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Zwölf Damwild-Kälber gerissen

In Großdobritz sollen Wölfe gewütet haben. Das Landratsamt legt sich nicht fest. Es kritisiert aber die Halter.

© Georg Händler

Von Jürgen Müller

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Niederau. Jörg Händler traute am Montagvormittag gegen 8 Uhr seinen Augen nicht. In dem Gatter, in dem Damwild gehalten wird, hatte es in der Nacht ein Gemetzel gegeben. Von den 120 Tieren sind zwölf tot, teilweise schlimm zugerichtet. Für den Chef der Agrargesellschaft Großdobritz ist klar, auf wessen Konto die nächtliche Schlacht geht. „Das waren Wölfe. Im Schlamm sind eindeutige Pfotenabdrücke gefunden worden. Und alle Tiere wurden durch den für Wölfe typischen Kehlbiss getötet“, sagt er. Seit 2001 hält die Agrargesellschaft hier auf zwölf Hektar Damwild, vermarktet es selbst. Die Kälber, die getötet wurden, waren etwa ein halbes Jahr alt. Mit einem Jahr sind sie schlachtreif, werden geschossen.

Regelrecht abgenagt wurde dieses getötete Damwild-Kalb nach dem Angriff.
Regelrecht abgenagt wurde dieses getötete Damwild-Kalb nach dem Angriff. © Georg Händler
Diese Spuren wurden im Schlamm gefunden. Eindeutig Wolfspuren, sagt der Chef der Agrargesellschaft. Im Landratsamt will man sich nicht festlegen. Die Abdrücke könnten auch von einem großen Hund stammen.
Diese Spuren wurden im Schlamm gefunden. Eindeutig Wolfspuren, sagt der Chef der Agrargesellschaft. Im Landratsamt will man sich nicht festlegen. Die Abdrücke könnten auch von einem großen Hund stammen. © Georg Händler

Geschützt werden die Tiere in Großdobritz durch einen etwa zwei Meter hohen Zaun. Doch dieser reichte nicht aus. Nach Händlers Ansicht müssen es mehrere Tiere gewesen sein. Sie haben sich unter dem Zaun durchgegraben. Ein Tier wurde völlig abgenagt, die meisten anderen lediglich getötet. „Die Tiere müssen wie im Rausch gewesen sein“, sagt Sohn Georg Händler, ebenfalls Geschäftsführer der Gesellschaft. Die muss nun die Verluste abschreiben, insgesamt rund 2 000 Euro, schätzt Jörg Händler. Hinzu kommen die Entsorgungskosten. Die getöteten Tiere wurden in die Tierkörperbeseitigungsanlage nach Lenz gebracht. Dass er entschädigt wird, glaubt Jörg Händler nicht. Für ihn war der vermutliche Wolfsangriff einer mit Ansage. In der Vergangenheit wurden Schafe in Großenhain und Ebersbach getötet. „Die Einschüsse kamen immer näher. Es war nur eine Frage der Zeit“, sagt Jörg Händler.

Die Untere Naturschutzbehörde war am Montag vor Ort, hat sich den Schaden angesehen, ist den Zaun abgelaufen. Fest stehe, dass es mehrere Tiere waren, die das Damwild angegriffen hätten. An zwei Stellen hätten sich die Angreifer unter dem Zaun durchgegraben. „Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass es Wölfe waren“, sagt Kerstin Thöns, die Sprecherin des Landratsamtes Meißen. Es gebe eindeutige Spuren, die jetzt ausgewertet würden.

Die Spuren könnten allerdings auch von großen Hunden stammen, räumt sie ein. Es habe beispielsweise in Tschechien einen Fall gegeben, bei dem Hunde in ein Gatter eingedrungen seien und Tiere getötet hätten. Um aufzuklären, ob Wölfe für die Damwild-Risse in Frage kommen, werde jetzt ein Gutachten erstellt. Wölfe seien jedenfalls von niemandem gesehen worden. Und auch Kot, der als Nachweis dienen könnte, wurde nicht gefunden. Die Behörde kritisiert die Halter. „Der vorhandene Schutz hätte ertüchtigt werden müssen. Es gab weder einen Untergrabungsschutz noch einen Elektrozaun“, sagt die Sprecherin des Landratsamtes.

Nach Ansicht von Jörg Händler gibt es keine Zweifel, dass es sich um einen Wolfsangriff handele. Dass sich Wölfe in der Umgebung aufhielten, sei bekannt. Immer wieder würden diese Tiere in Fotofallen tappen. Aus seiner Sicht gibt es in Großdobritz keinen machbaren Schutz gegen Wölfe. Ein Elektrozaun käme nicht in Frage, weil sich das Damwild darin verhaken könnte. Zudem gebe es an dem Gelände Publikumsverkehr. Für ihn, der auch Jäger ist, gibt es nur einen wirksamen Schutz: „Die Wölfe müssen abgeschossen werden“. Das freilich ist in Deutschland streng verboten.

In der Agrargesellschaft, die 13 Mitarbeiter hat und neben dem Damwild noch etwa 300 Rinder und 200 Schweine hält, fürchtet man weitere Angriffe des Wolfes. „Der kommt garantiert wieder, nachdem es so gut geklappt hat“, so Georg Händler. Auch Rinderherden könnten demnächst betroffen sein. Zwar würden Wölfe eher selten Rinder angreifen, diese würden aber die Umzäunung durchbrechen. Eine Rinderherde wieder einzufangen, sei sehr schwierig. „Vor solch einer Aktion graut uns noch mehr“, sagt er.

Kenntnis von dem Vorfall in Großdobritz hat mittlerweile auch das Kontaktbüro „Wölfe in Sachen“ in der Lausitz. Die vom Kreis Görlitz getragene Einrichtung ist die offizielle Ansprechstelle zum Thema Wolf für die Bevölkerung im Freistaat und nimmt im Rahmen des Managementplans für den Wolf in Sachsen die zentrale Rolle der Öffentlichkeitsarbeit ein. Nach Angaben eines zuständigen Mitarbeiters liegen den Experten bislang allerdings keine Fakten vor, die über den Wissensstand des Landratsamtes hinausgehen würden. Dessen Wolfsbeauftragter werde in den nächsten Tagen ein Gutachten erstellen, um die Frage einer möglichen Entschädigung zu klären.