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Wie die Turmfalken brüten

In einem Putzkauer Horst liegt eine Webcam. Sie überträgt die Bilder auf einen Monitor. Zum Gucken für alle.

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© Steffen Unger

Von Ingolf Reinsch und Gabriele Nass

Putzkau. Sieben Eier liegen im Nest. Matthias Kühnel weiß das ganz genau. Er schaut täglich hoch zu „seinen“ Falken, die im Putzkauer Kirchturm brüten. Für den 60-Jährigen ist es nur ein Katzensprung. Er wohnt mit seiner Frau, der Kantorin, im Kirchgemeindehaus gleich neben der Kirche.

Zunächst lagen vier Eier im Nest. Inzwischen sind drei weitere hinzugekommen.
Zunächst lagen vier Eier im Nest. Inzwischen sind drei weitere hinzugekommen. © Steffen Unger
Hinter dem ovalen Fenster unter der Turmuhr brüten die Falken.
Hinter dem ovalen Fenster unter der Turmuhr brüten die Falken. © Steffen Unger
Die Videokamera blickt genau auf die Brutstätte. Die Elektrofirma Israel sponsert die Technik.
Die Videokamera blickt genau auf die Brutstätte. Die Elektrofirma Israel sponsert die Technik. © Steffen Unger

Seit vielen Jahren beobachtet der Putzkauer das Brutgeschehen der Gäste auf Zeit und die Aufzucht von deren Jungen. Eine Sache, die ihn jedes Mal aufs Neue fasziniert. „Würden die Falken fehlen, würde mir etwas fehlen“, sagt er. Spannend ist es vor allem dann immer wieder, wenn die Jungen geschlüpft sind. Wenn die Eltern mit Nahrung zurückkommen und die Kleinen die Schnäbelchen nach oben recken und weit aufsperren. Wenn diese im Nest herumhüpfen und schließlich zu ihrem ersten Flug starten.

Matthias Kühnel kennt den Lebensrhythmus der Vögel mittlerweile aus dem Effeff. Erst wenn alle Eier gelegt sind, fängt das Weibchen mit dem Brüten an. In diesem Jahr sah es so aus, als wäre das schon Mitte April der Fall. Damals lagen vier Eier im Nest, ohne dass sich Weiteres tat. Doch in den darauf folgenden Tagen presste das Weibchen noch ein Fünftes, ein Sechstes und ein siebentes Ei aus sich heraus. Damit begann die Brutzeit erste Ende April. Diese dauert etwa vier Wochen. Dann schlüpfen die Jungen. Das könnte in diesem Jahr in der vorletzten oder letzten Maiwoche sein. Nur weitere 28 bis 30 Tage dauert es, bis die Jungen flügge sind und ausfliegen. Damit könnte die Brutkammer im Putzkauer Kirchturm ab Ende Juni schon wieder verwaist sein.

Beobachtung aus nächster Nähe

Matthias Kühnel könnte sich das alles aus nächster Nähe ansehen. Denn als stellvertretender Vorsitzender des Kirchenvorstandes hat er natürlich einen Kirchenschlüssel und kann jederzeit den Turm besteigen. Er tut es nicht, um die Falken nicht zu stören. Trotzdem ist er nah dran und ermöglicht das auch jedem anderen. Denn der pfiffige Elektriker hatte vor Jahren eines Idee, die inzwischen viele begeistert: Er installiert jedes Jahr vor dem Einzug der Falken eine Kamera im Kirchturm , verlegt ein Kabel nach unten und schließt am Fuße des Turms einen Bildschirm an. Durch das Fenster einer Seitennische kann den jeder sehen – und live verfolgen, was sich oben im Turm tut. Sobald Besucher an das Fenster herantreten, geht der Bildschirm an. Kostenloses Falken-TV, gesponsert von der Putzkauer Elektrofirma Israel. Sie stellt die Technik gratis zur Verfügung.

Seit über 20 Jahren hält die Kirchgemeinde unter der Turmhaube eine Nisthilfe für die Falken bereit. Bei der Turmsanierung war extra ein Fenster für die Vögel offen gelassen worden. „Wir können den Tieren nicht direkt helfen, aber als Menschen für gute Bedingungen sorgen, damit sie sich fortpflanzen können und als Art erhalten bleiben“, sagt Matthias Kühnel.

Nisthilfe auch für eine Schleiereule

Seit dem Jahr 1990 brüten die Turmfalken jedes Jahr in Putzkau. Damit sie sich im Kirchturm nicht „verirren“, hat die Kirchgemeinde den Bereich, der für die Vögel vorgesehen ist, mit einem Drahtgitter abgesperrt. Angeregt durch die guten Erfahrungen mit den Falken schuf die Kirchgemeinde zusammen mit der Fachgruppe Ornithologie des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) aus Bautzen im Jahr 2010 eine weitere Nisthilfe für die Schleiereule. Versierte Vogelkundler bauten dafür einen etwa einen Meter hohen Nistkasten, den sie hinter das Fenster unter der Turmuhr setzten. Erfahrungsgemäß dauert es aber mehrere Jahre, bis sich die Schleiereulen an einem neuen Standort sesshaft machen.

Die Putzkauer ist eine von mehr als 600 Kirchen in Deutschland, die vom Aussterben bedrohten Vögeln eine Brutmöglichkeit geben. Denn Turmfalken und Schleiereulen nutzen Kirchtürme gern als Nistplatzersatz für natürliche Bruthöhlen in Felsen oder Bäumen. Leider gehen solche Plätze oft verloren, wenn Kirchtürme saniert werden – beispielsweise wenn Einfluglöcher oder Brutnischen verschlossen oder Gitter zum Schutz gegen Tauben eingebaut werden, beklagen Naturschützer. Die Putzkauer Kirchgemeinde geht bewusst einen anderen Weg: Sie öffnet ihren Kirchturm für Vögel. Für die Schleiereule ließ sie sogar ein Loch ins Fensterglas bohren. Diese Gastfreundschaft wurde vom Naturschutzbund belohnt: Er verlieh der Kirchgemeinde die Plakette „Lebensraum Kirchturm“ – für jeden sichtbar gleich neben dem Fenster mit dem Monitor.

Auszeichnung motiviert

Eine solche Auszeichnung motiviert. Aber sie ist für Matthias Kühnel nicht entscheidend. Für ihn ist es wichtig, die Natur in ihrer reichen Vielfalt zu erhalten. „Ich bin sehr naturverbunden, wurde schon von meinen Eltern in diesem Sinne erzogen“, sagt der Putzkauer. Er kümmert sich nicht nur um die Turmfalken, sondern auch um andere Vögel. Im Winter ist das Vogelhaus am Kirchgemeindehaus immer gut gefüllt. Die gefiederten Freunde kommen und danken es auf ihre Weise. Es gibt Wintertage, an denen kann Matthias Kühnel 30, 40 Stieglitze an seinem Vogelhaus beobachten. Hinzu kommen andere, selten gewordene Arten, wie zum Beispiel der Kernbeißer. „Es sind oft die kleinen Dinge, die Freude bereiten. Wir müssen sie nur sehen“, sagt Matthias Kühnel.

Die Kirche befindet sich an der Dresdener Straße in Putzkau. Die Webcam ist täglich in Betrieb.