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Zweierlei Maß beim Lärm

In der Reichenbacher Innenstadt leiden Bürger unter Verkehrslärm. Aber ihr Problem passt nicht ins Raster der EU.

© Pawel Sosnowski

Von Anja Gail

Reichenbach. Walter Schneider aus Reichenbach versteht die Welt nicht mehr. Seit Jahren sind seine Familie und Nachbarn am Alten Ring West in Reichenbach starkem Verkehrslärm ausgesetzt. Aber mit dem Problem scheint er überall auf taube Ohren zu stoßen. Und dann hört er im Stadtrat, dass Reichenbach für die B 6 erneut eine Lärmuntersuchung veranlassen musste. Nur, dass es bislang von keinem Anwohner zwischen Oberreichenbach und Kanonenbusch einen Hinweis darauf gegeben hat, dass der Lärm von der Bundesstraße dort auch zu Beeinträchtigungen führt. Bereits die Ergebnisse der vergangenen Kartierung hatten im Rathaus ausgelegen – ohne Rückmeldung, bestätigt Marion Laube aus der Bauverwaltung.

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So eine Lärmerfassung ist für die S 111, die mitten durch Reichenbach am Markt entlang verläuft, nicht vorgesehen. Ausschlaggebend dafür ist ein Verkehrsaufkommen von über drei Millionen Fahrzeugen im Jahr. So ist das von der Europäischen Union festgelegt worden. Die EU will schädliche Auswirkungen und Belästigungen durch Umgebungslärm mindern. Sie hat deshalb diese Untersuchungen veranlasst. Aber das Gesetz geht im ländlichen Raum teilweise an den tatsächlichen Gegebenheiten und Erfordernissen vorbei. Denn es zwingt Gemeinden eine Kartierung und weitere Schritte an Stellen auf, wo es vonseiten der Bürger keine Probleme gibt. Und es vernachlässigt Bürger an Straßen, die nicht in das Untersuchungsraster der EU passen.

Die Anwohner vom Alten Ring West in Reichenbach sind ein Beispiel dafür. Sie müssen in ihrem Wohnumfeld starken Verkehrslärm hinnehmen. Die S 111 ist eine wichtige Hauptstraße und außerdem Zubringer zur B 6 und zur Autobahn. Dabei wäre das Problem an dieser Stelle allein schon durch einen anderen Fahrbahnbelag auf dem 80 Meter langen Straßenstück zu lösen. Ausgerechnet während der B-6-Sanierung vor einem Jahr, als spürbar mehr Verkehr auf der Umleitung durch Reichenbach rollte, war die Beeinträchtigung geringer als sonst. Fast wie eine Wohltat für die Ohren, wie Walter Schneider sagt. Denn während der Bauzeit wurde die Fahrbahn mit Asphalt versehen. Das sollte die Bürger vor Lärm und das Pflaster vor Beschädigungen schützen. Es hat, zumindest den Lärm betreffend, funktioniert. Aber das Pflaster hat dennoch erneut gelitten, sagt Herr Schneider. Dellen, Absätze zwischen Fahrbahnbelägen und Absenkungen der Steine an Schächten sind seinem Eindruck nach seitdem größer geworden. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn die Bitumenschicht auf der Straße geblieben wäre. Doch das war nicht vorgesehen.

So laut ist das

10 Dezibel: Atmen, raschelndes Blatt

30 Dezibel: Ticken Armbanduhr

40 Dezibel: Flüstern, leise Musik

55 Dezibel: Regen, Kühlschrank

65 Dezibel: Nähmaschine, Fernseher in Zimmerlautstärke

70 Dezibel: Staubsauger, Wasserkocher, laufender Wasserhahn

75 Dezibel: Waschmaschine beim Schleudern, Großraumbüro

80 Dezibel: Streitgespräch, Klavierspiel

85 Dezibel: Hauptverkehrsstraße

110 Dezibel: Schlagzeug/Rockkonzert, Motorsäge, Diskomusik

120 Dezibel: Kettensäge, Gewitterdonner

130 Dezibel: Autorennen, Düsenjäger

Quelle: www.hoerex.de

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Realitätsfern und bürokratisch

So holpern Autos, Busse und Laster wieder über die Pflastersteine. Geschirr klirrt in den Schränken. Nachts können Anwohner ihre Fenster zum Schlafen oft gar nicht geöffnet lassen. Der Alte Ring West wurde auf Veranlassung der Stadt Reichenbach vor über 20 Jahren gepflastert, obwohl es ernsthafte Bedenken vonseiten des damaligen Straßenbauamtes in Bautzen gab. Die Bürger wurden damit beschwichtigt, dass die Staatsstraße aus der Innenstadt heraus verlegt werden sollte. Doch diese Pläne sind vom Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv) längst verworfen worden. Auf Anregung von Andreas Feister (CDU) will die Stadtverwaltung bei der Landesbehörde nachhaken, wie den Anwohnern dennoch geholfen werden kann. Es gibt zumindest beim Land ein Programm zur Lärmsanierung. Laut Umweltministerium werden jährlich Mittel in den Landeshaushalt eingestellt, um den Schallschutz an stark belasteten Ortsdurchfahrten zu verbessern.

An der Lärmkartierung für die B 6 kommt Reichenbach dennoch nicht vorbei. Die Forderungen der EU werden dabei von den meisten Stadträten als realitätsfern und Akt der Bürokratie gesehen. Mit dieser Wahrnehmung stehen sie nicht allein da. Auch Markersdorf, Vierkirchen und Schöpstal müssen solche Lärmkartierungen veranlassen, obwohl viele Räte den Kopf darüber schütteln. Aber das ist keine Ermessensfrage. Es spielt auch keine Rolle, ob für die zu untersuchenden Straßen Kreis, Land oder Bund als Baulastträger zuständig sind. Entscheidend ist das jeweilige Gebiet, über das die ausgewählte Hauptverkehrsstraße verläuft.

Auf den Karten und in Tabellen, die erstmals 2012 und aktuell 2017 vorliegen, sind die Lärmbelastungen und die Zahl betroffener Bürger erfasst. Die Lärmpegel werden an den Straßen nicht gemessen, sondern berechnet, um nicht nur Momentwerte wiederzugeben. Die aufwendige Berechnung erfolgt nach mehreren Kriterien. Das lässt sich im Internet auf der Homepage des Sächsischen Ministeriums für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie nachlesen. In Reichenbach sind etwa 1,7 Kilometer Bundesstraße zwischen der Einmündung nach Königshain in Oberreichenbach und der Kanone zu kartieren. Der Gradmesser von über drei Millionen Fahrzeugen im Jahr kommt hier ebenso zur Anwendung wie für die B 6 durch die Ortslagen von Markersdorf und Holtendorf. Im Schöpstal müssen B 6 und B 115, unter anderem im Bereich Fichtenhöhe und Feldhäuser, untersucht werden. In Vierkirchen sind es 7,5 Kilometer Autobahn.

Im Stadtrat von Reichenbach zweifelt niemand daran, dass Verkehrslärm das Wohlbefinden von Anwohnern empfindlich stören und die Gesundheit gefährden kann. Lärm ist nicht nur eine subjektive Wahrnehmung. Es gibt klare Grenzen, bei denen von einer gesundheitlichen Relevanz ausgegangen wird. Zu hohe Belastungen können dazu führen, dass der Blutdruck steigt, das Risiko, einen Herzinfarkt zu bekommen oder an Depressionen zu erkranken, zunimmt, die Konzentrationsfähigkeit sinkt, Stress ausgelöst wird.

Die Untersuchungen haben für Reichenbach und die anderen Gemeinden ergeben, dass nur sehr wenige Anwohner an den genannten Straßen einem Geräuschpegel ausgesetzt sind, der für die Gesundheit negative Folgen nach sich ziehen kann. In Reichenbach sind davon zwei Bürger betroffen. Sie sind nachts einem Lärmpegel von über 55 Dezibel ausgesetzt und ganztägig über 65. Mit einem ganztägigen Lärmpegel von über 55 Dezibel müssen 19 Bürger leben und mit über 50 nachts zwölf. In diesem Pegelbereich wird mit Belästigungen gerechnet.

Draht nach Dresden

Reichenbach will die betroffenen Einwohner an der B 6 ermitteln und anschreiben, die Lärmkarten im Amtsblatt und auf der Homepage veröffentlichen. Anregungen aus der Auslegung sollen ausgewertet und im Juni eine Aktionsplanung im Stadtrat beschlossen werden. Für Walter Schneider und Anwohner am Alten Ring West bleibt unabhängig von der Nachfrage der Stadt auch ein direkter Kontakt zum Lasuv. Dort wird als Ansprechpartner für Straßenverkehrslärm auf Staatsstraßen die Telefonnummer 0351 81390 genannt.