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Zwischen DDR-Wahlzetteln und Akten

Das Radebeuler Stadtarchiv lud am Sonnabend Besucher ein. Trotz spannender Bestände hielt sich der Ansturm in Grenzen.

© Arvid Müller

Von Beate Erler

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Radebeul. Eine ältere Dame sitzt am Samstagmittag im Besucherraum des Stadtarchivs auf der Wasastraße in Radebeul. Zum neunten Mal hat der Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e. V. (VdA) zum Tag der Archive eingeladen. Die Veranstalter würden sich über zahlreiche Besucher freuen, steht auf deren Homepage. Offenbar hält sich aber der Ruf vom Archiv, wo nur staubige Akten lagern und stille Menschen in grauen Pullundern arbeiten, hartnäckig. Von großem Ansturm kann gerade keine Rede sein im Radebeuler Stadtarchiv, das zum ersten Mal dabei ist beim Archiv-Tag.

„Nach unserem Umzug 2014 war es schwierig mitzumachen“, sagt Archivleiterin Annette Karnatz. Über 1 500 Kisten hätten damals ausgepackt werden müssen, da sei für eine solche Veranstaltung keine Zeit gewesen.

Zwei Führungen hat sie bisher gemacht. „Die Besucher, die heute vorbeikommen, sind meist Leute, die sonst nicht ins Archiv gehen“, sagt sie, „die wollen sich das einfach mal in Ruhe ansehen.“

Unter dem Motto „Demokratie und Bürgerrechte“ hat sich das Radebeuler Archiv vor allem für die DDR-Zeit als Schwerpunkt entschieden. Im Foyer gibt es eine kleine Ausstellung zu diesem Thema. „Gerade die jungen Leute wissen heute gar nicht mehr, warum es bestimmte Dokumente damals gab“, sagt Anette Karnatz. Die Archivmitarbeiter haben in ihren Beständen gekramt, um besondere Dokumente zeigen zu können: alte Wahlzettel zum Beispiel oder ein Plakat vom damaligen Bürgermeister Volkmar Kunze.

Der hatte kurz nach der Wende an die Radebeuler, die Angst hatten, ihre Wohnungen zu verlieren, geschrieben: „In den letzten Wochen besuchen verstärkt BRD-Bürger unsere Stadt. Oft sind sie mit der Vorstellung da, ehemaligen Familienbesitz an Grund und Boden wiederzuerlangen.“ Im Anschluss erklärte der Bürgermeister, dass die Stadtverwaltung diese Vorgänge aufmerksam verfolgt und sich gegen Grundstücksspekulation stellt. „Er wollte die Bürger beruhigen“, sagt die Archivleiterin, „aber diese Hintergründe müssen die jungen Leute erst einmal wissen.“ Leider sind gerade keine jungen Leute dabei.

Zur Führung geht es hinunter in den Keller. In letzter Zeit gäbe es ein großes Interesse an Familienforschung, sagt Annette Karnatz. Zwei Besucherinnen bestätigen das, sie sind selber in einem Genealogie-Verein. Deshalb sind für viele die Personenstandsunterlagen am interessantesten. „Das ist unsere Goldgrube“, sagt die Archivleiterin. In der Vergangenheit zu stöbern, zu sehen, wer wann wen geheiratet hat, welch persönliche, teils intime Angaben Frauen vor der Hochzeit machen mussten, ist dann eben doch nicht langweilig, sondern ziemlich spannend. Wer darüber Genaueres wissen will, sollte sich die nächste Führung vormerken.