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Zu Hause auf Gut Seeligstadt

Vier Generationen der Familie Schäl leben heute auf dem über 200 Jahre alten Hof. Und bewirtschaften ihn immer noch gemeinsam.

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© Steffen Unger

Von Carolin Menz

Seeligstadt. Erika Schäl treten die Tränen in die Augen. Wenn sie zurückdenkt, wie viel harte Arbeit, Mühen und Traurigkeit in diesen alten Mauern stecken, aber auch wie viel Lachen ihrer Kinder, Enkel und Urenkel. Und wie viel Aufbruch immer wieder aufs Neue. Gerade sieht sie ihrer Tochter Martina Noah nach, die auf dem Traktor sitzt und auf die Felder hinterm Hof tuckert. Sie will an diesem Morgen die Koppel für die Kühe bauen. Eine Katze begleitet sie. Martina Noah führt heute die Landwirtschaft im Oberen Freigut in Seeligstadt. Für sie war es ein Aufbruch vor zwölf Jahren, als sie den elterlichen Hof übernahm und seitdem leben kann von den Erträgen. Gerade biegt ihre Tochter Kristin um die Ecke. Sie winkt Oma Erika Schäl zu. In ihrem Bauch wächst das siebente Urenkelchen von Erika und Gotthard Schäl heran. Im Herbst soll es auf die Welt kommen. Das Kind wird aufwachsen auf diesem Bauernhof, der Lebensinhalt der Urgroßeltern ist.

Aufbrüche und Umbrüche

Erika und Gotthard Schäl haben viele Aufbrüche und Umbrüche hier erlebt. 1798 wurde das ehemalige Wohnstallhaus, in dem sie heute noch gemeinsam mit sechs anderen Familien wohnen, zu einem Freigut umgebaut. Ein Haus für Menschen, Vieh und Wirtschaft. „Seit jeher gab es hier Landwirtschaft. Der Hof wurde natürlich immer wieder aus- und umgebaut für die Bedürfnisse der unterschiedlichen Familien und Generationen, die hier wirtschafteten. Der große Wald, den es einst gab, wurde mehr und mehr verdrängt von den Feldern. Und immer mehr Ställe entstanden. Es wurden ja viele Lebensmittel gebraucht“, sagt Gotthard Schäl. Er kennt jeden Zipfel des Anwesens und jeden Winkel des Hauses mit seinen tiefen Decken und Gewölben. Unzählige Anekdoten kann er aus den vergangenen zwei Jahrhunderten erzählen. Am Denkmaltag an diesem Sonntag startet bei den Schäls 13.30 Uhr ein Rundgang durchs Dorf.

Erika Schäls Großvater erwarb das Freigut nahe dem Forsthaus 1913. Er kam mit seinen neun Kindern aus Arnsdorf. Der Vater von Erika Schäl übernahm den Hof 1936. „Als Kinder mussten wir natürlich sehr viel mithelfen“, sagt die heute 75-Jährige. Da gab es die Kühe und Schweine in den Ställen, das viele Getreide auf den Feldern, das Obst an den Bäumen und das Gemüse im Garten, das verarbeitet werden wollte. Bauern waren Selbstversorger. Jede kleine und große Hand musste mit anpacken.

Hof an der Bahnstrecke

Gerade rollt ein Zug vorbei. Der Hof liegt direkt an der Strecke Dresden-Görlitz. Erika Schäl hat ihr Gut niemals verlassen. „Sie heiratete ja einen Bauern“, sagt Gotthard Schäl. Er blinzelt und lächelt seiner Frau zu, wenn er das sagt. Der heute 76-Jährige hatte in Pillnitz Landwirtschaft studiert. 1961 heirateten sie. Ihr persönliches Glück aber wurde getrübt. Die LPG hatte die Wirtschaft ab 1960 übernommen. Plötzlich hatten andere das Sagen.

Als die Wende kam, war Schluss damit. Die LPG gab es nicht mehr. Plötzlich war es still geworden auf dem Seeligstädter Gut. Plötzlich flogen keine Schwalben mehr über seine großen, alten Dächer, weil darunter keine Tiere mehr in den Ställen standen. Und doch muss Erika Schäl lächeln, wenn sie an diese Zeit zurückdenkt. Denn sie brachte einen neuen Aufbruch. Ihren ganz persönlichen, einen ganz besonders mutigen. „Wir haben den Hof 1990 wieder zurückbekommen und standen vor der Frage: Was wird nun werden?“, sagt Gotthard Schäl. Sie entschieden sich für einen Neuanfang mit Landwirtschaft. Sie nahmen Kredite auf, sanierten stückweise das Haus mit seinen alten Balken und schafften sich zunächst wieder 21 Kühe an. Mitte 50 waren sie damals. Erika Schäl arbeitete wieder aus vollem Herzen im Stall und auf den Feldern.

Zeiten des Aufbrauchs

Ihre Eltern erlebten all das noch mit. Und blühten wieder auf in diesen neuen Zeiten des Aufbruchs, weil auch ihre Erfahrungen gebraucht wurden. Sie sind beide sehr alt geworden auf dem Seeligstädter Hof. Gotthard Schäl war Landwirt im Nebenerwerb. Hauptberuflich leitete er als Bürgermeister für die CDU zunächst die Geschicke Seeligstadts und ab 1994 die von ganz Großharthau. Zuvor hatte er die Eingemeindungen der Ortsteile verantwortet und begleitet. Seit 2001 ist er im Ruhestand. Tochter Martina half damals schon mit, 2004 übernahm sie die Wirtschaft. Es ist das große Glück für ihre Eltern, dass es weitergeht.

Martina Noah verließ Seeligstadt nie und doch war der Weg zur Landwirtin kein geradliniger. Sie lernte Herrenmaßschneiderin bei Bergmanns im Dorf und arbeitete später im Asylbewerberheim in der Massenei. Ihre Liebe aber galt immer den Tieren und Feldern, wie sie sagt. „Also setzte ich mich 2004 nochmals auf die Schulbank und wurde staatlich geprüfte Wirtschafterin.“ 45 Mutterkühe stehen heute auf ihrer Koppel. Martina Noah betreibt Nachzucht und Mast. Die 150 Hektar Land teilen sich Getreide und Gras als Futter für die Tiere. Mit einem Angestellten führt die 55-jährige dreifache Mutter den Betrieb. Der jüngste Sohn Moritz will seine Mutter später ablösen. So jedenfalls der Plan des Jungen.

Der Hof lebt jeden Tag. Ein ständiges Ein- und Ausgehen der Familie gibt es hier, immer mal einen Schwatz, das Tuckern der Maschinen und das Schnurren der Katzen. Gotthard Schäl kümmert sich um seine Ponys und den großen Garten. „Und dann ist ja noch das Haus.“ Er blickt nach oben, die über 200 Jahre alten Holzbalken sind verblasst und brauchen dringend frische Farbe. Er will das selbst erledigten. „Die Arbeit kann ja auch beflügeln“, sagt Gotthard Schäl und schmunzelt.