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Zusammenstoß am Berg

Es gibt einen lauten Knall, an einem Audi entsteht ein Schaden von 3 000 Euro. Dennoch will der Fahrer eines Transporters den Unfall nicht bemerkt haben.

© Claudia Hübschmann

Von Jürgen Müller

Klipphausen. Die Straße am Pinkowitzer Beg ist schmal, kurvenreich und bergig. Wenn sich zwei Pkw begegnen, wird es schon mal eng. Zu eng an jenem Maivormittag. Da kommt dem Fahrer eines Transporters ein Audi entgegen. Der 57-jährige Fahrer will ganz nach rechts gefahren sein, um eine Kollision zu hindern. Dennoch gelingt das nicht. Er will angehalten, sich sein Fahrzeug angesehen haben. Dabei stellt er fest, dass sein Außenspiegel beschädigt ist. „Es war ein Baustellenfahrzeug, hatte schon etliche Schäden. Ich war mir nicht sicher, ob der Spiegel durch einen Zusammenstoß beschädigt wurde“, sagt der Mann. Der Audi sei weiter gefahren, er habe eine „angemessene Zeit“ gewartet, aber es sei niemand zurückgekommen, sagt er. Dann sei er weiter in Richtung Röhrdorf gefahren, habe nach links abbiegen wollen, um den „Vorgang“ der Polizei zu melden. Plötzlich habe ein Audi neben ihm gestanden, die Fahrerin wild gestikuliert. „Da dachte ich, es ist wohl doch etwas passiert“, sagt er. Es ist tatsächlich was passiert, An dem Audi Q 7 entstand ein Schaden von rund 3 000 Euro. Dennoch ist der 57-Jährige völlig überrascht, dass ihn die Audifahrerin angezeigt hat wegen Unfallflucht. Er erhält einen Strafbefehl, soll eine Geldstrafe von 1 960 Euro zahlen und für drei Monate auf seinen Führerschein verzichten. Doch das sieht er nicht ein. Er nimmt sich einen Anwalt, zieht vor Gericht. Und gibt dort den ahnungslosen Unschuldsengel.

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Von Actionfilm bis Comic

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Doch so wie er es erzählt, kann es nicht gewesen sein. Die 55-jährige Audifahrerin jedenfalls erzählt eine ganz andere Geschichte. Sie wohnt seit zehn Jahren in Pinkowitz, fährt die Strecke täglich, kennt sich bestens aus und weiß um die Gefahren. „Ich kam aus einer nicht einsehbaren Kurve. Der Transporter raste auf mich zu, es gab einen ohrenbetäubenden Knall“, sagt sie. Sie nimmt die Hände vors Gesicht, um sich zu schützen. Als sie wieder aufblickt, sieht sie ihm Rückspiegel das Heck des weißen Transporters verschwinden. „Ich war konsterniert, wollte gerade aussteigen, aber er war schon weg“, sagt sie. Bei der nächsten Gelegenheit wendet sie ihr Fahrzeug, fährt dem Transporter hinterher. An der Kreuzung nach Röhrsdorf holt sie ihn ein, rund 1 500 Meter von der Unfallstelle entfernt. Dessen Fahrer weiß genau Bescheid. „Das ist keine Unfallflucht, ich habe ja hier auf sie gewartet“, behauptet er frech. Der Schaden sei inzwischen vollständig von der Versicherung reguliert, allerdings nur zur Hälfte von der gegnerischen Versicherung. Die andere Hälfte musste die Versicherung der Audi-Fahrerin tragen. Das ist nicht unüblich bei Unfällen im Begegnungsverkehr.

Der Verteidiger will dennoch einen Freispruch erreichen. Doch für Richterin Ute Wehner steht nach den glaubwürdigen Schilderungen der Zeugin fest, dass es sich um eine Unfallflucht gehandelt hat. Auf Vorschlag des Staatsanwaltes bietet sie aber an, das Verfahren gegen eine Geldauflage von 1 500 Euro einzustellen. Das ist dem Verteidiger zu viel. Er feilscht und hat Erfolg. So muss sein Mandant nur 1 000 Euro zahlen. Macht er das nicht, wird das Verfahren neu aufgerollt und er dann verurteilt. Vom Tisch ist auch das dreimonatige Fahrverbot. Da wäre aber wohl auch im Falle einer Verurteilung nicht mehr verhängt worden, denn die Tat ist mittlerweile schon fast zwei Jahre her.