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Zu Hause im Norden

Alpine Pflanzen sind auch Relikte der Eiszeit. Im Forstgarten Tharandt trotzen sie dem Klimawandel.

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© Egbert Kamprath

Von Verena Schulenburg

Tharandt. Wer in den Norden will, muss hoch hinaus. Zum Glück ist es kein Dreitausender, den es hier zu bezwingen gilt. Um die nordische Pflanzenvielfalt in Tharandt bestaunen zu können, reicht ein Anstieg auf gut 330 Meter. Das Alpinum befindet sich im Herzen des Forstbotanischen Gartens und wurde künstlich angelegt. Dem Hauch von Skandinavien tut das keinen Abbruch. Zwischen Steingarten und dem kleinen Wasserloch, ähnlich einem Hochmoor, wachsen Krähenbeere, Cornwall-Heide und Zwergwachholder dicht am Boden. Überhaupt scheint sich hier kein Gewächs weit hinauf zu trauen. „Die niedrige Wachstumshöhe ist ganz typisch für nordische Pflanzen“, erklärt Ulrich Pietzarka, Kustos des Tharandter Forstgartens und Chef des Fördervereins. Es sind diese ganz speziellen Eigenheiten der nordischen Pflanzen, erklärt der 50-Jährige, die sie für ihn so spannend machen. Pflanzen der Gebirgsregion oder sogar der Arktis hätten nur wenige Monate Zeit, um zu wachsen, zu blühen und Samen auszustreuen. Damit passen sie sich den speziellen Gegebenheiten an. Die kurze Vegetationsperiode wird in solchen Lagen vor allem durch zwei Faktoren beeinflusst: die niedrigen Temperaturen und die kurze Tageslänge, Letztere vor allem in arktischen Gegenden. „Da müssen Pflanzen verflixt schnell sein“, sagt der Forstwissenschaftler.

Typisch für alpine Regionen ist auch die Cornwall-Heide.
Typisch für alpine Regionen ist auch die Cornwall-Heide. © Egbert Kamprath

Wer allerdings glaubt, die Pflanzen des Nordens sind nur dröge Bodenbedecker, der hat die farbenprächtige Glockenheide noch nicht gesehen. Und auch manche Rhododendrenarten lassen nicht erahnen, dass sie sich in kälteren Gefilden und Höhenlagen von mehr als 3 000 Metern im Himalaya durchaus wohlfühlen. Eiseskälte müssen sie dort nämlich nicht immer fürchten, auch wenn es durchaus Flora gibt, die tiefe Minustemperaturen nicht stört, wie die sibirische Zirbelkiefer.

Dort, wo nordische Pflanzen in der Regel zu Hause sind, schützt sie eine dicke Schneedecke vorm Erfrieren. So einen Schutz hatten die Pflanzen wohl auch noch, als vor vielen Jahrtausenden hierzulande Eiszeit herrschte. Mittlerweile können sich die Heidekräuter im Winter jedoch nicht mehr auf eine wärmeisolierende Schneepracht verlassen.

Es ist nicht das einzige Problem, das Relikte der Eiszeit aus unseren Breiten verdrängt. „Die Pflanzen bekommen die Klimaerwärmung zu spüren“, sagt Pietzarka. Viele nordische Gewächse seien entweder an Hochmoore gebunden oder lichtbedürftig. Dort, wo früher der Landschaftstyp Tundra ausreichend Licht brachte, sind heute Flächen bewaldet. Alpine Pflanzen werden verdrängt, entweder weiter in den Norden oder bergauf. „Nur irgendwann geht es nicht mehr weiter“, resümiert der gebürtige Niedersachse, der seit mehr als 20 Jahren in Tharandt lebt. Die schwierigen Bedingungen, die nordischen Gewächsen das Überleben schwer machen, sorgen dafür, dass es solche Pflanzen seltener gibt. Die Schneeheide zum Beispiel, erzählt der Forstgarten-Chef, stehe hierzulande bereits auf der Roten Liste der bedrohten Arten.

Den vieldiskutierten Klimawandel gibt es. Da ist sich Ulrich Pietzarka sicher. In Tharandt verfolgen Meteorologen der TU Dresden seit Jahrzehnten das Wetter. Die Erkenntnis: Die Temperaturen im Jahresmittel nehmen zu, ebenso die Niederschläge. Besonders auffällig seien aber auch extreme Witterungsverhältnisse, die zudem in der Zeit des Pflanzenaustriebs öfter zutage treten. So war der diesjährige Mai viel zu trocken, ebenso vor zwei Jahren. 2013 ging der Pflanzenaustrieb beinah in Nässe unter, wie das Hochwasser darauffolgend bewies. „Diese Entwicklung bereitet mir schon Sorgen“, sagt Pietzarka. Extremen Witterungsbedingungen, egal in welcher Form, könnten sich die Pflanzen nur schwer anpassen. Wie solche Mechanismen funktionieren, wird auch im Forstbotanischen Garten in Tharandt erforscht. Den Gewächsen des Alpinums im Zentrum des Parks wird bei der Anpassung geholfen. Wenn die schützende Schneedecke auf sich warten lässt, werden sie den Winter über mit Reisig zugedeckt. Hier müssen sie nicht ums Überleben bangen.