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Zwischen Shorttrack und Studium

Die Hoffnung im Eisoval hat einen Namen: Anna Seidel. Nach der Olympia-Enttäuschung greift die 20-Jährige aus Dresden wieder an.

© Robert Michael

Von Emanuel Reinke

Die Rückkehr aufs Eis hat sie förmlich herbeigesehnt. Ablenkung hat Anna Seidel schließlich genug gehabt. Der Abschluss des Abiturs, Wochen der Ungewissheit über die sportliche Zukunft in der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), gefolgt von einem überaus harten Trainingssommer – nach turbulenten und wechselhaften Monaten stand für Deutschlands beste Shorttrackerin mit dem Auftakt der Weltcup-Saison am vergangenen Wochenende in Calgary endlich wieder der Wettkampf im Vordergrund.

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Anna Seidel läuft beim Weltcupauftakt ins Finale über 1500 Meter und belegt Platz sechs.
Anna Seidel läuft beim Weltcupauftakt ins Finale über 1500 Meter und belegt Platz sechs. © dpa/Sebastian Kahnert

Sie überzeugte in der Stadt der Winterspiele von 1988. Die Dresdnerin erreichte über 1 500 Meter das Finale und belegte dort den sechsten Platz. Über 500 Meter zog die zweifache Olympia-Starterin ins Halbfinale ein. „Ich bin froh und optimistisch, was die folgenden Weltcups angeht“, sagte sie nach dem gelungenen Beginn.

Seidel war erneut die bekannteste Teilnehmerin der bloß dreiköpfigen Auswahl, die die kriselnde DESG entsenden kann – und das im Alter von 20 Jahren. Begleitet wurde sie von Christoph Schubert und Adrian Lüdtke, die auf ihren Distanzen nicht übers Viertelfinale hinauskamen. Seidels Dresdner Klubgefährtin Bianca Walter, die zweite deutsche Olympiastarterin von 2018 in Pyeongchang, fehlte verletzt.

Stützpunktcoach Daniel Zetzsche betreute das Trio zwar in Kanada, aber die Richtung gibt der neue Bundestrainer Stuart Horsepool vor, ein im Shorttrack bekannter Brite, der bereits die dreifache Weltmeisterin Elise Christie zu Erfolgen führte. Die möchte auch Seidel erzielen. Die Zeit bis zu ihren dritten Winterspielen 2022 in Peking würde sie gern nutzen, um in die Weltspitze vorzustoßen und regelmäßig Top-Ten-Ergebnisse zu laufen.

Horsepools Ansatz im Training war für Seidel eine Umstellung. „Er lässt sehr intensiv trainieren. Der Sommer war extrem hart“, sagte sie. „Ich bin ein großer Fan von Technik. Da legt er nicht so den Schwerpunkt drauf. Dafür habe ich physisch einen großen Sprung gemacht. Die Starts und die Kraft haben sich sehr verbessert.“ Die ersten Resultate waren vielversprechend. Auf dem Weg zu Olympia in Südkorea wanderte Seidel noch während ihrer Schulzeit vorübergehend in die Niederlande aus, um sich da bei Trainerin Wilma Boomstra weiterzuentwickeln. Damals arbeiteten beide besonders an der Technik. Menschlich funktionierte es so gut, dass Seidel sogar überlegte, Boomstra zu ihrem neuen Engagement in die USA zu folgen.

Spätestens mit Horsepools Ernennung im Juni schob Seidel den Gedanken beiseite. Doch die monatelange Ungewissheit, in der sich die Athleten aufgrund der zähen Suche nach einem Bundestrainer befanden, nagte an ihr. „Es war eine harte Phase. Ich konnte mich nie auf etwas einstellen.“

Auch privat war Seidel gefordert. Im Frühjahr büffelte sie für ihr Abitur. Mit dem Ende der Schulzeit änderte sich ihr Umfeld. „Es war nicht so einfach. Die gleichaltrigen Freunde beginnen ein normales Studentenleben.“ Seidel entschied sich für ein Fernstudium in Betriebswirtschaftslehre und internationalem Management. Außerdem wird sie Sportsoldatin der Bundeswehr.

Gerade mit Olympia hat Seidel nach den von Stürzen und Enttäuschungen geprägten Wettbewerben in Pyeongchang noch eine Rechnung offen. „Ich habe es mir anders vorgestellt“, sagte sie. „Doch es bringt nichts, sich die nächsten drei Jahre darüber zu ärgern.“ Beim Weltcupauftakt zeigte Seidel, was in ihr steckt. (sid mit SZ)