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Zweifel an Neonazi-Überfall auf 17-Jährige

Im „Hakenkreuz-Fall“ von Mittweida bahnt sich eine Wende an: Hat sich das Opfer selbst mit einem Messer verletzt?

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Von Thomas Schade

Udo Göckeritz, Mittweidas Rathaussprecher, will das Neuste im „Hakenkreuz-Fall“ eigentlich nicht kommentieren. Aber dann sagt er: „Vor mir liegt der Ordner mit den E-Mails, in denen Schimpf und Schande über Mittweida ausgegossen wurden. All die Absender müssen sich nun fragen, ob sie unsere Stadt nicht vorschnell verurteilt haben.“

Mit Zurückhaltung reagierte die Stadt gestern auf die jüngste Entwicklung zu einem Neonazi-Übergriff, der sich am 3. November nahe einer Kaufhalle ereignet haben soll. Derzeit sind Zweifel angebracht, ob der Überfall tatsächlich stattgefunden hat, bei dem vier Neonazis einer 17-Jährigen ein Hakenkreuz in die Hüfte geritzt haben sollen. Die junge Frau war nach eigener Aussage einem sechsjährigen Spätaussiedlermädchen zu Hilfe geeilt.

Staatsanwaltschaft und Polizei bestätigten gestern, dass zwei rechtsmedizinische Institute unabhängig von einander „zumindest nicht ausschließen“, dass sich das Mädchen die Verletzungen selbst beigebracht haben könnte. Daher werde nun auch geprüft, ob die Straftat nur vorgetäuscht worden ist. Zunächst hatte die Polizei unter Berufung auf einen Rechtsmediziner mitgeteilt, dass sich die 17-Jährige die Verletzungen nicht selbst habe zufügen können.

Schon zuvor war den Ermittlern vom Staatsschutz die bislang einzige Zeugin des Vorfalls abhanden gekommen. Denn wie sich erst jetzt herausstellt, hat die Polizei entgegen anderen Meldungen das sechsjährige Spätaussiedlerkind bisher nicht gefunden. Polizeisprecher Frank Fischer sagte gestern, das Mädchen, das man ermittelt hatte, habe die Vorgänge an der Kaufhalle anfangs bestätigt, sich aber dann in Widersprüchen verstrickt. Schließlich habe sich herausgestellt, dass es nicht das gesuchte Kind ist.

Beweise dafür, dass der Überfall tatsächlich stattgefunden hat– beispielsweise vom Tatort–, liegen der Polizei derzeit nicht vor, da das Opfer erst neun Tage nach dem angeblichen Geschehen Anzeige erstattet hatte. Der vom Opfer benannte Tatort sei zwar sofort untersucht worden, aber Spuren habe man nach so langer Zeit nicht mehr feststellen können, sagte der Polizeisprecher.

Damm: Problem mit Rechten

Auch Mittweidas Bürgermeister Matthias Damm (CDU) hatte nach einem Treffen mit dem 17-jährigen Opfer keine Zweifel an der Version. Er schickte mehr als 100 Briefe an Anwohner, die das Geschehen beobachtet haben könnten mit der Bitte, sich als Zeuge zu melden.

Ob der Neonazi-Übergriff stattfand oder erfunden wurde, soll auch deshalb geklärt werden, weil möglicherweise der falsche Eindruck entstanden ist, dass es Bürgern der Stadt an Zivilcourage fehlt. Trotz ausgelobter Belohnung von 5000 Euro und der Bitte zweier Staatsminister meldete sich bis gestern kein Zeuge, der den Vorgang beobachtet hat. Sollte der Überfall nicht stattgefunden haben, wäre der Vorwurf mangelnder Zivilcourage zu Unrecht erhoben worden.

Dennoch erklärte Bürgermeister Damm: „Wir haben ein Rechtsextremismus-Problem. Wir sind aber–wie oft dargestellt–keine Nazi-Stadt.“ Auch der Extremismusbeauftragte im Mittweidaer Landratsamt, Manfred Lindemann, warnte: „Dieser Vorgang zeigt wiederholt, dass sachliche Arbeit wichtiger ist als Aktionismus.“