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Zugmaschine mit Herz und Pfiff

Joachim Reinelt träumte als Kind davon, eine Lokomotive zu sein und wurde Bischof. Das ist jetzt 30 Jahre her.

© Christian Juppe

Von Nadja Laske

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Bauer statt Bischof hätte er werden können. Nach dem Krieg klang das verlockend. Wenn jemand nicht hungern musste, dann die Leute auf dem Land. Später stellte sich Joachim Reinelt vor, Förster zu sein. Der Wald hatte es ihm angetan, die Ruhe dort und die Luft und dass man immer ein Stück Holz für den Ofen fand. Am schönsten aber musste das Leben als Lokomotive sein: Über die weiten Brückenbögen zu fahren, die er als Kind von seinem schlesischen Elternhaus aus sehen konnte. Kraftvoll Wagen zu ziehen und in die Welt hinaus zu fahren.

Joachim Reinelt als etwa 16-jähriger OberschülerFoto: privat/
Joachim Reinelt als etwa 16-jähriger OberschülerFoto: privat/ © privat
Reinelt vor etwa drei Jahren bei der Audienz des Papstes Franziskus. Auch Johannes Paul II und Benedikt XVI traf er.
Reinelt vor etwa drei Jahren bei der Audienz des Papstes Franziskus. Auch Johannes Paul II und Benedikt XVI traf er. © LÓsservatore Romano

„Das gehe aber nicht, haben mir meine Schwestern erklärt“, erinnert sich Joachim Reinelt. Höchstens Lockführer könne er werden. Aber das lehnte der Knirps strikt ab. Nein, dieses kleine Männlein da vorn im Führerstand, das mochte er nicht sein. Als der heute 81-Jährige entschied, Theologie zu studieren, war zwar seine Kindheit in Schlesien vorbei, doch er hatte sie genau so wenig vergessen, wie Hunger und Kälte und seine frühesten Träume. Als Achtjähriger war er mit seinen Eltern und Schwestern vom Dorf in die Stadt Aussig, heute Usti nad Labem, gezogen, just am 13. Februar 1945. Auf der Fahrt sah er vom LKW aus das rotglühende Dresden, auch das eine Erinnerung, die geblieben ist.

Später lebte er mit seiner Familie als Aussiedler in Radeberg. Schon damals erlebte Reinelt Vorbehalte Geflüchteten gegenüber und die Angst der Menschen, von dem Wenigen, das sie hatten, abgeben zu müssen. „Aber ich habe mich persönlich nie abgelehnt gefühlt“, sagt er. Schließlich versammelten sich in Sachsen Zugezogene aus allen Himmelsrichtungen. Überhaupt forderte ihn das Leben an anderer Stelle viel stärker heraus: „Mein Vater starb schon 1946, da war er gerade 44 Jahre alt, und meine Mutter musste uns vier Kinder allein versorgen.“

Als einziger Sohn wurde Joachim Reinelt der Mann in der Familie ohne schon ein Mann zu sein, und lernte früh, sich durchzusetzen – sei es unter Gleichaltrigen oder sogar im Ringen um eine bessere Wohnung. „Wir lebten in einer Art Garage, die war nass und kalt und wir bekamen alle Rheuma.“ Als auf einem Wohnungsvergabetermin mehrere Dutzend Bewerber um eine Wohnung stritten, argumentierte der damals 16-Jährige selbstsicher und gewann. „Ich habe den Genossen gesagt, dass es keinen Sinn macht, viel Geld in die Schul- und Berufsausbildung junger Leute zu stecken, wenn sie so schlecht wohnen, dass sie krank werden.“ Zu der Zeit steuerte er aufs Abitur zu und hatte auch sonst einen Plan. Seine frühe Reife und Entschlossenheit, sein kritischer Geist, seine Liebe zu Menschen und vor allem sein Glaube sorgten dafür, dass Joachim Reinelt schon zwei Jahre zuvor entschieden hatte, Theologe zu werden. „Meine Mutter sagte zu mir: Du bist dafür viel zu frech!“ Nein, Pubertät sei keine Erscheinung der Wohlstandsgeneration. Konflikte dieser Art habe es damals schon gegeben, ist Reinelt sich sicher. Die Sache hieß nur anders. Flegeljahre kennt er jedenfalls auch. Und dass er so zielsicher wusste, wohin er im Berufsleben will, erklärt er sich mit der mangelnden Wahlmöglichkeit. „Da haben es junge Leute heute viel schwerer.“

Sicher aber ist, dass das religiöse Leben in seiner Familie den Weg prägte, den er zielsicher ging. „Zwar hatte meine Mutter gehofft, dass ich nach der Volksschule einen Beruf lerne und Geld verdiene, doch sie unterstützte mich.“ So ging Joachim Reinelt nach Erfurt und wurde einer von 300 Priesterkandidaten mit kleinem Stipendium und großer Freude an einem Leben in ungewohnter Freiheit. „Das waren dort alles keine langweiligen Typen“, erinnert er sich. Das Singen und Musizieren habe eine wichtige Rolle gespielt, und Gitarre spielen zu können, gehörte einfach dazu. Dass bald die Trompete und das Saxofon hinzukamen, sind Anekdoten, die er gern erzählt: Während eines Urlaubs in Berlin hörte er eine Blaskapelle spielen und fragte später, ob er sich an der Trompete versuchen dürfe. „Es kam sogar ein Ton heraus und ich war begeistert. Das wollte ich auch!“ Doch 150 Mark für ein solches Instrument waren für den Studenten viel zu teuer. Da half ein Tipp: „Radle rüber in den Westen, stell dich dort bei der SPD vor, die unterstützt Jugendliche aus dem Osten mit 30 Mark für Aktivitäten.“ Es gab noch keine Mauer und die Grenze war offen.

Die 30 West-Mark tauschte Reinelt zuhause um und bekam 150 Ost-Mark für eine Trompete. Später als Kaplan schenkt ihm eine Frau das Saxofon ihres gefallenen Sohnes. Auch das blieb für Joachim Reinelt ein besonderes Erlebnis. Der Musik fühlt er sich bis heute verbunden, die Blaskapelle, die er einst gründete, spielt noch immer und für Oper und klassisches Konzert begeistert er sich genau so wie für Jazz. Jüngst nutzte er einen dienstlichen Aufenthalt in Wien für den Besuch eines Musicals mit Liedern von Rainhard Fendrich.

Auch während seiner 30 Jahre als Bischof und trotz langer Arbeitstage von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr abends gönnte er sich regelmäßige Konzertbesuche. „Wenn man immer nur geben muss, geht man kaputt“, sagt Joachim Reinelt und grenzt sich selbst von seiner Nächstenliebe nicht aus. Mit der Berufung zum Bischof des Ordinariats Bistum Dresden-Meißen war er Chef von 60 Mitarbeitern geworden, begleitete kurz darauf die friedliche Revolution und nennt sie heute ein großes Glück. An Wallfahrten voller Aufbruchsgeist denkt er gern zurück und an Firmungen der sogenannten Jugend von heute, auf die er große Stücke hält. Dass unter seiner Ägide Kirchen und Schulen, Krankenhäuser und Pflegeheime gebaut wurden, macht ihn stolz.

Joachim Reinelt bleibt auch im Ruhestand neugierig, offen, meinungsstark, gefragt – und aktiv. Es wird Zeit für den Frühling und eine Radtour an der Elbe, findet er.

Heilige Messe zum 30-jährigen Weihejubiläum mit Altbischof Joachim Reinelt: Sonntag, 10.30 Uhr, Kathedrale