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Zwischen Baby und Büro

Dresdner Forscher untersuchen so intensiv wie nie zuvor in Deutschland die Folgen von Beruf und Familie. Dabei blicken sie auch mitten ins Gehirn.

© plainpicture/Iris Loonen

Von Jana Mundus

Der Blick auf die Uhr, ein schlechtes Gewissen. Schon wieder so spät. Warum hat die Besprechung vorhin nur so lange gedauert? Warum ist die wichtige E-Mail noch nicht fertig? Eigentlich ist gleich Feierabend ... Dann geht es schnell in den Supermarkt, die Milch ist alle. Danach zur Kita, das Kind abholen. Zu Hause Spüler ausräumen, Staubsaugen, mit dem Nachwuchs spielen, Abendbrot machen. Noch mal kurz an den Schreibtisch. Müde ins Bett fallen. Beruf und Familienleben – diese Mischung kann stressig werden. Lediglich 15. Prozent der Familien in Deutschland trauen sich nach dem ersten Kind wohl auch deshalb nur noch zu, weiterhin Vollzeit zu arbeiten. Viele davon im Osten Deutschlands. In den meisten deutschen Familien arbeiten die Frauen in Teilzeit. Beruf und Familienleben – diese Mischung ist in Deutschland oft problematisch. Eine Dresdner Studie will nun herausfinden, welche Folgen das für die Familien hat.

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750 Teilnehmer haben Susan Garthus-Niegel und ihr Team für ihre Studie schon gefunden. 4000 sollen es am Ende werden. Die können ihre Fragebögen in Papierform oder online beantworten. © Sven Ellger

Die Psychologin Susan Garthus-Niegel hat gesehen, wie es besser funktionieren kann. Acht Jahre lang lebte sie in Norwegen, promovierte dort und lernte in dem skandinavischen Land auch ihren Mann kennen. Zwei Kinder haben sie. Die Vereinbarkeit von Job und Familie – in Norwegen war das einfacher. „Dass Männer und Frauen erwerbstätig sind, ist dort gesellschaftlich akzeptiert“, erzählt sie. Die Arbeitswelt ist darauf eingestellt. Die Bedingungen der Arbeitgeber sind familienfreundlich. Zwischen vier und fünf Uhr am Nachmittag ist für viele schon Feierabend. Das Familienleben ist schließlich wichtig.

Die Frage, wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gelingt, interessiert die Wissenschaftlerin wohl auch deshalb schon länger. Vor zwei Jahren verantwortete sie bereits eine Studie des Dresdner Instituts für Arbeits- und Sozialmedizin, die sich diesem Thema widmete. „Rund ein Viertel der Männer und Frauen sagten dabei, dass sie diese Vereinbarkeit als schwierig empfinden.“ Für einige hat das auch gesundheitliche Folgen, die Belastung macht sie krank.

Unter der Leitung von Susan Garthus-Niegel läuft seit dem vergangenen Sommer eine neue Studie. Dream heißt sie. Der Name steht für „Dresdner Studie zu Elternschaft, Arbeit und mentaler Gesundheit“. Sie erforscht die Rolle von Arbeit und Arbeitsbedingungen für die psychische und körperliche Gesundheit der Familien – und ist einzigartig. Bisher gibt es solch eine groß angelegte Untersuchung für Deutschland noch nicht. Wissenschaftliches Neuland also. Über einen Zeitraum von zwei Jahren sollen dafür 4 000 Teilnehmer regelmäßig befragt werden. Damit sich nicht nur die ostdeutsche Perspektive in den Ergebnissen widerspiegelt, kooperiert die Dresdner Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik des Universitätsklinikums mit der Universität Bremen. Dort werden ebenfalls noch einmal Ergebnisse von 2 000 Teilnehmern gesammelt. Gesucht werden für die Studie Paare, die ein Kind erwarten. Um die zu finden, arbeiten die Wissenschaftler mit Geburtskliniken in Dresden und Umgebung zusammen. Bei den dortigen Informationsabenden für werdende Eltern stellen sie die Studie vor. „Den ersten Fragebogen füllen die Teilnehmer noch vor der Geburt aus“, erklärt die Studienleiterin.

Im ersten Fragebogen geht es um die Partnerschaft, die Schwangerschaft oder eine mögliche Angst vor der Geburt. Die Fragen betreffen aber auch die berufliche Situation und die aktuellen Arbeitsbedingungen – vor allem im Hinblick auf eine Vereinbarkeit von Job und Familie. „Wir fragen, wie die Elternzeit geplant ist, wer zu Hause bleiben wird und welche Rollenverteilung in Erziehung und Familienleben sich die Befragten vorstellen.“ Wichtiger Punkt außerdem: die Gesundheit. Viermal werden die Teilnehmer innerhalb der Studienlaufzeit befragt. Das nächste Mal acht Wochen nach der Geburt, dann am Ende der Elternzeit und zuletzt nach zwei Jahren. Feststellen wollen die Forscher, wie sich das Familienleben in dieser Zeit ändert. Ob es stressiger wird, Arbeit und Familie zu vereinbaren. Und ob es gesundheitliche Folgen durch die neuen Belastungen gibt. Wenn die Teilnehmer zustimmen, werden regelmäßig auch Haarproben genommen. Darin soll das Stresshormon Cortisol gemessen werden. In wenigen Wochen startet außerdem eine begleitende Studie, bei der einige Befragte auch im MRT untersucht werden. Die Frage: Verändert sich das Gehirn durch die neue Familiensituation?

Bisherige Ergebnisse aus den ersten Fragebögen deuten darauf hin, dass während der Schwangerschaft häufig noch keine großen Probleme bestehen, Berufs- und Privatleben miteinander zu vereinbaren. So berichten 65 Prozent der Befragten, mit ihrer beruflichen Tätigkeit ziemlich oder sehr zufrieden zu sein. Darüber hinaus geben 52 Prozent an, dass die Anforderungen ihrer Arbeit ihr Privat- und Familienleben nur in geringem oder sehr geringem Maße stören würden. „Bisher haben etwas häufiger Schwangere Auskunft gegeben, und wir hoffen, dass in Zukunft auch die werdenden Väter vermehrt teilnehmen.“

Finanziert wird die Studie mit einer halben Million Euro durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Man erhofft sich aussagekräftige Ergebnisse für Deutschland. „Wir könnten am Ende sehen, wie Verträge und Arbeitsbedingungen gestaltet werden müssten, damit es Familien gut geht“, sagt Susan Garthus-Niegel. Was braucht es, damit Familien psychisch gesund bleiben? Was sind die krassesten Konflikte für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Auch wenn Deutschland weit entfernt ist von norwegischen Verhältnissen, ist es ein erster Schritt. Der Blick auf die Uhr im Büro – vielleicht in Zukunft bald ohne schlechtes Gewissen.

Wer an der Studie teilnehmen will, meldet sich unter 0351 45818939 (Di bis Fr 9 bis 14 Uhr) oder unter [email protected]

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