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Zuwachs auf der Landeskrone

Der Blick vom Görlitzer Hausberg auf die Stadt bleibt an manchen Stellen verwehrt. Das liegt am Naturschutz. Touristen finden das schlecht.

© Sammlung Ralph Schermann

Von Ralph Schermann

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In dieser Klinik gehört die Angst vorm Krankenhausaufenthalt der Vergangenheit an. Besonders bei den Allerkleinsten.

Da und dort regiert der Umsturz. Was da stürzt, sind Bäume. Görlitzer lasen mit Erstaunen, das auf der Otto-Müller-Straße die Kettensäge rattert, weil das Blattwerk des Ahorns sonst Lastwagen ausbremst. Mancherorts ist rechtzeitig vor Ende des zeitlich möglichen Axtschlags ein Gewächs zum kranken Stammhalter geworden. Und auch auf größeren Flächen wird ausgedünnt. Am Fuß der Landeskrone trifft das mehrere Bäume, also einen Wald.

... als die Kuppe vor Naturschutz-Zeiten noch ohne Bewaldung auskam: Franz Weingärtner hielt 1865 die zwei Jahre zuvor eröffnete Berggaststätte auf einer eindrucksvollen Lithographie fest.
... als die Kuppe vor Naturschutz-Zeiten noch ohne Bewaldung auskam: Franz Weingärtner hielt 1865 die zwei Jahre zuvor eröffnete Berggaststätte auf einer eindrucksvollen Lithographie fest. © Repros: Sammlung Ralph Schermann
Selbst zu DDR-Zeiten war in der Veranda der damaligen HO-Einrichtung zumindest eines nicht knapp – gute Sicht ins Tal.
Selbst zu DDR-Zeiten war in der Veranda der damaligen HO-Einrichtung zumindest eines nicht knapp – gute Sicht ins Tal. © Repros: Sammlung Ralph Schermann

Einige Görlitzer lasen all das nicht nur erstaunt, sondern fragen an, warum dann nicht auch dort zur Säge gegriffen wird, wo es dem Tourismus zur Ehre gereicht, nämlich auf dem Hausberg. Wer aus dem Glashaus schaut, sollte durchaus mit Blicken werfen und die im Tal liegende Stadt Görlitz bewundern. Schließlich heißt der entsprechende Gastraum ja Panoramaterrasse. „1994 wurde hier zuletzt umfassend zurückgeschnitten, längst ist alles wieder überwuchert“, bedauert Rosita Vogt, die Betreiberin des Burghotels auf der Krone: „Immer wieder beschimpfen uns Gäste, wir würden das so verlottern lassen, doch wir sind da die falsche Adresse.“ Auch Christian Daume, der Pächter auf der Bergkuppe, erinnert: „Seit 1998 schreiben wir regelmäßig an alle bisher wechselnden Oberbürgermeister, aber die scheint das alle gar nicht wirklich zu interessieren.“

Ist das so? Zumindest ein Teil des Bewuchses wurde in den vergangenen Wochen auf dem Hausberg abgetragen. Wer in der Aussichtsterrasse an den Fenstern Platz nimmt, hat zum Mittagessen oder lecker hausgebackenen Kuchen tatsächlich wieder etwas Sicht – über die Landeskronsiedlung in Richtung Rauschwalde. Alles andere bleibt weiter hinter Gehölz verborgen, um sich im Sommer dann hinter grünem Blattwerk noch weiter zu verstecken. Offensichtlich wurde das begonnene Auslichten, von wem auch immer, unterbrochen, als eine schützende Behörde wohl zu zeitig und zu aufmerksam wurde. Bestätigt wird dieser Eindruck freilich offiziell nicht.

Die Richtlinien bleiben streng

Dagegen wird höchst offiziell erklärt, dass das Abholzen am Landskronfuß etwas anderes ist: „Wenn Flächen waldwirtschaftlich bearbeitet werden, ist das mit der Unteren Naturschutzbehörde abgestimmt und genehmigt“, sagt Torsten Tschage, der Leiter des Bau- und Liegenschaftsamtes im Görlitzer Rathaus. Das Problem: „Die Herstellung von Sichtbeziehungen gehört nicht zu originären Leistungen der Waldbewirtschaftung.“ Der Stadtverwaltung ist dennoch klar, dass „im Hinblick auf die touristische Bedeutung der Landeskrone und ihren Stellenwert für die Naherholung die Relevanz von Sichtbeziehungen ins Umland eindeutig ist. Momentan befindet sich die Stadt Görlitz dazu mit der Unteren Naturschutzbehörde beim Landkreis Görlitz in Abstimmung“, macht er sowohl Frau Vogt als auch den blicksuchenden Görlitzern und Touristen Hoffnung. Allein indes hat die Stadt kein Recht auf den so erwarteten Umsturz: „Schnittmaßnahmen im Naturschutzgebiet müssen mit der Unteren Naturschutzbehörde abgestimmt werden.“ Anders gesagt: Die ist der Chef.

Das wiederum ist Teil eines Blattwerks, das nicht auf Bäumen wächst, sondern in dicken Aktenordnern ruht. Vorschriften gibt es mehr, als sich Wirtin und Gast denken können. „Das Beschäftigen mit der Landeskrone ist erheblich komplexer“, betont Torsten Tschage, denn „dieser Berg ist nicht nur Wald und Naherholungsgebiet“.

Wovon redet der Mann? Die wichtigsten Eckdaten zur Landeskrone kennt man noch aus der Grundschule: 419 Meter Gipfelhöhe, 65 Hektar Gesamtfläche, eine Höhe von rund 280 Meter über Normalnull am unteren Ende der Lindenallee-Treppe. Dann aber wird es fachlicher: Die Fläche der Landeskrone liegt überwiegend im Eigentum der Stadt, während zwei kleine Waldpartien sich in Privathand befinden. Das Areal der Trinkwasserhochbehälter am Pfaffendorfer Weg gehört den Stadtwerken ebenso wie das Wasserhaus nördlich der Treppe und seitlich der einstigen Rodelbahn. Die Gipfelparzelle liegt in der Verantwortung von Erbbauberechtigten und zwar mit einer Laufzeit noch über 60 Jahre.

All das unterliegt als Naturschutzgebiet besonderen Rechten und vor allem Pflichten. Auch Pflegearbeiten fallen unter die Schutzgebietsverordnung. Als NSG ausgewiesen sind neben dem Wald auch landwirtschaftliche Flächen im Nordwesten der Krone und südlich der Skiwiese. Deckungsgleich mit dem Naturschutzgebiet ist übrigens auch das später gesondert festgelegte FFH-Schutzgebiet. Diese Richtlinie kennzeichnet sogenannte Flora-Fauna-Habitate.

Damit nicht genug: Als Denkmalschutzgebiet namens Landeskrone sind die gesamte Waldfläche sowie zusätzlich ein Privatgarten am Pfaffendorfer Weg amtlich eingetragen. Neben dem flächigen Schutz als Gartendenkmal stehen bauliche Einzelobjekte gesondert unter Denkmalschutz, die bekanntesten davon sind sicher die Berggaststätte mit den beiden Türmen, die Bismarcksäule oder auch das Theodor-Körner-Denkmal. Die Waldbewirtschaftung der Landeskrone erfolgt als Kommunalwald sowie auf zwei kleinen Teilflächen als Privatwald. Die Wegeunterhaltung und Grabenpflege wurden bis Mitte der 2000-er Jahre meist durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ausgeführt. Nach dem Wegbrechen dieser Möglichkeiten kann die Stadtverwaltung solche Leistungen aus Geld- und Personalmangel nur sporadisch durchführen. Torsten Tschage bedauert das, weil „die Landeskrone eine gestaltete Waldparkanlage und kein Nutzwald ist“. Drei Zahlen verdeutlichen, was zu so einer Pflege gehört: Im Gebiet des Hausberges befinden sich über 40 Sitzbänke, zehn Abfallbehälter, vier Streugutkästen.

Die Fahrstraße bleibt eng

Letztere dienen der Befahrbarkeit der Straße im Winter. Selbst ist der Mann, gilt dann für Lieferfahrzeuge wie Hotelgäste. „Das ist ein unhaltbarer Zustand“, kritisiert Rosita Vogt, zumal es am Fuß des Berges nicht mal einen vernünftigen Parkplatz gibt. „Rotstein oder Löbauer Berg machen vor, wie das aussehen könnte“, vergleicht sie.

Der Ausbau der Fahrstraße ist 2018 tatsächlich vorgesehen, falls die laufende Ausschreibung Erfolg hat. Parallel dazu wollen die Stadtwerke ihre Stromleitung erneuern. Auch dazu sind noch Abstimmungen mit dem Naturschutz nötig. „Wir rechnen mit dem Bau Ende des dritten Quartals“, überlegt Torsten Tschage. Eins aber weiß er nach der Naturschutzgebietsverordnung schon jetzt ganz genau: Die Straße bleibt so schmal, wie sie ist. Es werden auch keine Ausweichstellen gebaut. Von Umsturz ist die Krone also wirklich weit entfernt.