merken

Zukunftsvisionen-Festival zieht in den Güterbahnhof

Das Festival kooperiert im Mai mit einer zweiten Ausstellung, die aus Berlin und London nach Görlitz kommt. Beide zusammen nutzen drei Hallen.

© Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Von Ingo Kramer

Görlitz. Die Anwohner in der Bahnhofstraße dürften sich in diesen Tagen wundern: Studenten zerschlagen im alten Güterbahnhof die Scheiben. Nicht alle, aber die ohnehin Kaputten. Anschließend wollen sie die leeren Rahmen mit Folie verschließen. „Das ist nötig, damit sich beim Zukunftsvisionen-Festival niemand verletzt und damit Wind und Regen nicht reinkommen“, sagt Kultur- und Management-Studentin Marielene Groß. Die 22-Jährige gehört zum elfköpfigen Team, das in diesem Jahr das mittlerweile zwölfte ZuVi-Festival organisiert. Einmal im Jahr bespielen Studenten ein leeres Gebäude mit einer Ausstellung und einem umfangreichen Rahmenprogramm, machen so auf das Thema Leerstand aufmerksam und bringen eine neue kulturelle Facette in die Stadt.

Augusto
Leben und Genuss
Leben und Genuss

Für Genießer genau das Richtige! Leckere Ideen, Lebensart, Tradition und Trends gibt es in der Themenwelt Augusto.

Kultur- und Management-Studentin Marielene Groß kehrt in einer der Hallen im Güterbahnhof den Dreck weg. Hier findet vom 5. bis 12. Mai das Zukunftsvisionen-Festival statt.
Kultur- und Management-Studentin Marielene Groß kehrt in einer der Hallen im Güterbahnhof den Dreck weg. Hier findet vom 5. bis 12. Mai das Zukunftsvisionen-Festival statt. © Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Dass die Wahl diesmal auf den alten Güterbahnhof fiel, liegt vor allem daran, dass die Ausstellung „Weltstadt – Erinnerung und Zukunft gebaut im Modell“ nach Görlitz kommt und sich bereits im Januar für den Güterbahnhof entschieden hat. Beides findet im Mai statt. „Das lässt sich gut mit der ZuVi verbinden“, sagt Marielene Groß. „Weltstadt“ und ZuVi wollen insgesamt drei benachbarte Hallen im Güterbahnhof einbeziehen. Ganz rechts präsentieren sich 18 regionale und internationale Kunstschaffende bei der ZuVi-Ausstellung, die diesmal unter dem Thema „Gütesiegel – Ungut“ läuft. Ganz links wird die „Weltstadt“ gezeigt. Die Ausstellung, die erstmals in Berlin und in Teilen in London zu sehen war, zeigt Modellhäuser von geflüchteten Menschen aus Ländern Afrikas sowie des Nahen und Mittleren Ostens. Auf rund 500 Quadratmetern Ausstellungsfläche werden Wohnhäuser, Schulen, Gebets- und Geschäftshäuser als begehbare Stadtlandschaft, als „Weltstadt“, präsentiert. Das Ganze ist ein Projekt der „S27 – Kunst und Bildung“ aus Berlin in Zusammenarbeit mit dem Görlitzer Kollektiv Kfuenf, dem Raumlabor Berlin und der Hochschule der populären Künste Berlin. Finanziert wird es von der Kulturstiftung des Bundes, der Eintritt zur „Weltstadt“ ist deshalb frei.

Die mittlere Halle schließlich beherbergt den gemeinsamen Eingang für beides, dazu die Bar und das umfangreiche Rahmenprogramm. Die ZuVi, die vom 5. bis 12. Mai stattfindet, plant unter anderem eine Vernissage mit Jazzkonzert, einen Künstlerbrunch, Flohmarkt, Kurzfilmabend sowie diverse Workshops und Partys. Die „Weltstadt“ findet vom 10. Mai bis 3. Juni statt – unter anderem mit Vernissage, Konzert und Stadtplanerspiel. Schon im Vorfeld wird es, vom 16. bis 27. April, eine zweiwöchige Bauhütte mit Flüchtlingen und Einheimischen in Form eines Praktikums geben. Sie wird angeleitet vom hiesigen Künstler Bernhard Kremser. Ziel ist es, ein „Görlitzer Viertel“ im Maßstab eins zu zehn für die Ausstellung herzustellen.

Marielene Groß ist selbst erstaunt, welche Dimension das Projekt inzwischen angenommen hat. Sie stammt aus der Nähe von Köln und ist 2016 für ein Freiwilliges Jahr in der Denkmalpflege nach Görlitz gekommen. Weil es ihr hier so gut gefiel, bewarb sie sich anschließend für ein Kultur- und Management-Studium. Nun ist sie im zweiten Semester. Die ZuVi hat sie voriges Jahr erstmals als Besucherin erlebt. Schnell stand für sie fest, dass sie diesmal selbst mitmachen will. „Es ist viel professioneller, als ich dachte“, sagt sie: „Es gibt wöchentliche Treffen und feste Zeitpläne, was wann fertig sein soll.“ Mit so viel Arbeit und Ernsthaftigkeit hatte sie anfangs nicht gerechnet. Aber es macht ihr Spaß, vor allem jetzt, da die Studenten seit voriger Woche die Schlüssel zum Güterbahnhof haben und es in die heiße Phase geht. Baulich ist noch viel zu tun. Was fehlt, sind Mitstreiter, die Techniker, Handwerker oder Informatiker sind. „Wenn uns da einer unterstützen könnte, wäre das super“, sagt sie.

Weil das Hallendach an einer Stelle undicht ist, liegt dort ein Schutthaufen. Der muss beseitigt, das Dach repariert werden. Außerdem soll der Güterbahnhof noch einen barrierefreien Zugang mit einer Rampe erhalten. „Auch die Öffnung der großen Rolltore müssen wir noch klären“, sagt Marielene Groß. Schließlich steht die Reinigung der Hallen an, anschließend wollen die Studenten Wände für die Exponate der Ausstellung aufbauen.

Parallel startet in diesen Tagen im Internet eine Crowdfunding-Aktion. „Wir wollen dabei 4 111 Euro sammeln“, sagt Lisa Schäfer. Die 25-Jährige ist zum zweiten Mal bei der ZuVi dabei und kümmert sich diesmal um die Finanzierung. Das Gesamtbudget der ZuVi liegt diesmal bei 42 000 Euro, sagt sie. Die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und der Kulturraum schießen jeweils mehr als 10 000 Euro zu, der Rest kommt von anderen Förderern, aus Eintrittsgeldern – und der Crowdfunding-Aktion, die es auch schon in den Vorjahren gab. Jeder, der dabei Geld für die ZuVi spendet, kann sich entsprechend der Höhe des Betrages ein Geschenk auswählen, zum Beispiel ein Wochenticket für die ZuVi oder ein Kunstwerk aus der Ausstellung.

www.startnext.com/zukunftsvisionen-2018