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„Zu viele Barrieren“

Mit 60 verabschiedet sich Helge Landmann nach 19 Jahren aus dem Meißner Stadtrat. Eine Rückkehr in die Politik schließt er aber nicht kategorisch aus.

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© Claudia Hübschmann

Meißen. Mit dem vorgezogenen Geburtstagsgeschenk hat es prima geklappt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten stand Vatertag, einen Tag vor Helge Landmanns Sechzigstem, fest: Das Startkapital für den Bau eines Seminar- und Veranstaltungshauses in der Klosterruine Heilig Kreuz von 25 000 Euro ist über eine Internet-Finanzierung zusammengekommen. „Eine tolle Sache“ sei das, sagt der Vorsitzende des Vereins Hahnemannzentrum Meißen, der das Projekt initiiert hatte. Er hofft, dass es im Herbst mit dem Bau des Hauses losgehen kann. Bis Ende April war Landmann auch Stadtrat (Bündnis Freie Bürger/SPD/Grüne) in Meißen, wo er seit 1979 lebt. Seinen Rückzug hatte er im letzten Jahr angekündigt und nun in die Tat umgesetzt. Was den eloquenten und streitbaren Diskussionspartner dazu bewogen hat, welche Dinge er jetzt anpacken will und inwiefern sich die Meißner Politik nach seinem Dafürhalten in die falsche Richtung bewegt, hat er in einem Gespräch der SZ gesagt.

Herr Landmann, sie wurden vor Kurzem mit herzlichen Worten und vielen Geschenken als Mitglied des Meißner Stadtrates verabschiedet. Glauben Sie, dass sich einige ihrer Kollegen insgeheim freuen, dass sie weg sind?

Das weiß ich nicht. Sicher hat es über die vielen Jahre Meinungsverschiedenheiten gegeben. Aber das gehört zu einem demokratischen Prozess dazu. Sagen wir also mal so: Ich glaube denen durchaus, die mir ihr ehrliches Bedauern über meine Entscheidung mitgeteilt haben.

Haben sie einige dieser Meinungsverschiedenheiten in Ihrer Entscheidung beeinflusst?

Zumindest über einen längeren Zeitpunkt nachdenklich gestimmt. Aber aus der Politik gehe ich aus freien Stücken, nicht weil ich Debatten scheue oder Angst vor Isolation habe. Nichtsdestotrotz hatte ich manchmal das Gefühl, dass bürgerliches Engagement im Stadtrat nicht genug gewürdigt wird oder gar nicht gewollt ist.

Was meinen Sie konkret?

Beispielsweise hat es seit 1994 keine Unterstützung der Stadt auf dem Areal am Kloster gegeben, obwohl sich mit mir noch viele weitere, dort für ihre Stadt engagieren. Das Problem ist leider häufig, dass die Ideen der Bürger, die hinter einem solchen Projekt stehen, verkannt werden. Auch kennen viele Mitglieder der Verwaltung die Leute gar nicht, weil sie selbst keine Meißner sind. Zerwürfnisse hat es auch im Zuge des Namensstreits um die Nutzung des Begriffs „Meissen“ zwischen Manufaktur und der Stadt gegeben. Ich bin überdies der Meinung, dass das Kerngeschäft – nämlich die künstlerisch anspruchsvolle Produktion von Porzellan – vernachlässigt wurde. Damit hängt auch eine weitere Geschichte zusammen, die mir im Gedächtnis geblieben ist. So hat es sehr lange wenig konstruktive Zusammenarbeit mit den Kollegen der Unabhängigen Liste Meißen gegeben, weil deren Fraktionsvorsitzender beschlossen hatte, im Zuge des Namens-Streits Walter Hannot, Chef des Kulturvereins, zur Persona non grata zu erklären. Weil ich mich dazu nicht bereiterklärt hatte, wurde seit her nur das Nötigste besprochen. Überhaupt sollte die Stadt Vereinen, die auf Missstände hinweisen und in Meißen etwas bewegen wollen mehr Vertrauen entgegenbringen.

Was waren darüber hinaus die Gründe für Ihren Entschluss? Sind sie am Ende amtsmüde gewesen?

Mir missfällt zum Beispiel die Unart einiger Stadtratskollegen, in Sitzungen mehr mit dem Handy beschäftigt zu sein als miteinander zu sprechen. Auch der raue Ton in den sozialen Medien wie Facebook ist der falsche Weg. Über Facebook lässt sich keine kultivierte Meinungsbildung generieren. Eher werden Vorurteile verstärkt. Für mich war es außerdem nicht mehr zu schaffen, die Arbeit als ehrenamtlicher Stadtrat gewissenhaft zu erledigen, auch vor dem Hintergrund meiner anderen Projekte. Mit Amtsmüdigkeit hatte das aber nichts zu tun. Zeitintensive Vorhaben wie die 800-Jahr-Feier des Klosters Heilig Kreuz im nächsten Jahr stehen an. Wir wollen hier einiges auf die Beine stellen, etwa ein kleines Museum zur Stadtgeschichte. In die Akquise der Künstler für dieses Fest, in Förderanträge, Genehmigungen und die allgemeine Organisation wird jetzt meine Kraft fließen.

Was spielte außerdem eine Rolle?

Verärgert hat mich auch, dass es die Stadt verpasst hat, beim Weltkongress für Homöopathie 2017 eine wichtigere Rolle spielen zu können. Die Stadt sucht auf der einen Seite neue Möglichkeiten. Doch wenn wir Vorschläge unterbreiten, wie man etwa die Geschichte des Stadtsohnes Christian Friedrich Hahnemannns erlebbar machen und diesen Tag in Meißen groß aufziehen könnte, wird die Zusammenarbeit verpasst. Die Pläne liegen wahrscheinlich immer noch in den Schubladen. Es bereitet mir allgemein Sorgen, dass engagierte Leute mit guten Ideen für das Gemeinwohl der Stadt es sehr oft schwer haben, zu wenig Unterstützung durch politische Entscheidungsträger erfahren. Es gibt einfach zu viele Barrieren. Dadurch resignieren viele Meißner Bürger und wenden sich anderen Tätigkeiten zu – auch solchen, die dem Image der Stadt schaden.

Können Sie sich trotzdem vorstellen, noch mal in die Stadtpolitik zurückzukehren?

Das will ich nicht ausschließen. Aber ich habe wirklich noch keine konkreten Absichten, will mich jetzt voll und ganz auf meine Aufgaben als Vorsitzender des Vereins kümmern.

Sie haben Fachingenieur für Denkmalpflege und Restaurator für Wandmalerei und Architekturfassung studiert. Auf welchem Weg sehen Sie Meißen städtebaulich?

Wenn ich an die Gestaltung des historischen Theaterplatzes oder den möglichen Abriss einer Seite der Fährmannstraße denke, könnte man meinen, auf einem schlechten. Aber ich glaube, dass auch viel Gutes geschaffen wurde. Trotzdem gilt auch hier: Es werden zu wenig Bürger in die Entscheidungen einbezogen. Dabei hätte das eine sozial sehr große Wirkung. Bei vielen Bau-Projekten denke ich deshalb oft: Die Hülle mag schön sein, aber das Herz fehlt sehr häufig.

Haben sie am Ende als Stadtrat resigniert, weil zu oft die Mehrheiten für ihre Sicht der Dinge fehlten?

Nein. Letztlich übersteigen die positiven Erlebnisse die nicht so schönen deutlich. Nur kostet Politik im Allgemeinen und speziell in dieser Stadt sehr viel Mühe und vor allem Zeit. Daher will ich jetzt etwas durchschnaufen, sofern das möglich ist.

Das Gespräch führte: Marcus Herrmann