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Zwei Typen, eine Trophäe

© picture alliance / NurPhoto

Sie stehen manchmal im Schatten der Stars, aber im Finale setzt Kroatien auf Vida und Frankreich auf Kanté.

Von Jens Marx, Cai-Simon Preuten und Thomas Häberlein

Grande Nation oder kleines Kroatien – im Spiel ihres Lebens wollen Frankreich und der Überraschungsfinalist vom Balkan auf ihrer Russland-Reise das größtmögliche Ziel erreichen. Das Problem: Es kann am Sonntagabend im Moskauer Lushniki-Stadion nur einer gewinnen und sich in den Party-Marathon stürzen. „Es ist mir völlig egal, wie: Ich will diesen Stern!“, sagt Frankreichs Antoine Griezmann vor dem Finale. Kroatiens Kapitän Luka Modric kontert: „Ein Finale spielt man, um es zu gewinnen. Wir werden 22 Krieger sein.“

Domagoj Vida präsentiert sich gern als starker Mann. Auf dem Platz kennt der Kroate kein Pardon, doch nach dem Spiel zeigt er seine liebe Seite. Foto: Actionpress/Tass/Stanislav Krasilnikov © action press

Siegertypen haben sie beide. Die SZ stellt zwei vor, die ein wenig im Schatten der Stars in ihren Teams stehen.

Domagoj Vida: Die Seele der Kroaten

Es sind rührende Szenen lange nach dem Schlusspfiff. Die Kinder der kroatischen Spieler toben mit einem Ball über den verlassenen Rasen, sie schießen ihn zweimal ins Tor vor der Tribüne der kroatischen Anhänger. Dort hatte zuvor Mario Mandzukic in der Verlängerung den Siegtreffer zum 2:1 gegen England erzielt. Da eilt Domagoj Vida hinzu, nimmt die Knirpse an die Hand und hebt ihre Arme zum Jubel in die Höhe. Auf der Tribüne brüllen sie vor Begeisterung. Vida verkörpert die gute Seele der Mannschaft. Ein skurriler Kerl mit großem Herzen, auf den man sich verlassen kann.

Der 29-Jährige sieht nicht unbedingt aus wie ein feinfühliger Mensch. Schon sein eigenwilliger blonder Haarzopf, verbunden mit seinem linkisch wirkenden Lächeln, verleiht ihm bisweilen das Aussehen eines Türstehers, der keinen Spaß versteht. Auf dem Platz geht er humorlos bis rustikal zu Werke, er schont weder sich noch Gegenspieler. Bei den Russen hat er es sich verscherzt, weil er zweimal seine Sympathien für die Ukraine kundtat. Deshalb wurde er permanent ausgepfiffen.

Danach äußerte er sich eher einsilbig zu den Vorfällen. „Dieser Sieg ist für Kroatien. Keine Politik.“ Nach dem Sieg im Viertelfinale gegen den Gastgeber, bei dem er einen Treffer zum 2:2 und einen im Elfmeterschießen beigesteuert hatte, war ein Video von Vida aufgetaucht, in dem er „Ruhm der Ukraine“ gerufen hatte, den Slogan der Bewegung, die 2014 den von Russland unterstützten Präsidenten Wiktor Janukowitsch gestürzt hatte.

Nach einer Verwarnung durch die Fifa tauchte ein weiteres Video auf, in dem Vida „Ehre für die Ukraine“ rief und „Belgrad brennt“. Zur Erklärung fügte er allerdings gleich an: „Ich grüße die Kneipe Beograd (Belgrad) in Kiew, da waren wir häufig.“ Anschließend sang er das Lied „Die Kneipe ist mein Schicksal.“ Das trifft durchaus zu, seine Prioritäten sind eindeutig. „Auf eine einsame Insel würde ich meine Freundin, einen Ball und Bier mitnehmen“, hat er mal scherzhaft gesagt. Die Freundin, eine ehemalige „Miss Kroatien“ namens Ivana, ist mittlerweile seine Frau und sie haben einen Sohn. David würde wohl auch nach dem Finale gerne über den Rasen hüpfen.

N’Golo Kanté: Das Herz der Franzosen

Wenn es gilt, die Stärken dieses kleinen, unscheinbaren Abräumers im französischen Mittelfeld zu beschreiben, werden die Mitspieler kreativ. Paul Pogba etwa sagt über seinen Nebenmann, er habe 15 Lungen. Die anderen Kollegen im Team des WM-Finalisten scherzen: N’Golo Kanté habe nach dem Viertelfinale gegen Uruguay den Flug nach Moskau sausen lassen und sei stattdessen lieber zurückgerannt.

Den 27-jährigen Kanté nur auf seine Laufstärke zu reduzieren, wird der zentralen Figur im Team der Equipe Tricolore jedoch nicht im Ansatz gerecht. Arsene Wenger, mit dem FC Arsenal in der Premier League ein ums andere Mal an Kantés FC Chelsea gescheitert, nennt seinen Landsmann „einen der einflussreichsten Mittelfeldspieler, die ich je habe Fußball spielen sehen“. Für Belgiens Eden Hazard, der Kanté bei Chelsea täglich im Training sieht, ist er „auf seiner Position der Beste der Welt“. Das musste Hazard im Halbfinale selbst schmerzhaft erfahren. Er wusste, welche Gefahr auf seine Roten Teufel zukommt, Hazard fürchtete nicht Supersprinter Kylian Mbappé oder Zauberfuß Antoine Griezmann. N’Golo Kanté, dessen Wirken so selten Aufmerksamkeit erregt, war sein Angstgegner. Er sollte Recht behalten. Dass die beste WM-Offensive beim 0:1 nach der Pause harmlos wirkte, war zu großen Teilen dem nur 1,68 m großen, kompakten Kanté zuzuschreiben.

„Wenn er in Form ist, hast du eine 95 prozentige Chance zu gewinnen“, hatte Hazard schon vor dem Duell im Halbfinale gesagt. Was eine schlechte Nachricht für seine Belgier war, dürfte in der Grande Nation großen Anklang finden. Kanté ist vor dem Endspiel gegen Kroatien in der Form seines Lebens. Das Finale ist der Höhepunkt eines rasanten und steilen Aufstiegs, der ganz unten in einem der berüchtigten Banlieues vor Paris begann. Dort wuchs Kanté mit acht Geschwistern auf. Sein Vater, der aus Mali kam, schlug sich als Müllmann durch und starb früh. N’Golo Kanté verfolgte unbeirrt seinen Weg, auch wenn der ihn durch die Niederungen des französischen Fußballs führte. Jetzt kann er ganz oben ankommen. (sid, dpa)