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Zurück zum Gleis

Wieso wollen junge Leute die Eisenbahnstrecke zwischen Oderwitz und Niedercunnersdorf retten? Eine Spurensuche.

© Matthias Weber

Von Anja Beutler

Oderwitz/Niedercunnersdorf. Björn Ladisch, Marko Jakob und Philipp Beckel sitzen inmitten der überwucherten Gleise hinter dem Oberoderwitzer Bahnhof. Birken wachsen aus dem Schotter und zwischen Schienen – Gräser und Löwenzahn sowieso. Diese Gleise führen von Oberoderwitz über Herrnhut bis Niedercunnersdorf. Gefahren ist auf den rund 15 Kilometern allerdings seit 1998 kein Zug mehr. Ginge es nach den drei Herren, von denen noch keiner 30 Jahre alt ist, soll sich das aber wieder ändern. Die Männer sind Mitglieder der Bürgerinitiative Pro Herrnhuter Bahn, zu der knapp zehn Mitstreiter gehören. „Wir sind alle zwischen 20 und 30 Jahren alt“, sagt Björn Ladisch.

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Die Diskussion um den anstehenden Verkauf der Strecke durch die Deutsche Bahn und die Pläne, einen Radweg auf die Trasse zu bauen, hat sie munter gemacht: „Es geht nur um den Radweg, die Eisenbahn fehlt völlig in den Überlegungen“, kritisiert Ladisch. Deshalb ist die Bürgerinitiative nun angetreten, genau diese Möglichkeit wieder in den Fokus zu rücken. „Wir sind nicht generell gegen einen Radweg, aber wir sehen in der Wiederbelebung der Bahnverbindung eine Zukunfts-Chance, das sollte man nicht so schnell aufgeben“, findet Ladisch.

Solche Sätze sind nicht neu – was aber steckt dahinter? Ist es mehr als Eisenbahn-Romantik? Zufall jedenfalls ist es nicht, dass die drei Männer, die zum SZ-Gespräch gekommen sind, alle mit der Bahn beruflich zu tun haben: Der Oderwitzer Björn Ladisch ist Lokführer, Marko Jakob arbeitet beim Zugbauer Bombardier in Görlitz und Philipp Beckel studiert in Zittau Maschinenbau und absolviert beim Schmalspurbahn-Betreiber SOEG derzeit sein Praxissemester. Sie alle sind noch – wenn auch im Kindes- oder Jugendalter auf der Strecke Zug gefahren. Und so spielen auch Tradition und Heimatgefühl eine Rolle.

Das aber sei bei weitem nicht der Kern, beteuern sie: Der Zug sei ökologisch und auch ökonomisch eine gute Alternative. Dass es mit der Bahn gut funktionieren könne, sehe man im Nachbarland Tschechien oder auch an Beispielen einst stillgelegter und nun wiedereröffneter Strecken wie der Verbindung zwischen Selb im Fichtelgebirge und dem heute tschechischen As, argumentiert Marko Jakob. „Warum kann ein Bahnanschluss, um den früher die Orte gekämpft haben, nicht auch ein wirtschaftlicher Vorteil sein“, fragt Björn Ladisch und denkt dabei auch an Rothenburg, wo sich jetzt ein chinesischer Autobauer ansiedeln will und Gleise eine neue Rolle spielen könnten.

Ob es in den drei Gemeinden Herrnhut, Oderwitz und Kottmar Unternehmer gibt, die ihre Waren über die Schiene transportieren wollen, ist freilich keine neue Frage. Schon die Deutsche Regionaleisenbahn GmbH, die diese Strecke seit 1998 von der Bahn gepachtet hatte, war auf der Suche nach solchen Firmen. „Nur ein Schrott-Unternehmer aus Obercunnersdorf hatte Interesse, aber es ist nie etwas daraus geworden“, bilanziert Gerhard Curth, der Regionaleisenbahn-Geschäftsführer. Er glaubt nicht mehr daran, dass diese Strecke wirtschaftlich zu betreiben sei: „Wenn wir die Strecke aufgeben, dann können Sie davon ausgehen, dass die niemand betreiben will und kann“, konstatiert er.

Das will die Bahn-Bürgerinitiative so nicht hinnehmen. Über ihr Interesse zur Eisenbahn und auch dem Engagement bei den Ostdeutschen Eisenbahnfreunden wissen sie recht genau, was derzeit noch über hiesige Gleise rollt und auch auf der ziemlich verwilderten Strecke wieder fahren könnte: Diesel für die Tankstelle in Zittau zum Beispiel, Kohle für die Dampfloks der Schmalspurbahn, die Lieferungen für den Brennstoffhandel Niedercunnersdorf oder die Baywa – zählen sie auf. Dabei ist ihnen klar, dass die Herrnhuter Strecke nur überlebensfähig ist, wenn sowohl Güter- als auch Personenverkehr vielleicht sogar mit touristischen Angeboten über die Gleise rollt. „Wie wäre es mit Sternelzügen zur Herrnhuter Sterne GmbH oder mit Sonderfahrten zum Beispiel zum Mühlentag“, regt Björn Ladisch an. Aber all dies müsse Schritt für Schritt kommen – jetzt schon über Schülerverkehr zwischen den Orten nachzudenken, sei sicher zu früh, betont Ladisch. Aber, wenn man die ganze Strecke wieder in das Netz zwischen Löbau und Zittau einbinden würde, gäbe es viele Möglichkeiten – auch mit Blick auf die Schulen.

Aktuell müssen die Mitglieder von Pro Herrnhuter Bahn aber noch vieles ankurbeln: Nach Besuchen in Stadt- und Gemeinderäten wollen sie sich auch an den Kreis, den Freistaat, vielleicht auch den Bund wenden. „Die Politik muss hier einfach umdenken,“, sagt Ladisch. Die Eisenbahn sei gar nicht mehr im Fokus. Dass der entscheidende Knackpunkt die Kosten sind, darin stimmen sie mit den Radweg-Befürwortern überein. „Die Strecke ist in keinem so schlechten Zustand“, konstatiert Philipp Beckel. Und Kosten, um sie befahrbar zu machen – ob als Radweg oder als Gleis – fielen ohnehin an. „Aber beim Radweg kann man keine Einnahmen zur Refinanzierung erzielen“, argumentiert Beckel. Bei der Eisenbahntrasse schon. Allerdings gebe es für Gleise keine Fördergelder, für Radwege schon. Demnächst will die Bürgerinitiative die Verkehrsverbände und mögliche Streckenbetreiber ansprechen und Chancen ausloten. Viel Zeit bleibt ihnen für ihre Bahn-Werbung nicht: Vielleicht bis Jahresende, dann steht die Entwidmung der Strecke an“, schätzt Ladisch. Unterstützer und Mitstreiter können sie deshalb gut gebrauchen.

Kontakt über 01724398593 oder per Mail unter: [email protected]