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Feuilleton

Ein Europa ohne Visionen ist riskant

Der britische Historiker und Hitler-Biograf Ian Kershaw warnt in seiner Dresdner Rede davor, Macrons Ideen zu ignorieren.

Ian Kershaw wurde vor allem durch seine große Hitler-Biografie bekannt. © dpa

Sollte jemals ein Regisseur in die Verlegenheit kommen, den totalen Gegenentwurf zum Redner Adolf Hitler für eine Rolle zu suchen, dann wäre Ian Kershaw die perfekte Besetzung. Er brüllt nie, sondern bleibt immer ruhig und sachlich, selbst da, wo es um Ungeheuerliches geht. Er ballt nicht die Faust und hämmert den Arm durch die Luft, sondern hebt maximal ab und zu bedächtig den Zeigefinger, wenn er eine Ermahnung für angebracht hält. Er wirkt auch nicht wie das fleischgewordene Böse, sondern steht da wie der sympathischste, bescheidenste, britischste Mensch, den man sich überhaupt vorstellen kann. Und bei alldem hängt man als Zuhörer von Anfang bis Ende an seinen Lippen, um bloß kein Wort zu verpassen.

Die Dresdner Rede des Historikers und Hitler-Biografen Ian Kershaw am Sonntag im Schauspielhaus Dresden ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Am Montag erscheint sein neues Buch auf Deutsch: „Achterbahn“, der zweite Teil seiner Geschichte Europas im 20. Jahrhundert. Der 75-Jährige beschreibt darin, wie aus dem Erfolgsprojekt Europa nach dem Zweiten Weltkrieg im Laufe der Jahrzehnte ein Krisenprojekt geworden ist. Und er wagt im letzten Kapitel auch einen vorsichtigen Ausblick in die nahe Zukunft: Was wird aus der EU, in Zeiten von Brexit, Finanz- und Flüchtlingskrise sowie wachsendem Populismus? In seiner Dresdner Rede geht er sogar noch einen Schritt darüber hinaus: Er formuliert, für einen Historiker wie ihn ungewohnt, am Ende ziemlich deutliche Appelle ans Publikum und an die Politik.

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Dass die Karten zu Kershaws Rede schon seit Wochen restlos ausverkauft sind, hat gewiss mit seiner Bekanntheit als Autor der wohl bedeutendsten Hitler-Biografie zu tun, die vor etwa zwanzig Jahren erschienen ist. Kershaw gilt als absoluter Experte auf dem Gebiet des Nationalsozialismus und dessen Ursachen. Und natürlich saugt man gerade deswegen jeden seiner Sätze auf, wenn er über die aktuelle Krise Europas spricht: Kann die große Katastrophe noch einmal passieren? Wer, wenn nicht dieser Historiker, könnte diese Frage beantworten?

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Kershaw wäre nicht Kershaw, wenn er leichthin solche Vergleiche zöge. In seiner Rede – vorgetragen in fließendem Deutsch, mit leichtem britischen Akzent – tut er das explizit an keiner Stelle. Und doch schwingt der Gedanke daran beim Zuhören unausgesprochen immer mit. Zunächst beschreibt Kershaw mit fast schon buchhalterischer Sachlichkeit, aber sehr anschaulich, wie Europa in die Misere hineingeraten ist, in der es zurzeit steckt. Den Titel „Achterbahn“ habe er dabei ganz bewusst gewählt, „um weg von der Perspektive einer Erfolgsgeschichte zu kommen“, sagt er.

Es begann in den Siebzigern mit den Ölkrisen und dem Ende des Wirtschaftswachstums. Sparpolitik und Neoliberalismus waren die Folge. Mit dem Fall der Mauer brach dann eine zweigeteilte, aber immerhin stabile politische Weltordnung auseinander, was bis heute zu Unsicherheiten führt. Und durch das Internet entwickelte sich eine Entfesselung der Märkte, die schließlich 2008 zum großen Crash führte. Kershaw spricht hier gar von „Raubtierkapitalismus“ und „ungezügeltem Turbokapitalismus“.

Seiner Rede ist an einigen Stellen anzumerken, dass er im „neoliberalistischen Denken“ durchaus eines der Grundübel sieht, die zu den heutigen Problemen geführt haben. Kershaw, nicht unbedingt als marxistischer Historiker bekannt, spricht etwa von „obszönen Gehältern von Wirtschaftsbossen“, wenn das Verhältnis von Vorstandsbezügen zum Durchschnittsverdienst inzwischen bei 129 zu 1 liegt, ein drastischer Anstieg seit den Neunzigern.

Zugleich lässt Kershaw keinen Zweifel daran, dass er im Grundsatz ein Anhänger der liberalen Demokratie und der Europäischen Union ist: offene Grenzen, freies Wissen, internationale Zusammenarbeit – das alles seien Vorteile des Systems, für die es sich zu kämpfen lohne. Und doch zeigt er Verständnis für eine weitverbreitete Skepsis gegenüber der EU, denn diese sei von vornherein „ein bewusst elitäres Projekt“ gewesen. Ian Kershaw liest ein Zitat des Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker vor, und man spürt förmlich, wie sich dabei im Publikum manches Haar sträubt: „Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, machen wir weiter, Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“ Ob eine solche Methode, wie von Juncker beschrieben, wohl mit den Anforderungen einer Demokratie vereinbar sei? Kershaw stellt die Frage bewusst rhetorisch in den Raum.

"Widerstand gegen Fremdenfeindlichkeit"

Ebenso deutlich, wie er die politischen und wirtschaftlichen Eliten kritisiert, verurteilt der Historiker aber auch die Antwort der Europafeinde. Die Rückkehr zu einem Europa von populistisch beherrschten Nationalstaaten wäre ein „Albtraum“, sagt Kershaw. Er warnt vor „Hass und Ausländerfeindlichkeit“ und betrachtet mit Sorge, dass zunehmend Emotionalität über Rationalität siege. Und er formuliert auf der Dresdner Bühne Worte, wie man sie in dieser Deutlichkeit bei einem sonst so vorsichtig abwägenden Wissenschaftler seines Kalibers selten hört: „Es muss Widerstand mobilisiert werden“, sagt Kershaw, „gegen Fremdenfeindlichkeit und nationalen Populismus.“ Dieser Kampf werde eine Aufgabe von Jahren, „vielleicht sogar Generationen“ sein. Denn der Höhepunkt der Entwicklung sei wahrscheinlich noch nicht erreicht.

Anders als in den Dreißigern – hier zieht Kershaw doch einmal eine Analogie – werde die liberale Demokratie heute nicht „frontal angegriffen“, sondern durch Populisten „von innen her ausgehöhlt“. Der Wiederaufstieg eines schrillen Nationalismus sei zutiefst beängstigend. „Grund zu verzweifeln ist er aber nicht.“ Kershaw betont, dass nach wie vor in vielen Ländern Europas die große Mehrheit der Bevölkerung den Populismus ablehne. „Mehr als vier Fünftel der Wähler in Deutschland gehören nicht zur Wählerschaft der AfD“, stellt er fest. Es sei aber nicht garantiert, dass das auch in Zukunft so bleiben wird.

"Politik des Durchwurstelns"

Nicht zuletzt das Problem der Flüchtlingskrise, „der Zustrom von Zuwanderern, vor allem illegalen Migranten“ aus Afrika nach Europa, sei keineswegs gelöst, sagt Kershaw. „Die Zuwanderung zu regulieren gehört zu den dringendsten Aufgaben der EU, zu den allergrößten Prioritäten.“ Dabei müsse es auch darum gehen, die externen Grenzen der EU zu stärken und illegale Migration zu verhindern.

Auffällig oft verweist Ian Kershaw in seiner Rede auf den offenen Brief, den Frankreichs Präsident Emmanuel Macron vorige Woche an die Bürgerinnen und Bürger Europas verfasst hat. Dessen Vorschläge zur Reform der EU hält der Brite für vernünftig oder zumindest diskussionswürdig. Und er deutet an, dass er die verhaltene Reaktion Angela Merkels für eine Enttäuschung hält: „Wenn diese Ideen Macrons nicht aufgegriffen werden“, so Kershaw, „besteht die Gefahr, dass sich die Politik des Durchwurstelns weiterhin in der EU fortsetzen wird. Das wäre aber riskant.“ Dann spannt er den ganz weiten Bogen, zum Heiligen Römischen Reich: Auch dieses sei letztlich, nach tausend Jahren Bestand, an „Durchwursteln“ zugrunde gegangen, nämlich an stur bewahrten Sonderinteressen von Fürsten und anderen Gruppen, die alle Reforminitiativen vereitelt hätten.

„Wir brauchen Staatsmänner und -frauen von Vision, Inspiration, Einfallsreichtum und Engagement, um uns Europäern neuen Optimismus zu geben.“ Das wünscht sich Kershaw zum Schluss seiner Rede. Es klingt wie der Versuch, noch ein wenig Hoffnung zu streuen am Ende einer Analyse, die eher Anlass zur Ernüchterung gibt. Der freundliche, warme, lang anhaltende Applaus des Dresdner Publikums zeugt aber davon, dass die Sehnsucht nach einem europäischen Neubeginn durchaus weit verbreitet zu sein scheint. Über den bald bevorstehenden Brexit hat Ian Kershaw bezeichnenderweise nur in ein, zwei knappen Sätzen gesprochen. Großbritannien werde voraussichtlich bald das erste Land sein, das der EU den Rücken kehrt. Und er hat traurig ein Wort hinzugefügt: „Leider.“

Die vollständige Rede zum Nachhören finden Sie hier.

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