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Zweiter Anlauf für Dresdner Dialog

Dem Bürgerfest am Montag sollen weitere Aktionen folgen. Das unterstützen auch die Bürgermeister.

© Robert Michael

Von Sandro Rahrisch und Kay Haufe

Dresden hat am Montag klargemacht: Nicht nur Pegida bekommt den Neumarkt voll, nicht nur Pegida kann Hymnen singen, und viele Einwohner wollen sich nicht dem asylfeindlichen Bündnis zurechnen lassen, nur weil sie nicht Montag für Montag für Toleranz und gegen Kleinbürgertum auf die Straße gehen. Aber was hat das Bürgerfest auf dem Neumarkt gebracht, und wie geht es nun weiter?

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Sänger Gunther Emmerlich war am Montag beim Bürgerfest auf dem Neumarkt dabei. Es wurde gescheit gesprochen, sagt er.
Sänger Gunther Emmerlich war am Montag beim Bürgerfest auf dem Neumarkt dabei. Es wurde gescheit gesprochen, sagt er. © Sven Ellger

Rund 3 000 Teilnehmer, schätzt die Stadtverwaltung, haben sich bei kaltem Wind an der Frauenkirche versammelt, gemeinsam die deutsche Hymne gesungen, im Chor „Keine Gewalt!“ gerufen und mit Dresdens Bürgermeistern in kleinen Pavillons über die Zukunft der Stadt gesprochen. Weitere 3 200 Menschen sollen es bei der Demonstration auf dem Postplatz gewesen sein. Ihnen gegenüber standen zum Pegida-Jahrestag am Sonntag zwischen 6 500 und 8 000 Anhänger des Bündnisses um Lutz Bachmann. Und zu den Toleranzveranstaltungen im vergangenen Jahr, als unter anderem Herbert Grönemeyer an der Frauenkirche auftrat, kamen über 20 000 Menschen. Ist das Zeichen, das Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) am Montag gegen Hetzer und Pöbler setzen wollte, stark genug gewesen? Kreuzkirchenpfarrer Christian Behr meint, es hätten ruhig auch 70 000 Dresdner sein können. „Es war viel zu wenig, doch für mich ist das Zeichen wichtig“, sagt er. In Dresden gebe es nun einmal eine andere Bürgerkultur. Gegendemonstrationen in Leipziger Größenordnungen, wenn dort Legida auf die Straße geht, seien in Dresden nicht zustandezubekommen. Er halte es auch nicht für gut, nun alle zwei Wochen für Weltoffenheit zu demonstrieren. „Das sollten wir uns nicht aufzwingen lassen, nur weil Pegida diesen Takt vorgibt“, sagt Behr.

Der Pfarrer hatte ein halbes Jahr lang mit dem Oberbürgermeister zu Bürgerdialogen in die Kreuzkirche eingeladen. Pegida-Anhänger standen Asylbefürwortern gegenüber. Die Gräben konnten dabei nicht überwunden werden. Auf den ersten Schritt, das Gespräch, folgte nie ein zweiter. Kann das Bürgerfest also nur der Anfang gewesen sein? Zumindest hatte Hilbert am Montag kein zweites Fest in Aussicht gestellt. „Ich denke, die Veranstaltung steht für sich allein, und wir haben gezeigt, dass wir da sind“, so Behr. Den zweiten Schritt müsste auch jeder Dresdner im Privaten gehen, indem er das Gespräch mit Menschen, die die demokratische Grundordnung infrage stellen, die hetzen und pöbeln, nicht scheut. Behr kündigt auch einen zweiten Anlauf für die Bürgerdialoge an. Derzeit entstehe ein neues Konzept.

Anders sieht es das Bündnis „Dresden nazifrei“. Sprecher Albrecht von der Lieth sagt, Hilbert sei gefordert, den Protest gegen Pegida nicht nur mit symbolischen Aktionen mitzugestalten, sondern konkret auf der Straße.

„Dies war weder der Anfangs- noch der Endpunkt von Veranstaltungen zum Thema“, sagt Hilbert einen Tag nach dem Fest. „Ich bin aber froh, dass viele unserem Aufruf gefolgt sind.“ Eine Reaktion nach den Ereignissen am 2. und 3. Oktober sei wichtig gewesen. „Ich werde mit den verschiedenen Akteuren darüber sprechen, wie wir an diesen Abend anknüpfen können.“ Das Bündnis „Dresden nazifrei“ zählte am Montag mit bis zu 8 000 Menschen deutlich mehr Demo-Teilnehmer auf dem Postplatz als die Studenteninitiative „Durchgezählt“. Auf Zahlen kommt es Gunther Emmerlich nicht an. Der Sänger verweist mit einem Augenzwinkern auf die Einschaltquoten für einen Liederabend mit Tenor Jonas Kaufmann oder dem Musikantenstadel. Daran könne man Qualität nicht messen. „Aber am Montag war es Zeit, jenen Flagge zu zeigen, die sich zwei Jahre lang montags gefeiert haben. Und wenn es um Demokratie und Nächstenliebe geht, dann bin ich dabei“, sagt Emmerlich. So wie am Tag der Deutschen Einheit, als er mit seinem Freund Ludwig Güttler in der Kreuzkirche und der Semperoper war. „Dort wurden wir als Volksverräter beschimpft“, sagt Emmerlich. „Aber ich entscheide selbst, wer mich beleidigen darf.“

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Sport- und Schulbürgermeister Peter Lames (SPD) stand am Montag als Gesprächspartner in einem der Zelte bereit. „Hier war die volle Bandbreite der Meinungen zu spüren. Viele haben das Gefühl wiedergegeben, dass uns viel mehr verbindet, als wahrgenommen wird“, sagt er. Sein Kollege, Finanzbürgermeister Hartmut Vorjohann (CDU), erlebte freundliche Gespräche: „Zwar wurden weniger konkrete Probleme mit der Verwaltung angesprochen, aber es war herauszuhören, dass viele die Themen Flüchtlinge, Pegida und das inzwischen schwierige Image der Stadt bewegen. Deutlich wurde ich ermuntert, solche Veranstaltungen und die darin eingebettete Gesprächsmöglichkeit mit den Bürgermeistern häufiger durchzuführen.“