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Zwei gute Freunde

© dpa

Befreundet, korrupt – oder beides? Auch Christian Wulffs Ex-Sprecher Olaf Glaeseker steht jetzt vor Gericht.

Von Marco Hadem, Hannover

Wie weit darf Freundschaft gehen? Bei Ministerpräsidenten? Bei hochrangigen Staatsbeamten? Dieser Frage geht das Landgericht Hannover nicht nur im Prozess gegen Ex-Bundespräsident Wulff nach. Jetzt sitzt auch dessen Ex-Sprecher Olaf Glaeseker auf der Anklagebank.

Gestern war weltweiter Anti-Korruptions-Tag. Nahezu passend steht im Landgericht Hannover nach Ex-Bundespräsident Christian Wulff nun auch dessen einstiger Vertrauter Olaf Glaeseker vor Gericht. Der 52-Jährige muss sich ausgerechnet an diesem Tag gegen den Vorwurf der Bestechlichkeit zur Wehr setzen.

Den Saal 127 kennt auch Wulff, seit dem 14. November wird dort regelmäßig gegen ihn verhandelt – das Interesse der Medien an dem Prozess gegen das Ex-Staatsoberhaupt ist allerdings deutlich größer als das am Glaeseker-Verfahren. In beiden Fällen, so unterschiedlich sie im Detail sind, geht es im Kern um die Frage: Wie lassen sich Freundschaft und Geschäft sauber trennen?

Dabei sind die materiellen Streitwerte überschaubar: Bei Wulff geht es um rund 720 Euro für Hotel und Essen in München, die Filmproduzent David Groenewold 2008 für ihn beglich. Glaeseker wird vorgeworfen, dass er sich als niedersächsischer Regierungssprecher von Partymanager Manfred Schmidt zu Gratis-Flügen und Urlauben einladen ließ – Streitwert immerhin knapp 12 000 Euro.

Bei den Vorwürfen wird bereits ein wichtiger Unterschied der laut Staatsanwaltschaft „im Kern identischen“ Fälle sichtbar: Wulff sagt, er habe erst später davon erfahren, dass ein Teil der Kosten von seinem Freund übernommen wurde, er habe das Geld dann zurückgezahlt. Und Glaeseker betont, für Bestechlichkeit gebe es in seiner fast 20-jährigen Freundschaft zu Partymanager Schmidt keinen Raum. „Diese Begriffe stammen aus einer anderen Welt, der Geschäftswelt, in der andere Gesetze gelten, in der allein Marktnormen regieren“, sagt Glaeseker. Auch er habe Schmidt privat immer wieder beschenkt.

Für die Ermittler um Oberstaatsanwalt Clemens Eimterbäumer steht dennoch fest: Glaeseker und Wulff ließen sich durch Vergünstigungen in dienstlichen Entscheidungen beeinflussen. Während Wulff für Groenewold bei Siemens um Unterstützung für dessen Film „John Raabe“ bat, soll Glaeseker sich für Schmidt um Sponsorengelder zur Finanzierung von dessen Nord-Süd-Dialog-Partys in Stuttgart und Hannover ins Zeug gelegt haben – stolze 650.000 Euro seien so zusammengekommen.

Glaeseker sagt im Gericht, sein Engagement habe allein dem Land Niedersachsen und seinem Chef Wulff gegolten – damals Ministerpräsident. „Die Flüge und gemeinsamen Besuche mit meiner Frau bei unserem Freund Manfred Schmidt in Spanien und Frankreich haben und hätten in den zurückliegenden zehn Jahren genauso auch ohne eine einzige Nord-Süd-Veranstaltung stattgefunden, weil zwischen uns ein fast familiäres Verhältnis besteht.“

Im Gegensatz zu Wulff gibt sich Glaeseker in seiner 45 Minuten dauernden Einlassung, in der er immer wieder um Fassung ringt, aber auch selbstkritisch: „Ich habe rückblickend einen Fehler gemacht“, sagt er. Dazu zähle auch, dass er keinen Dienst nach Vorschrift gemacht habe. Zu seiner eigenen Absicherung hätte er „irgendwann schriftlich anzeigen sollen“, mit Manfred Schmidt „seit soundso vielen Jahren eng befreundet“ zu sein. „Ich habe es nur deswegen nicht schriftlich festgehalten, weil ich wusste, dass mein Chef von der Freundschaft und den Urlauben bei meinem Freund wusste.“

Wulff habe immer von Glaesekers Aktivitäten gewusst, berichtet auch Schmidt in seiner schriftlichen Einlassung: „Es ist undenkbar, dass Wulff nichts davon gewusst hat.“ Damit widersprechen beide dessen Zeugenaussage. Im Juni 2012 hatte Wulff der Staatsanwaltschaft erklärt, weder von der langjährigen Freundschaft noch von den Besuchen Glaesekers in Spanien und Frankreich etwas gewusst zu haben.

Die Frage ist nun, ob Wulff in seiner Vernehmung im Februar bei seiner Aussage bleibt – oder ob er Glaeseker entlastet. Denn es gibt erhebliche Zweifel an Wulffs Darstellung: Nicht nur Glaeseker, auch Wulffs Ex-Frau sowie die gemeinsame Tochter sollen mehrfach bei Schmidt zu Gast gewesen sein. Zudem organisierte Schmidt nach der Wahl Wulffs zum Bundespräsidenten 2010 auch dessen Party.

Im Wulff-Prozess scheint unterdessen sogar das baldige Ende mit Freispruch möglich. Am 19. Dezember will das Gericht ein Zwischenfazit ziehen. Damit wächst der Druck auf Glaeseker und auf die Staatsanwaltschaft: Glaeseker will am Ende nicht das Bauernopfer für alle spielen, sollte die Justiz Wulff laufen lassen. Und für die Staatsanwaltschaft wären zwei verlorene Korruptionsverfahren ein Desaster. (dpa)