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Zum Deutschlernen in die Seifenvilla

In der Euro-Schule von Angelika Babisch residierte einst der Chef der Seifenfabrik. Jetzt lernen dort Asylbewerber.

© Sebastian Schultz

Von Christoph Scharf

Riesa. Schmuck sieht er aus, der Bau am Ende der Paul-Greifzu-Straße, wo das benachbarte Gewerbegebiet endet und das Grün der Parkanlagen beginnt. Giebel, Balkons, Gauben zeigen: Das ist kein gewöhnliches Bürogebäude. „Hier hat mal der Chef der Seifenfabrik gelebt“, sagt Martin Bahrmann von den Euroschulen. Heute ist dort Angelika Babisch die Chefin – als Standortleiterin der Euroschulen.

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Die 55-Jährige hat zu dem Areal eine besondere Beziehung: Im Riesaer Seifenwerk hat die gelernte Facharbeiterin für chemische Produktion ihren Meister gemacht – und dann dort zu DDR-Zeiten in der Verwaltung gearbeitet. Und während nebenan noch immer Kernseife hergestellt wird, organisiert Angelika Babisch heute in der einstigen Chef-Villa etwa die Ausbildung von Altenpflegern – oder die Deutschkurse für Migranten.

Vor allem Syrer, Eritreer, Afghanen gehören mittlerweile zu den Schülern an der Paul-Greifzu-Straße. Mehr als 50 Teilnehmer büffeln in einem von mehreren Integrationskursen. Da gibt es Angebote für junge Erwachsene – und auch für solche, die zuvor Schlimmes erlebt haben. „In einem Deutschkurs hilft ein Sozialpädagoge, traumatisierende Erlebnisse zu verarbeiten“, sagt die Standortleiterin.

Da gäbe es einiges – etwas Kriegstraumata, Vorfälle auf der Flucht, der allgemeine Kulturschock. „Die Leute müssen sich komplett neu eingewöhnen. Das fällt jüngeren Leuten leichter, aber 50-Jährigen schon schwerer“, sagt die Riesaerin. Die Kurse laufen ab früh um 8 Uhr in zwei Schichten, weil sonst die Räume nicht reichen würden. Fünf Unterrichtsstunden pro Tag sind zu absolvieren. „Für einen Achtstundentag würde die Konzentration der Leute auch nicht ausreichen“, sagt Angelika Babisch. Und außerdem müssten die Migranten ja auch noch Zeit für Behördentermine übrig haben.

Die Lehrkräfte sind vor allem weiblich. Ist das ein Problem? „Kaum“, sagt Angelika Babisch. „Wer hier her kommt, akzeptiert, dass auch Frauen Autoritätspersonen sein können.“ Schon eher problematisch sei es beim Thema Pünktlichkeit. Aber das steht ohnehin auf dem Lehrplan, sagt Martin Bahrmann, Leiter Firmenservice bei den Euroschulen. „In den Kursen geht es nicht nur um das Deutschlernen, sondern auch um die Kultur und die Regeln hier.“

Also sollen die Migranten auch lernen, warum Deutschland in Bundesländer geteilt ist, welche Rolle Pünktlichkeit und Ordnung spielen, wie das Verhältnis zwischen den Geschlechtern und den Religionen geregelt ist. Das klappt mittlerweile besser, sagt die Standortleiterin. „Anfangs waren von 15 Kursteilnehmern schnell nur noch zwölf, dann acht da.“ Viele seien von Riesa aus weiter gezogen zur Verwandtschaft, wohl nach Westdeutschland. Mittlerweile sei kaum noch Fluktuation.

„Viele Leute haben jetzt eine Wohnung und leben nicht mehr in Gemeinschaftsunterkünften.“ Da sei Struktur im Alltag – und man könne hoffen, dass sie ihren sechsmonatigen Kurs auch bis zu Ende belegen. – Die bloße Teilnahme reicht dabei nicht aus: Ein Zertifikat erhält nur, wer auch die Prüfung besteht. Dazu gehört ein Teil Reden (etwa sich vorzustellen), ein Teil Hören (einen vorgelesenen Kreuzeltest beantworten), ein Teil Lesen (etwa Fragen zu Zeitungsausschnitten beantworten), ein Teil Schreiben (meist einen Brief). Und dann gehört auch noch der sogenannte Orientierungskurs dazu, der Fragen zum politischen System in Deutschland, zur Geografie, Kultur und Geschichte stellt.

Die Nachfrage nach diesen Kursen ist bei den Riesaer Euroschulen sehr hoch. „Es gibt Wartelisten, die Räume und das Personal sind ausgebucht“, sagt Angelika Babisch. Pro Jahr durchlaufen etwa 80 Asylbewerber allein die Schule an der Paul-Greifzu-Straße: Das Thema Migration ist auch ein Wirtschaftsfaktor. Aktuell leben laut Landratsamt gut 6 900 Ausländer, abgelehnte und geduldete Asylbewerber im Landkreis. 65 Ausländer sind zuletzt im Rahmen des Familiennachzugs eingereist, drei wurden wegen Straftaten abgeschoben, 25 sind freiwillig ausgereist.

Würde man selbst den Einbürgerungstest bestehen? Die Fragen kann man hier ausprobieren: www.oet.bamf.de