „Ein Ofensetzer lebte in der Straße. Auch Martin Lorenz, der ein Fuhrgeschäft hatte. Doch seine Firma war nicht hier“, sagt Gertrud Friedrich. Die 94-Jährige ist auf dem Weg hinüber zur sogenannten Tilke-Villa. Mit Elfriede Lorenz, der Frau von Martin Lorenz, war sie befreundet. Heute wohnt dort noch sein Sohn Günter mit Familie. Ehe Gertrud Friedrich am Gartentisch Platz nimmt, schaut sie in das kleine grüne Tal neben dem Haus hinab. Es ist keilförmig und nur etwa 50 Meter lang. Die Form erinnert an einen uralten Hohlweg.

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„Das ist unsere Tilke“, sagt Gertrud Friedrich und fährt fort: „Meine Großmutter mütterlicherseits hat mir oft erzählt, dass ein Feldherr Tilke in dem Loch seine Biwaks aufgestellt haben soll.“ Günter Lorenz erklärt: „Der Name Tilke kommt aus dem Slawischen und bedeutet so viel wie kleines Tal. Hier dient es auch als Entwässerungsgraben. Nach dem Hochwasser von 1954 wurde es berohrt.“ In der Region gibt es einige Tilken im geografischen Sinn. Dennoch ist Tilke sogar ein Vor- und Nachname. „Meine Großmutter wurde Tilke-Mutter genannt, weil sie hier wohnte“, sagt Gertrud Friedrich. Als Kind war sie gern bei ihr zu Besuch. Später zog sie mit ins Haus. „Es lebt sich gut hier“, sagt Gertrud Friedrich.

Die kleine Siedlung liegt in einer Höhe von etwa 280 Metern. Die Höckendorfer Straße führt an der Tilke vorbei. „Als ich noch in der Hainsberger Papierfabrik gearbeitet habe, bin ich mit dem Rad die Hauptstraße hinabgefahren. Zurück habe ich es den Alten Berg hochgeschoben. Oder ich bin gleich bis Hainsberg gelaufen“, sagt Gertrud Friedrich.

Nach ihrer Heirat wohnte sie ab 1960 zehn Jahre lang in Freital. Dann zog sie mit der Familie zurück in ihre Straße nach Somsdorf. Heute leben vier Generationen unter einem Dach. Ihre Schwiegertochter unterstützt sie. „Es ist familiär in der Tilke“, sagt Katy Epperlein. Die 38-Jährige ist aus dem Rabenauer Ortsteil Lübau zu Besuch gekommen. Bis vor Kurzem hat sie in der Straße gewohnt. Beim Umzug halfen Anwohner. Katy Epperlein schwärmt auch von den Tilke-Festen. 1974 hat Martin Lorenz das erste organisiert. „Für uns Kinder gab es Autoreifen zum Spielen.“ Anfang Juli steigt das nächste Fest. Zu Ostern gehen die Anwohner wandern. Zuletzt waren sie im Klingenberger Ortsteil Borlas.

„Es herrscht Leben hier“, betont Günter Lorenz. Er schaut an der Hausnummer 2 hinauf, wo er wohnt. „Es gab nur zwei Etagen. Doch der einstige Keller und der Boden sind ausgebaut. Schon früher wurde alles genutzt. Das ist auch bei den Häusern gegenüber so.“